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Inhumane Humanität

Die Niederlande waren weltweit eines der ersten Länder, das liberale Sterbehilfegesetze erließ. Daran haben weder rechte, linke noch liberale Regierungen etwas geändert. An die 6500 Personen pro Jahr nehmen inzwischen die Möglichkeit wahr, den Zeitpunkt und die Art ihres Todes selbst zu bestimmen. Auf die Bevölkerung Österreichs umgerechnet bedeutet dies, dass ca. 3000 Personen pro Jahr auch hierzulande von dem Angebot Gebrauch machen würden. Wenn es erlaubt wäre!

Bis zum Erkenntnis des österreichischen Verfassungsgerichtshofs im Dezember letzten Jahres war es nämlich streng verboten. Und dies, obgleich eine von der „Österreichischen Gesellschaft für ein humanes Lebensende“ beauftragte Studie dieser Tage ergab, dass 80 % der Bevölkerung Sterbehilfe befürworten. Und im Übrigen seit Jahren eine Mehrheit der Bevölkerung bei Umfragen immer wieder mehrheitlich für Sterbehilfe eingetreten ist.

Daraus jedoch ergeben sich doch einige peinliche Fragen: Sind sich zum Beispiel all jene, die auch heute noch die Sterbehilfe bekämpfen, im Klaren darüber, dass sie ihren Mitbürgern ein auch vom europäischen Menschenrechtsgerichtshof längst anerkanntes Menschenrecht damit vorzuenthalten versuchen? Und pro Jahr Tausende dazu verurteilen, oft qualvoll in einer Art zu sterben, wie sie es nicht wollen? Wird hier eine oftmals zur Schau gestellte Humanität nicht aus ideologischer Intoleranz heraus in ihr Gegenteil verkehrt?

Alois Schöpf

Alois Schöpf, Autor und Journalist, lebt bei Innsbruck. Alois Schöpf schreibt seit 37 Jahren in Zeitungen und Zeitschriften, zuletzt seit 28 Jahren in der Tiroler Tageszeitung, pointierte und viel gelesene Kolumnen. Er ist einer der dienstältesten Kolumnisten Österreichs. Zahlreiche Veröffentlichungen, bei Limbus: Vom Sinn des Mittelmaßes (2006), Heimatzauber (2007), Die Sennenpuppe (2008), Platzkonzert (2009), Die Hochzeit (2010), Glücklich durch Gehen (2012), Wenn Dichter nehmen (2014), Kultiviert sterben (2015) und Tirol für Fortgeschrittene (2017). Zuletzt erschien in der Edition Raetia Bozen gemeinsam mit dem Fotografen und Regisseur Erich Hörtnagl "Sehnsucht Meer, Vom Glück in Jesolo", die italienische Übersetzung wurde zeitgleich präsentiert. Und es erschien, wieder bei Limbus, "Der Traum vom Glück, Ausgewählte Alpensagen". Schöpf ist auch Gründer der Innsbrucker Promenadenkonzerte und leitete das erfolgreiche Bläserfestival fünfundzwanzig Jahre lang bis 2019.

Dieser Beitrag hat 5 Kommentare

  1. Christian Fiala

    Reaktion auf die Replik Bischof Glettlers in der Tiroler Tageszeitung vom Montag, 19. 04. 2021 Seite 2:
    Also der neue Bischof zeigt seine Qualifikation als Manipulator.
    Zu seiner Erwähnung des Films „Ziemlich beste Freunde“ fehlt eine kleine Ergänzung im Hinblick auf den fundamentalen Unterschied zwischen den meisten Menschen mit Querschnittslähmung und dem Hauptdarsteller in dem Film: Die meisten Betroffenen im realen Leben sind weder reich, noch adlig und haben deshalb weder eine Heerschar von Hausangestellten, noch einen Maserati im Hof stehen. Sondern sie liegen tagein tagaus über Monate und Jahre vergessen in irgendeinem Mehrbettzimmer und sind der Willkür der wenigen sowie überlasteten Pflegekräfte ausgeliefert.
    Aber vielleicht ist es ja genau das, was der Bischof will. Entspricht so ein Leben ja dem katholischen Geschäftskonzept! Nur sollte er dann wenigstens den Mut haben, das auch zuzugeben.

  2. Christine Delnicki

    Die Begriffe „erlauben“ und „verbieten“ finde ich unpassend. Der assistierte Suizid ist noch im Moment kriminalisiert und möge entkriminalisiert werden. Erlauben und Verbieten sind eine ganz andere Kategorie. Eine Regierung kann nicht erlauben und verbieten. Das ist sinnlos. Zudem werden Abgeordnete aufgerufen, abzustimmen. Es gibt welche, die die Sterbehilfe für ihr persönliches Leben ablehnen/ sie gegen ihr Gewissen ist. Das ist legitim. Insofern kann man Abgeordnete nicht zwingen, die Sterbehilfe zu „erlauben“, sehr wohl aber zu entkriminalisieren, und nichts mehr ist es.

  3. Robert Fies

    Ich bin für maximale Selbstbestimmung in dieser persönlichen Frage.

  4. Rainer Haselberger

    Ich sehe keinen Grund, warum ich nicht selbst bestimmen dürfte, wann der Nutzen, den mein Leben für mich hat, vom Leid desselben für mich aufgewogen wird. Ob meine subjektive Bewertung ökonomische, existentielle oder medizinische Gründe hat, ist allein meine Entscheidung und nicht die des Pfarrers oder des Spitalserhalters.
    Wir Menschen sind nicht Lämmer, die des bevormundenden „Guten Hirten“ bedürfen, sondern von der Gattung Homo Sapiens Sapiens, die in den meisten Fällen zu eigenständigem Denken und Handeln fähig ist.

  5. Marcela Selinger

    Leserbrief zum Gastkommentar von Bischof Hermann Glettler Tiroler Tageszeitung 19.4.2021

    Es gibt sicherlich Betroffene, die dankbar sind, dass sie respektvoll im Weiterleben begleitet werden. Ebenso gibt es Betroffene, die zutiefst dankbar sind, dass sie genauso respektvoll in den Tod, für den sie sich entschieden haben, begleitet werden können. Dies erfordert ein ebenso hohes Maß an menschlicher Zuwendung wie für jene, die ihrem Leben auch nach einem schweren Schlag Qualität verleihen möchten. Die Auseinandersetzung mit dem Tod ist nicht unwesentlicher als die Auseinandersetzung mit dem Leben.
    Man darf auch nicht außer Acht lassen, dass für einige Menschen die Sedierung keineswegs in die Kategorie Lebensqualität zählt, was ebenfalls respektiert gehört. Es gibt Suizide, die aus Verzweiflung geschehen – oftmals sind diese Menschen nicht einmal krank und haben noch ihr Leben vor sich. Wenn sich allerdings jemand für den Freitod entscheidet, der sterbenskrank ist, den keine Lebensqualität mehr erwartet sowie noch vollkommen geistig klar ist, so trifft er diese Entscheidung nicht aus Verzweiflung, sondern aus einer befreienden Klarheit heraus, die beruhigt und einen Abschied aus diesem Leben ermöglicht, der in anderen Zuständen unmöglich wäre.
    Allerdings obliegt es wohl jedem selbst, sich damit zu beschäftigen und sich eine eigene Meinung zu bilden.
    Meine Mutter wählte den Freitod nach einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Sterben und Krankheit.
    Ich bitte um breitere und realitätsbezogene Denkansätze und weniger Dogmatismus, lieber Herr Glettler- schließlich gibt es in Ihren eigenen Reihen genügend dunkle Orte, wo man vor der eigenen Haustüre kehren sollte.

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