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Literarische Korrespondenz
Andreas Niedermann an Marcel Looser
Betrifft:
Die "Elite" Österreichs aus der Sicht eines Schweizers.

„Österreich ist die Schweiz der Komfortlosigkeit“. Das ist ein etwas angejahrter Sager von André Heller und klingt, wie vieles von Heller, fuckin gut, sagt aber eigentlich nichts aus, und ist ziemlich sicher falsch. Heller weiß alles über Österreich, und kaum etwas über die Schweiz. Und dem gelernten Schweizer ergeht es ebenso. Nur umgekehrt.

Ich, Schweizer, lebe seit mehr als dreißig Jahren in Wien, und was ich über die Jahre lernen musste, war, dass die österreichische Kultur nicht annähernd mit der schweizerischen kongruent ist, trotz der irgendwie gemeinsamen Sprache.

Kurz: wir wissen eigentlich kaum etwas über den Nachbarn. Ja, aufgeschlossen, freundlich, ein bisschen schlampig, den guten Dingen des Lebens zugeneigt. Aber sonst? Und stimmt das überhaupt?

Wo der gelernte Schweizer in der Beurteilung der politischen Lage der Nachbarn irrt, ist zum einen der unterschiedlichen Form der Demokratie geschuldet, und zum anderen, der vom Katholizismus getränkten und gesättigten österreichische Kultur.

Wohingegen die Schweiz mehr oder weniger berühmte Reformatoren und Puritaner hervorgebracht hat. Huldrych Zwingli, und den Genfer Johannes Calvin, dessen Puritanismus in der amerikanischen Kultur sehr erfolgreich ist.

Wenn sich Looser über „Profilierungssucht und Zank“ der politischen Akteure echauffiert, ist das doch nur ein „Nona“-Faktor. Und wenn ihn die vermeintlich journalistische Aggressivät eines Armin Wolf im ORF befremdet, so hat er natürlich recht: In der Schweiz gäbe es so etwas nicht. Und zwar nicht in erster Linie, weil die Schweizer nicht gerade berühmt für zupackende, scharfe und beißende Fragen sind, sondern weil die Schweiz eine direkte Demokratie hat. Was nichts anderes bedeutet, als dass eine Konkordanz-Regierung im Bundeshaus sitzt, bestehend aus den vier großen Parteien SVP, SPS, FDP, CVP.

Konkordanz, keine Opposition. Die Opposition ist, und jetzt kommt’s: das Volk. Jede Schweizerin, jeder Schweizer hat de facto die Möglichkeit, die Beschlüsse (Gesetze) der Regierung zu kippen, wenn er/sie es schafft, genügend Stimmen für eine Initiative zu generieren, und die initiierte Volksabstimmung dann zu gewinnen. So ist das, in der direkten Demokratie!

In der repräsentativen Demokratie gibt es eine Opposition und Parteien. Und diese Opposition bekämpft mit allen demokratischen Mitteln die Regierung, um selber Regierung zu werden.

Und gerade in dieser Form der Demokratie erschafft der Journalismus die vierte Gewalt. Nach Legislative, Exekutive und Judikative.

Es ist also nicht Sadismus, persönliche Abneigung, Profilierungssucht und Größenwahn, die Armin Wolf antreiben, die zu interviewenden Politiker scharf anzugehen, sondern es ist schlicht sein Job. Es ist sein Job, die Halbwahrheiten, Lügen, Euphemismen, Ablenkungen, Redundanzen der Politiker aufzuspüren und sichtbar zu machen. Ebenso sind die verbalen Aktionen und Attacken der Opposition der Job der Opposition. Wobei natürlich nicht ausgeschlossen ist, dass kleinere und größere Splitter der oben angeführten Spezifika mit herumfliegen. Nona.

Wenn also ein gelernter Schweizer seinen Blick auf Österreich und seine Politik richtet, sieht er eben nur das, was er zu sehen vermag. Und das, was er sieht, beurteilt er dann in Bezug auf das, was er in seiner Heimat sehen würde. Es ist kein verstellter Blick. Es ist der Blick in einen Zerrspiegel.u

Andreas Niedermann

Andreas Niedermann, 1956 in Basel geboren. Nach einer Laborantenlehre einige Jahre in Europa unterwegs. Informelle Ausbildung zum Schriftsteller in genau 50 ausgeübten Berufen. U.a. als Steinbrecher, Alphirte, Kranführer, Kinobetreiber, Krafttrainer, Koch und Theatertechniker. Seit 1989 mit Familie in Wien lebend. Gründete 2004 den Songdog Verlag. Publizierte einige Romane, Storybände und Novellen. Zuletzt „Blumberg 2 (Die Wachswalze)“ bei Edition BAES.

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