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Arrogante Eliten

Es gibt noch Bücher, nach deren Erscheinen ein Land anders denkt. Und wohl auch Politiker und Medienleute anders denken würden, wenn sie Zeit fänden, einmal einen umfangreicheren Text zu lesen statt an ihrer Karriere zu basteln.

Zu erinnern ist an die Werke des enttäuschten Sozialdemokraten Thilo Sarrazin, der, von Leibwachen geschützt, der sogenannten „Willkommenskultur“ den Garaus machte. Sahra Wagenknecht, Vorzeigefrau der Deutschen Linken, heftig kritisiert wegen ihrer mangelnden Abgrenzung zum Stalinismus und inzwischen offenbar geläutert, geht es mit ihrem im Campus Verlag erschienen Werk „Die Selbstgerechten“ zwar nach außen hin moderater, in Wirklichkeit jedoch zumindest ebenso scharf an. Sie versucht nichts Geringeres, als eine an den Nöten der sogenannten einfachen Männer und Frauen orientierte, gleichsam linkskonservative Sozialdemokratie neu zu denken.

Neben ihrer sehr kenntnisreichen und genauen Analyse, wie ein solidarisches und gerechtes Europa abseits kapitalismuskritischer Klischees aussehen könnte, ist, wie der Titel schon sagt, „Die Selbstgerechten“ eine gnadenlose Abrechnung mit all jenen, die im Volksmund „Gutmenschen“, „Lifestyle-Linke“ oder „Linksliberale“ heißen. Wagenknecht beweist ihnen elegant, dass sie weder links noch liberal sind, sondern ihr hochmögendes Gerede vor allem der Absicherung der eigenen und der Privilegien ihrer Kinder dient.

Unbedingt lesen!

Alois Schöpf

Alois Schöpf, Autor und Journalist, lebt bei Innsbruck. Alois Schöpf schreibt seit 37 Jahren in Zeitungen und Zeitschriften, zuletzt seit 28 Jahren in der Tiroler Tageszeitung, pointierte und viel gelesene Kolumnen. Er ist einer der dienstältesten Kolumnisten Österreichs. Zahlreiche Veröffentlichungen, bei Limbus: Vom Sinn des Mittelmaßes (2006), Heimatzauber (2007), Die Sennenpuppe (2008), Platzkonzert (2009), Die Hochzeit (2010), Glücklich durch Gehen (2012), Wenn Dichter nehmen (2014), Kultiviert sterben (2015) und Tirol für Fortgeschrittene (2017). Zuletzt erschien in der Edition Raetia Bozen gemeinsam mit dem Fotografen und Regisseur Erich Hörtnagl "Sehnsucht Meer, Vom Glück in Jesolo", die italienische Übersetzung wurde zeitgleich präsentiert. Und es erschien, wieder bei Limbus, "Der Traum vom Glück, Ausgewählte Alpensagen". Schöpf ist auch Gründer der Innsbrucker Promenadenkonzerte und leitete das erfolgreiche Bläserfestival fünfundzwanzig Jahre lang bis 2019.

Dieser Beitrag hat 4 Kommentare

  1. Martina Janisch

    Lieber Herr Schöpf,
    ich hatte mir Sonntag einen „Politischen Tag“ gegönnt. Mein 1. AHA-Erlebnis war zu Mittag die Pressestunde mit Frau Meinl-Reisinger (NEOS). Eine ihrer Aussagen war: diese Regierung unter Kanzler Kurz sei unfähig, weil sie nicht die „richtigen Experten“ befragen würde. Ich frage mich nun: Was macht dann z.B. der „Popper“ als Regierungsberater – geht er zum „Kaffeetrinken“ zu Kurz ?!
    Das 2. AHA-Erlebnis hatte ich am späten Abend bei der Sendung „IM ZENTRUM“. Thema war: „Zwischen Optimismus und Sorglosigkeit“ mit einem Vertreter der FPÖ und einer Dame mit der Gabe einer extrem schnellen Sprechweise, die einem schon beim Zuhören den Atem nahm. Beide Teilnehmer versuchten mit Druck/Nachdruck der Regierung Kurz Fehlversagen auf allen Linien vorzuwerfen. Von Eigenverantwortung, die ich als BürgerIn ja trotzdem trage, keine Spur, im Gegenteil, der „Andere“, sprich die Regierung, ist an allem „schuld“. Kein Optimismus verspürbar und „Sorglosigkeit“ wurde mit „Demokratieverlust“ gleichgesetzt. Die beiden Personen machten mit ihren Worten genau dasselbe, was sie bei Kurz ablehnten, nämlich Bevormundung. Es wurde immer von „Der Gesellschaft“ oder von den „unterdrückten Bürgern“ gesprochen. Sie benutzten also immer die Mehrzahl oder die „Wir“-Form – niemals die „Ich“-Form. Dabei ließen sie ganz außer Acht, dass z.B. mein „Demokratieverständnis“ ein ganz anderes ist, als sie es wahrnehmen und nach außen kommunizieren.
    Sie hätten in diesem Fall besser die „Ich“-Form gewählt, dann wären ihre Wortmeldungen für mich glaubwürdiger gewesen.
    Besonders befremdlich empfand ich die Aussage der Dame, dass sie sich das medizinische Wort „Herdenimmunität“ verbiete, da sie ja kein Tier (Schaf/Ziege/Kuh etc.) sei. Ich kann ihr in diesem Fall nur raten, sich um eine Umbenennung zu bemühen – wenn sie selbst eine bessere Bezeichnung bieten könnte. Die Welt wird sich weiter ändern, das war und ist normal, aber diese ständige Kritik an allem und jedem von einigen unserer Mitbürger bringt mich, den „Einzelnen“ auch nicht weiter. Und, ich habe keine Angst um die „Demokratie“, das habe ich schon sehr lange von jeder Opposition gehört. Daher an alle Pessimisten und extremen Kritiker: „Kopf hoch“ und „Glaubt an Euch“ – wie ich an mich!

  2. Franz Viertl

    Sehr geehrter Herr Schöpf,
    Hochachtung und Respekt für diesen mutigen Bericht „Arrogante Eliten“.
    Es ist Balsam auf der Seele, wenn ab und zu ein Journalist den Mut aufbringt, einmal, etwas abweichendvom linksgrünen „Mainstream“, die Dinge beim Namen zu nennen.
    Irgend eine Persönlichkeit hat mal folgenden Spruch getätigt:
    Der Faschismus ist lange noch nicht ausgestorben – er wird nur im Kleide des „Antifaschisten“
    auftreten.
    Bitte so weitermachen.

  3. Gerd Pichler

    Sehr geehrter Herr Schöpf!
    Ich bin nicht immer einer Meinung mit Ihnen. Aber Ihr heutiges Apropos begrüße ich sehr. Es sollten mehr Menschen Frau Dr. Wagenknechts Bücher lesen, vor allem mehr Menschen in Machtpositionen. Aber das wird wohl auf ewig ein Wunschtraum bleiben. Sollten Sie es noch nicht gelesen haben: Auch ihr Buch „Reichtum ohne Gier“ ist zu empfehlen.

  4. Peter Walch

    Sehr geehrter Herr Schöpf!
    Zu ihrem letzten „Apropos“ in der TT unter dem Titel, „Arrogante Eliten“ möchte ich Ihnen gerne (nach längerer Zeit) ein paar Zeilen schreiben.
    Zum Ersten ist es ja bewundernswert, in der vorgeschriebenen Kürze und auch den wahrscheinlich vorgeschriebenen Anschlägen oft sehr komplexe Themen auf den Punkt zu bringen. Das vorweg.
    Nun zu den arroganten, also eingebildeten, sich etwas besser als die anderen Menschen fühlende sogenannten Eliten. Die Arroganz ist ja schon pe se auf Grund ihrer Überheblichkeit, gegen wem auch immer sie sich richtet, zu verurteilen. Man müsste wahrscheinlich in die Psyche, vielleicht auch in das Herkommen dieser Spezies von Mensch eintauchen, um zu verstehen, warum sie glauben, sich über andere erheben zu können. Das wäre dann doch ein zu weites Feld, aber in dieser Spur könnte man fündig werden.
    Der Mantel – Sie deuten es an -, den sie sich umhängen ist mannigfaltig, die Essenz jedoch immer die gleiche: Absicherung der Pfründe, für sich und die Familienmitglieder.
    Somit ist alles klar. Es geht nicht um den Staat, nicht um die Gesellschaft, es geht in erster Linie um mich!
    Ausmerzen wird man diesen Selbsterhaltungstrieb, der in besonderen Berufen, Anstellungen etc. extrem angesiedelt ist, nie können. Und nochmals: Was es aber so unsympathisch macht, sind die Protagonisten mit ihren Auftreten der widerlichen Art.
    Man könnte ihnen nur sagen: „Das letzte Hemd hat auch für dich keine Taschen“. Ob sie das zur Besinnung bringt?

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