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Hansjörg Pichler, Tiroler Volksschauspiele-Knatsch

Der Aufstand des Altvereins Tiroler Volksschauspiele gegen die neue Tiroler Volksschauspiele GmbH wurmt mich. Als einer, der von Berufs wegen schreiben darf, halte ich privat mit meinen Gedanken und Emotionen gerne haus und mich raus – vor allem auf diesem Kanal. Doch das Wurmen hat gesiegt.

Warum Wurmen? Weil ich den Volksschauspielen seit der Jugend eng verbunden bin. Seit 1987, wer es genau wissen will. Dem Jahr meines ersten Sommerjobs dort. Weil ich dem Telfer Theatersommer unglaubliche Erfahrungen, Erlebnisse, Tage, Nächte und daraus resultierende Erinnerungen verdanke. Und weil mir diese Truppe von kreativen Chaoten und bunten Vögeln ans Herz gewachsen ist. Die Volksschauspiele haben auf eine Art mein Leben geprägt. Deshalb.

Und jetzt?
Setzt sich doch der glanzlose Rest eines einst schillernden Vereins in einen Innsbrucker Biergarten und bricht mit geballten Fäusten eine unselige Stammtischdiskussion vom Zaun, wer denn nun die Volksschauspiele sind. Ja, geht’s noch? Und das nur, weil die Marktgemeinde eine GmbH gegründet hat, die einer (bleiben wir freundlich) kreativen Finanz- und (warum eigentlich freundlich bleiben?) Freunderlwirtschaft des Vereins klare und längst fällige Compliance-Regeln gegenüberstellt. Weil die Marktgemeinde Telfs endlich den Markennamen sichern ließ, was der Verein über Jahrzehnte verabsäumt hatte. Weil die heurige Produktion wegen diesem Sch…-Corona abgesagt werden musste und die Vereinsmitglieder um ihre zu erwartenden Honorare umfallen. Außer wieder einmal Felix Mitterer. Doch zu dem später.

Hätte die „Feuernacht“ nämlich stattgefunden, hätte es eine solche Pressekonferenz zum alleinigen Zweck des hemmungslosen Telfs-Bashings nie gegeben. Das wurde auf meine Nachfrage vom Podium bei ebendieser PK bestätigt. Heißt: Dann hätte der Verein kein Problem gehabt mit dem Namen und der neuen Betriebs-Struktur, die letztlich für alle „alten“ und neuen Protagonisten eine wesentliche Erleichterung und Freiheit in der Arbeit bedeutet.
Auch gibt es eine vom Verein unterzeichnete Vereinbarung mit der Marktgemeinde Telfs, nachzulesen mittlerweile auf diversen Plattformen im Internet oder einer vor und bei. Darin anerkennt der Verein nicht nur die neue Betriebsgesellschaft samt eingetragenem Firmennamen, sondern äußert unter anderem „…ein Anliegen (…), gegebenenfalls Kooperationen zu suchen, Informationsaustausch aus unserem Erfahrungsschatz weiterzugeben und unsere Wertschätzung und Dankbarkeit an die Gemeinde auch an die Öffentlichkeit stets weiter(zu)geben.“

Nachdenkpause.

Wie haben sie, die Mitterers, Völlenklees, Wechselbergers, Rohrmosers, in Interviews und Gesprächen während Jahrzehnten immer wieder von ihrer künstlerischen Heimat Telfs geschwärmt. Von den Menschen hier mit ihren Eigenarten, Ecken und Kanten bei gleichzeitiger Offenheit für Neues. Von dieser speziellen Willkommenskultur für zeitgenössisches Volkstheater. Von Lebensfreundschaften war die Rede. Von der kulturaffinen Politik, von den herrlich spektakulären Spielstätten, von der wunderbaren Hohen Munde, von und so weiter. Danke, danke, wir sind Telfs und Telfs ist Volksschauspiele. Bussi.

Und jetzt?
Wischen dieselben Darsteller binnen einer halben Stunde knapp 40 Jahre Vertrauen und Verbundenheit vom Biertisch. Werfen den TelferInnen einen kulturellen Minderwertigkeitskomplex vor. Fühlen sich gar als Verräter, wenn sie sich in der Tiroler Volksschauspiele GmbH engagieren, wozu sie allesamt mehrfach und herzlich eingeladen worden waren. Es liegt auf der Hand, dass der Verein ein Problem mit Strukturen hat, die das Spiel mit offenen Karten von ihm fordern.

Ja, Wertschätzung und Dankbarkeit (siehe oben) gegenüber Telfs stünde den betreffenden Herren und der Dame gut an. Ohne Telfs (und ohne das Land Tirol und ohne den ORF, die jetzt allesamt im Beirat der neuen GmbH vertreten sind und diese Organisationsform als die beste und zukunftsfähigste erachten) gäbe es wohl seit 1982 keinen Verein Tiroler Volksschauspiele mehr. Die Gemeinde, ihre Bürger, drei Bürgermeister und Generationen von Gemeinderäten haben 38 Jahre lang gut auf ihre Volksschauspiele geschaut. Finanziell und ideell. Haben sie immer wohlwollend aufgenommen, ihnen ihre künstlerische Freiheit gelassen, sie mitunter verteidigt, sie nach Kräften unterstützt, die gesamte Infrastruktur zur Verfügung gestellt, die ganz große Bühne geöffnet. Und haben sicher mehr als einmal auch großzügig weggeschaut. Die Protagonisten haben gutes Geld verdient, bezahlt unter anderem von allen Telferinnen und Telfern in Form von Subventionen durch die öffentliche Hand. Dafür heimsen sich Bürger und Politik nun eine schallende Ohrfeige ein. Wie traurig und demaskierend. In der Krise zeigt sich eben der wahre Charakter.

Mitterer, habe die Ehre!
Noch ein paar Worte zu Felix Mitterer. Ich habe ihn wirklich gemocht und geschätzt. Bis gestern. Da hat auch er sein wahres Gesicht gezeigt. Er, der als Brückenbauer, als Symbolfigur der Verbindung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Tiroler Volksschauspiele eine wichtige Rolle gespielt hätte. Er hat sich anders entschieden. Der Loyalität zu den Seinen hat er die Loyalität zu Telfs geopfert. Zu ehemals „seinem“ Telfs, das ihm nach eigenen Worten so viel bedeutete. Das ihn im Gegenzug für seine Leistungen mit dem Ehrenzeichen adelte, eine Straße nach ihm benannte, ihm eine Ausstellung widmete, ihm und seiner Familie alle Wertschätzung entgegenbrachte und Heimat bot. Und das ihn außerdem immer gut bezahlte. Gerade rechtzeitig vor der Ankündigung des kompletten Rückzuges hat er noch das Honorar für die Stückvorlage zur „Feuernacht“ von der GmbH kassiert. Und dann war er sich nicht einmal zu blöd, den Telfern beim großen Showdown auch noch das Ehrengrab vor die Füße zu werfen. Er empfinde es als Befreiungsschlag, Telfs den Rücken zu kehren.

Gut. Vielleicht sollte es die Tiroler Volksschauspiele GmbH auch als Befreiungsschlag empfinden, dass sich die alte Riege nun auf eigenen Wunsch in die Heimat- und Mittellosigkeit (Eigendefinition Verein) zurückzieht. (Bis auf den glücklichen Mitterer. Der hat eine neue Wahlheimat im Unterland gefunden, wie man sich erzählt. Vielleicht auch mit neuem Ehrengrab.)

Nun kann eine neue Zeitrechnung beginnen und der Spirit des größten regelmäßigen Tiroler Sommertheaterfestivals wieder aufleben. Die Frage, wer nun die wahren Volksschauspiele sind, soll am besten das Publikum klären. So hätte es auch ein Obmann Brenner oder eine Obfrau Drexel gewollt. Unter deren Vereinsführung hätte es eine solche Groteske wie die gestrige NIE gegeben.

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Katl Heel

    Wunderbarer Kommentar! Spricht mir aus der Seele!

  2. Wer zwei Frauen hat, verliert seine Seele. Wer zwei Häuser hat, verliert den Verstand, meinte Éric Rohmer. Wie geht es einem, der schon zu Lebzeiten ein Ehrengrab mit Aussicht auf ein zweites hat? Hat er den Charakter schon vorher verloren? Für mich als einen, der längst keine Zeitungen mehr liest, waren die Anwürfe der oben genannten Biergartenrunde eigenartig. Pichlers Kommentar zu lesen ist jedenfalls eine deutliche Gegenrede. In Zweifel gezogen hat sie seit Tagen niemand.

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