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Endlich Ehrlichkeit!

Wenn Tirol nicht seit Jahrhunderten ein Passland wäre, brächten wir es bestenfalls auf ein entsiedeltes Randgebiet, aus dem flüchten würde, wer irgendwie könnte. Wir verdanken unseren materiellen, aber auch kulturellen Wohlstand vor allem der Tatsache, dass sehr viele, die vom Norden in den Süden oder vom Süden in den Norden möchten, unser Land durchqueren mussten. Und müssen! Hier beginnt das Problem. Beileibe nicht nur wegen des Güterverkehrs, der zum identitätsbildenden Lieblingsfeind aufstieg!

Im Sinne eines ehrlichen Selbstverständnisses als Transitland hätte die Brennerautobahn nämlich schon längst erweitert werden müssen: ein absolutes Sakrileg für alle jene zweifelsfrei berechtigt Umweltbewegten, die europafeindlich auf eine utopische Verbotspolitik setzen. Die Retourkutsche aus Bayern haben wir soeben erlebt.

An der Debatte über den Neubau der Luegstrecke im Wipptal als Brücke oder Tunnel entzündet sich nun die Problematik von neuem. Statt großzügig einen die Umwelt, die Landschaft und die Wohnbevölkerung schonenden, zukunftstauglichen d.h. sechsspurigen Tunnel zu bauen, führen Technologiefeindlichkeit einerseits und Kostenargumente andererseits wieder einmal zu einer Schmalspurlösung, die weder die geplagten Einheimischen befriedigen wird, noch der Rolle des Brenners als Hauptverkehrsachse entspricht. Der auf beidseitiger Ignoranz beruhende Streit kann also weitergehen.

Alois Schöpf

Alois Schöpf, Autor und Journalist, lebt bei Innsbruck. Alois Schöpf schreibt seit 37 Jahren in Zeitungen und Zeitschriften, zuletzt seit 28 Jahren in der Tiroler Tageszeitung, pointierte und viel gelesene Kolumnen. Er ist einer der dienstältesten Kolumnisten Österreichs. Zahlreiche Veröffentlichungen, bei Limbus: Vom Sinn des Mittelmaßes (2006), Heimatzauber (2007), Die Sennenpuppe (2008), Platzkonzert (2009), Die Hochzeit (2010), Glücklich durch Gehen (2012), Wenn Dichter nehmen (2014), Kultiviert sterben (2015) und Tirol für Fortgeschrittene (2017). Zuletzt erschien in der Edition Raetia Bozen gemeinsam mit dem Fotografen und Regisseur Erich Hörtnagl "Sehnsucht Meer, Vom Glück in Jesolo", die italienische Übersetzung wurde zeitgleich präsentiert. Und es erschien, wieder bei Limbus, "Der Traum vom Glück, Ausgewählte Alpensagen". Schöpf ist auch Gründer der Innsbrucker Promenadenkonzerte und leitete das erfolgreiche Bläserfestival fünfundzwanzig Jahre lang bis 2019.

Dieser Beitrag hat 3 Kommentare

  1. Rainer Brandner

    Sehr geehrter Herr Schöpf!
    Mit Interesse lese ich Ihre Kommentare, so auch ihren letzten Kommentar „Endlich Ehrlichkeit“. Gerade die ASFINAG (ein Staat im Staate) nimmt es da mit der Ehrlichkeit nicht so genau. Nachdem das (grüne) Verkehrsministerium unlängst ein UVP-Verfahren bezüglich des geplanten Neubaues der Luegbrücke abgelehnt hat, ist mir klar geworden, dass nun die Sache Brücke versus Tunnel wohl endgültig entschieden ist. Trotzdem dachte ich mir, sollte ich mein Wissen weitergeben, da ich den Eindruck hatte, dass die Bevölkerung nicht über alles informiert wurde. Ich schrieb einen Leserbrief, aus dem dann der Artikel in der TT am 9.04.2021 wurde. Ich wies darauf hin, dass man nun neuerlich nach 50 Jahren wieder in diese große Massenbewegung vom Padaunerberg Brückenpfeiler hineinsetzen muss, da man auch beim Bau der neuen Brücke nicht ausweichen kann. Die alten Brückenpfeiler sind nun am „Anschlag“ (deshalb muss was geschehen). Die alte Fehlplanung wird nun wiederholt.
    Dazu die flapsige Bemerkung des ASFINAG Planungsingenieurs: ja, das wissen wir, aber wir haben das nun „im Griff“! Derartig tiefe Massenbewegungen kann man nicht im Griff haben und schon gar nicht bei der dzt. nicht absehbaren Zunahme an starken Niederschlägen durch den Klimawandel.
    Mit dem alternativen Tunnel könnte man diesem großen Problem ausweichen und zudem Land- und Lebensraum gewinnen. Bei der „sachlichen Variantenfindung“ (Bergmeister Gutachten) wurde ein 6-spuriger Tunnel von der ASFINAG vorgegeben – klar dass da dann der Brückenneubau kostengünstiger sein musste. Liest man aber das Bergmeister Gutachten genauer, so sind es nur wenige Punkte zugunsten des Brückenneubaues.
    Dass es in Österreich keinen einzigen sechsspurigen Autobahntunnel gibt, und dass es auf der Südtiroler Seite der Brennerautobahn ebenso keinen Tunnel in dieser Dimension gibt, sei hier aber auch erwähnt. Zweispurige Autobahntunnel für jede Fahrtrichtung in der in Österreich und Italien üblichen Ausführung sind kostengünstiger und wahrscheinlich schneller zu bauen als eine neue Brücke. Das zeigt auch das Gutachten des international weitum bekannten Tunnelbau-Ingenieurs Max John. Für eine „sachliche Variantenfindung“, also einem Vergleich Brückenvariante vs. Tunnelvariante, müssen zudem auch entsprechende detaillierte geologische Unterlagen für den Tunnel vorliegen – diese liegen nachweislich nicht vor! Deshalb bekam der Tunnel hier nur 2 Punkte, die Brücke aber 7 Punkte – bei entsprechender Gewichtung der entscheidenden Parameter kommt dann das heraus, was man haben will!
    Kurzum, ich verstehe diese Entscheidung überhaupt nicht und muss daher leider wiedereinmal annehmen, dass auch ich nicht über alles informiert bin….

  2. Peter Gschirr

    Herr Schöpf hat sich sehr „einfühlsam“ zum Brennertransit geäußert. Eine Erweiterung der Brennerautobahn ist seiner Meinung nach schon längst fällig, nichtwissend (??), dass dies ständig im Gegensatz zur italienischen Seite passiert.
    Das Wipptal ist das lauteste Alpental Europas, noch dazu mit dem geringsten Lärmschutz. Unsere südlichen Nachbarn sind schon seit Jahren meilenweit umweltbewusster. Dort gilt vom Brenner bis Bozen generell Tempo 60 / 110, sowie ein generelles LKW Überholverbot.
    Dort gibt es auch keinen einzigen dreispurigen Abschnitt.
    Davon können die Wipptaler bestenfalls träumen. Da gelten andere Gesetze, teilweise überholen die LKW’s in dritter Spur, bekanntermaßen gilt zudem großteils Tempo 80 / 130.
    Herr Schöpf sollte sich von dieser Situation selbst ein Bild machen, ehe er den Umweltbewußten europafeindliches Verhalten unterstellt, wohlwissend (??), dass gerade die großen EU Länder die ökologische Verlagerungspolitik auf die Bahn nach wie vor blockieren.

  3. Armin Brunner

    Sehr geehrter Herr Schöpf,
    ich lese recht gerne Ihre zumeist recht zutreffenden Kommentare in der TT. Was allerdings „zutreffend“ betrifft, so möchte ich das nur für den letzten Absatz des angesprochenen Artikels gelten lassen, in dem Sie für den Neubau der Luegstrecke eine großzügige Tunnellösung befürworten.
    Diese wäre wünschenswert, ist aber sehr teuer, und zahlen müssten das dann die österreichischen Steuerzahler und nicht die ausländischen Fernlaster, deren Mautgebühren die Schäden an den Straßen, die sie verursachen, keinesfalls abdecken.
    Was aber die Einleitung zu besagtem Artikel betrifft, in der es da heißt, „….. brächten wir es bestenfalls auf ein entsiedeltes Randgebiet, aus dem flüchten würde, wer irgendwie könnte“.
    Unseren Wohlstand sollen wir vor allem den Durchreisenden zu verdanken haben? Das sind denn doch reichlich tolldreiste Behauptungen, mit denen Sie sich in Tirol sicher keine Freunde gemacht haben.
    Kennte man den Autor nicht, so würde jeder mit Sicherheit annehmen, ein den Tirolern sehr feindselig gesonnener Ausländer habe hier eine gehässige Tirade losgelassen. Der erste Satz ist schon dadurch widerlegt, dass es Bundesländer und Staaten gibt, die keine ausgesprochenen Durchzugsgebiete sind und den Tirolern in ihrem Wohlstand in nichts nachstehen.
    Der Wohlstand eines Volkes ist in erster Linie durch einen hohen Stand der Produktivität seiner Industrie und Landwirtschaft begründet, diese wiederum durch den stetigen technischen Fortschritt und den Fleiß und Einsatzwillen seiner Bevölkerung. Das sei Ihnen mit dicken Lettern ins Stammbuch geschrieben.
    Im zweiten Absatz Ihres Artikels sprechen Sie von – jenen zweifelsfrei berechtigt Umweltbewegten – verunglimpfen sie aber sofort als europafeindlich. Das sind diese sicher nicht, sind aber genug verantwortungsbewusst, den ausufernden, Mensch und Umwelt schädigenden LKW-Transitverkehr nicht wie eine Naturkatastrophe hinzunehmen, er ist nämlich eine menschengemachte.
    Den Kurz haben Sie einmal als politisches Talent bezeichnet, das ist er wohl und jedenfalls ein guter Selbstdarsteller, aber das sagt noch gar nichts über die Qualität seiner Politik aus. Auch Hitler und Stalin waren politische Talente, sonst wären sie nicht soweit nach vorn gekommen.
    Die Wissenschaftler warnen schon seit Jahrzehnten eindringlich, mehr für den Umweltschutz zu tun und sagen, dass es schon nicht mehr 5 vor 12, sondern 5 nach 12 ist, aber unsere „politischen Talente“ weltweit achten hauptsächlich darauf, wiedergewählt zu werden, um nur ja an der Macht zu bleiben und bloß nicht die Leute durch dringend notwendige, aber unpopuläre Maßnahmen zu verprellen. Diese Kurzsichtigkeit wird sich noch gewaltig rächen, dessen können wir uns sicher sein.
    Zu mir noch ein erklärendes Wort: Ich bin Österreicher mit Vorfahren aus Schwaz, gearbeitet und gelebt habe ich aber die meiste Zeit im Allgäu. Seit ich in Pension bin, verbringe ich wieder viel Zeit in Schwaz, da ist noch ein Haus in Familienbesitz.
    Interessant auch, Schwaz war der Bezirk mit den prozentuell meisten Gegenstimmen zum österreichischen EU-Beitritt. Die Hoheit über die Transitstrecken hat man damals unter der Regierung Schüssel verschenkt, ob bewusst oder aus Gleichgültigkeit weiß ich nicht.

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