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Vanessa Musack
Die Menschen sind müde geworden.
Die Corona-Maßnahmenpolitik und ihre Nebenwirkungen
Ein Appell

Das neue Jahr hat eben erst begonnen und wir müssen mit Entsetzen feststellen, dass nach dem Lockdown vor dem Lockdown ist. Besser noch, die Maßnahmen werden verschärft. Natürlich tut das unseren Politikern, wie sie so schön aufgefädelt dastehen bei der Pressekonferenz, schrecklich leid. Die Medizin habe eben nicht gewirkt, also müsse man die Dosis erhöhen, so wird es den braven Österreicherinnen und Österreichern suggeriert. Schlimmer, es wird uns sogar unterstellt, die Maßnahmen doch nicht ganz so brav eingehalten zu haben wie behauptet, also sind wir selber daran schuld, dass wir nochmals in den sauren Apfel beißen müssen. Für das peinliche Versagen der Politik wird nun die Bevölkerung verantwortlich gemacht, was zu einer noch größeren Spaltung der Gesellschaft führt.

Ich möchte ganz klar festhalten, dass ich weder eine Corona-Leugnerin noch eine Verschwörungstheoretikerin bin. In solch einer prekären Situation wie der aktuellen, Mutmaßungen darüber anzustellen, wer mit welchen ominösen Machenschaften seine Ziele verfolgt, ist eine Absurdität per se. Hierfür Zeit und Energie aufzuwenden ist schlichtweg eine Vergeudung. Ich bin davon überzeugt, dass wir ganz dringend Lösungen brauchen, aber ich zweifle daran, dass die gewählten Richtlinien qualifiziert sind, um das gewünschte Ziel möglichst schnell zu erreichen.

Sind diese brachialen Maßnahmen, die niederschmetternden Nebenwirkungen für Mensch und Wirtschaft bedeuten, denn überhaupt sinnvoll? Wenn man sich überlegt, welche Altersklasse hauptsächlich (aber natürlich nicht ausschließlich) durch Corona lebensbedrohlich gefährdet ist, dann sieht man ganz klar, dass es sich um die ältere Bevölkerungsschicht handelt, sei es zu Hause oder in Pflege- bzw. Altersheimen. Die sofortige Einführung von Schnelltests für Besucher, nicht nur in Heimen, sondern auch im privaten Bereich, hätte definitiv einen wichtigen Schritt für die Eindämmung der Pandemie darstellen können. Massentests sind gut, aber wenig sinnvoll, wenn diese in derart großen Abständen durchgeführt werden. Weiters stellt sich die Frage, ob es wirklich Sinn macht, jeden zu testen. Wenn Tests ausreichend zur Verfügung stehen, gerne, jedoch ist bei einer Knappheit definitiv jenen Vorrang zu gewähren, die entweder in Kontakt mit den Vulnerabelsten stehen oder aber aufgrund ihres Berufes ein großes Cluster anstecken könnten. Krankenhauspersonal, aber auch private Ärzte oder auch Lehrer, müssen hier Priorität haben.

Natürlich bringen die neuen Varianten des Virus weitere Herausforderungen mit sich und zeigen uns, dass wir in einer von einem derart infektiösen Virus geprägten Zeit sehr schlecht planen können. Gerade deshalb wünsche ich mir proaktive Lösungen und keine verzweifelten nachträglichen Kompensationsversuche. Die Menschen sind müde geworden und es hat kaum jemand noch Verständnis, der nicht direkt oder durch Nahestehende betroffen ist. Gerade deshalb bin ich der Überzeugung, dass eine breitere Einführung von Tests uns einen Teil der Normalität wiederbringen könnte.

Die ersten Impfungen waren begleitet von einer triumphalen Medienkampagne, aber das war´s dann auch schon. Ich möchte unseren Politikern dringend nahelegen, dass in der momentanen Situation die mediale Ausschlachtung des Themas nicht vorrangig sein sollte, sondern dass sie sich lieber darauf konzentrieren sollten, wie die Logistik reibungslos ablaufen kann.

So hinkt Österreich wieder einmal ganz schön hinten nach. In Israel sind bereits 24% der Bevölkerung geimpft. Im Gegensatz dazu haben wir zu wenige Impfdosen und zu spät bestellt. Außerdem hapert es bei der Verteilung. Damit wir den Mut nicht vollends verlieren, meint der ORF Moderator in einem kurzen Beisatz, dass unsere Infektionszahlen im Vergleich zu anderen Ländern „eh nicht so schlecht“ seien. Wunderbar, dieses Statement kann aber auch nur dann Trost schenken, wenn man wirklich nicht zu den Betroffenen gehört und sich generell wenig mit dem Gemeinwohl auseinandersetzt.

Genau um dieses Gemeinwohl geht es nämlich. Einerseits geht es darum, die mit dem Virus infizierten Patienten gut betreuen zu können und gleichzeitig noch Kapazität für andere Kranke oder auch Opfer von Unfällen bereit zu halten. Andererseits muss die Strategie zur Eindämmung der Pandemie so gewählt werden, dass die Bürger, die diese zu tragen haben, dabei in ihrer Lebensqualität nicht vollends beschnitten werden. Maßnahmen zu setzen, die im Ergebnis mangelhaft und deren Auswirkungen für viele Gruppen fatal sind, können nicht länger als gut gemeint dargestellt werden. Die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit lahm zu legen, die Menschen in die Isolation zu treiben und ihnen die wirtschaftliche Grundlage zu nehmen, ist nicht die Lösung für Corona und wird begleitet von katastrophalen Nebenwirkungen.

Was beispielsweise die Gastronomie betrifft, so war die Schließung ein meines Erachtens schlecht durchdachter Schritt, denn er hatte die Verlagerung von Treffen sowie kleineren (!!) Feierlichkeiten in den privaten Bereich zur Folge. Was in Restaurants sehr gesittet und ohne großes Ansteckungsrisiko hätte ablaufen können, trug meines Erachtens erheblich zur schnelleren Ausbreitung des Virus bei.

Die unzähligen Gastronomen, die so anständig waren und ständig alles desinfiziert, bereitwillig ihre Maske getragen und alles in ihrer Macht Stehende getan haben, um das Infektionsrisiko in ihrem Lokal zu reduzieren, werden nun wieder von einer Woche auf die nächste vertröstet. Und ja, ich bin davon überzeugt, dass sich die Mehrheit der in diesem Sektor Tätigen sehr gut an die Hygieneregeln gehalten hat, denn niemand, der einen Betrieb leitet, ist daran interessiert, dass durch seine Nachlässigkeit die Infektionszahlen wiederum steigen.

Ganz ehrlich, einige werden gar nicht mehr aufsperren können. Leider. Aber der ORF verkündet immerhin stolz, dass es 2020 so wenige Konkurse wie schon lange nicht mehr gegeben hat. Diese Aussage ist nicht nur inkorrekt, sie ist auch mehr als unpassend. Die Wahrheit ist nämlich, dass man die langfristigen Auswirkungen auf diesen Sektor erst in den kommenden Monaten wird beurteilen können. Hätte man sich genauer informiert, so wüsste man auch, dass es im Augenblick im Falle einer Zahlungsunfähigkeit gar nicht möglich ist, Konkurs anzumelden. Oder ist das zwar bekannt, aber versucht man eben, dem kleinen Bürger eine Scheinwelt vorzugaukeln?

Auch die Schließung des Handels finde ich keinesfalls sinnvoll. Natürlich begegnen sich beim Einkaufen Menschen. Die Einschränkung der maximalen Besucheranzahl pro m² Geschäftsfläche weiterzuführen wäre viel zielführender gewesen. Durch die Schließung des Handels verlagert sich nun der Großteil der Einkäufe auf den Onlinehandel und man möchte es nicht meinen, aber auch hier kommt es zu Menschenbegegnungen und zwar unter aus hygienischer Sicht viel schlechteren Bedingungen. Amazon ist der große Gewinner dieser Krise. Der Konzern boomt und ich mutmaße, dass Amazon seinen Angestellten weder den ausreichenden Platz zum Mindestabstand einräumt noch die Zeit, die empfohlenen Hygieneregeln zu befolgen.

Die Schulen von einer zur nächsten Woche geschlossen zu halten finde ich verantwortungslos. Kinder brauchen andere Kinder. Hier geht es nicht nur um den Schulstoff, sondern auch um den sozialen Austausch. Beziehungen sind ein tiefes menschliches Bedürfnis und von unseren Kindern wird jetzt verlangt, dieses Bedürfnis zu unterdrücken. Natürlich geht es auch immer um die Bedingungen, unter denen Kinder den Lockdown verbringen können. Wohnt man am Land, möglicherweise sogar mit eigenem Garten, anderen Kindern, mit denen man sich leicht im Freien treffen kann, so gehört man im Augenblick eindeutig zu den Glücklichen. Aber was ist mit den Kindern, die in der Stadt leben? Was ist mit den Kindern, die sich nicht so leicht (und regelkonform) mit andern treffen können? Sollen die vereinsamen? Woche für Woche zu Hause bleiben? Was ist mit den Kindern, deren Eltern nicht über die nötige Hardware verfügen, um ihnen den Online-Unterricht zu Hause zu ermöglichen? Und die Kinder, die Förderunterricht benötigen und zwar nicht von den Eltern, sondern von dafür wirklich qualifizierten Personen?

Und auch in den Familien, in denen diese Zeit eigentlich ohne große Spannungen ablaufen könnte, sind die Menschen immer mehr unter Strom. Es ist die große Unsicherheit, die sich Woche für Woche weiter ausbreitet. Und gerade deshalb brauchen wir politische Entscheidungen, die Sicherheit und Stabilität vermitteln können. Nicht zu 100%. Das ist in dieser dynamischen Krise nicht möglich, aber zumindest etwas mehr als es in der aktuellen Situation der Fall ist. Warum waren Lehrer nicht bei den Ersten, die regelmäßig getestet wurden? Es hätte uns den wochenlangen Fernunterricht ersparen können. Warum bekommen die SchülerInnen und Schüler nicht für jeden Tag der Woche einen Schnelltest zur Verfügung gestellt, den sie unkompliziert am Morgen zu Hause durchführen können?

Und was ist mit unserer Wirtschaft? Wenn man sieht, wie leicht der Staat auf einmal Betriebe unterstützen kann, so fragt man sich, warum in der Vergangenheit wegen deutlich geringerer Summen wochenlang diskutiert wurde. Geld scheint in Unmengen vorhanden zu sein. Die Betriebe mit Zahlungen zu unterstützen war kurzfristig gesehen definitiv eine gute Lösung und absolut notwendig. Was jetzt geschieht, wird uns jedoch früher oder später auf den Kopf fallen und werden unsere Kinder und Enkelkinder ausbaden müssen. Die Entwicklung, dass Vermögen und Schulden schneller wachsen als die reale Wirtschaft ist ein Phänomen, das bereits vor Corona bestand. Die Zentralbanken kaufen Staatsanleihen und Aktien großer Unternehmen, pumpen dadurch Unmengen von Geld in die Finanzmärkte und die Zinsen werden niedrig gehalten. Die großen Unternehmen schwimmen im Geld, kaufen andere auf und die kleinen kämpfen ums Überleben. Die Reichen werden immer noch reicher und die Mittelschicht bricht komplett weg. Von denen, die sich schon vor der Krise schwergetan haben, möchte ich gar nicht erst reden. Viel zu viele hat Corona bereits an den Rand des Abgrunds getrieben.

Ich gehöre definitiv zu jenem Teil der Bürgerinnen und Bürger, denen klar ist, dass Maßnahmen zur Bekämpfung dieser Pandemie unabkömmlich sind. Ich möchte jedoch betonen, dass es von größter Wichtigkeit ist, immer auch die weiteren Auswirkungen jeder einzelnen Regulierung zu betrachten und in zukünftige Überlegungen miteinzubeziehen. Dies ist umso wichtiger, je mehr sich durch weitere neuartige Stämme zeigt, dass dem Virus mit der augenblicklichen Strategie nicht Einhalt geboten werden kann.

Vanessa Musack

Vanessa Musack wurde am 20. Juli 1981 in Wien geboren und wuchs im Hotel Windegg in Steinberg am Rofan auf. Von 2000 bis 2005 studierte sie Betriebswirtschaftslehre in Innsbruck, Groningen (NL) und Montpellier (F). Ihre Diplomarbeit, „Universitäre Spin-offs als Quelle Nationaler Innovationen“, wurde mit dem Graf Chotek Hochschulpreis ausgezeichnet. Nach dem Studium absolvierte Vanessa Musack ein einjähriges Praktikum bei der Firma Salomon in Annecy (F) in er Abteilung für Internationale Kommunikation. Ab 2007 war sie für die Österreich Werbung in Brüssel als Pressesprecherin tätig. Im Zuge ihres einjährigen Auslandsaufenthaltes auf Madagaskar arbeitete sie für ein einheimisches Reiseunternehmen und schulte Mitarbeiter im Bereich Marketing. Nach ihrer Heimkehr 2011 betreute sie für die Tirol Werbung die Reisepresse auf den deutschsprachigen Märkten. Vanessa Musack hat vier Kinder und arbeitet für das Tiroler Kammerorchester InnStrumenti.

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