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Sind wir noch regierbar?

In einem Punkt hatte Österreich wirklich Glück. Stellen Sie sich vor, die türkisblaue Regierung wäre nicht durch die nach wie vor äußerst aufklärungsbedürftige Realityshow in Ibiza in die Luft gesprengt worden und Frau Hartinger-Klein wäre Gesundheitsministerin, Herr Kickl Innenminister und Herr Strache Vizekanzler. Wir hätten zur Katastrophe der Pandemie auch noch bürgerkriegsähnliche Zustände zwischen links und rechts zu gewärtigen und sämtliche Impf-, Test- und Lockdown-Gegner würden durch die Gewissheit geadelt, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen.

Zumindest dieses Schicksal wurde uns durch die grüne Regierungsbeteiligung und ein ausgewogenes koalitionäres Mischverhältnis erspart. Bleibt als Problem nur noch der egozentrierte Europäer, der nicht mehr weiß, was Staatsbürgerpflicht und Solidarität heißt, und der sich selbst für so genial hält, dass er prinzipiell nur tut, was ihm im Rahmen seiner Privatintelligenz einleuchtet.

Diese Freiheit ist wunderbar! Im Hinblick auf die Pandemie ist sie mörderisch. Um es mit ein paar Zahlen zu verdeutlichen: Österreich, bei ca. 8 Mill. Einwohnern 370.000 Infizierte und 6.500 Tote. Schweden bei ca. 10 Mill. Einwohnern 470.000 Infizierte und 9.000 Tote. Südkorea bei 51 Mill. Einwohnern 66.000 Infizierte und 1000 Tote. Taiwan bei 23 Mill. Einwohnern 817 Infizierte und 7 Tote.

Was läuft da anders? Was besser? Was schlechter?

Alois Schöpf

Alois Schöpf, Autor und Journalist, lebt bei Innsbruck. Alois Schöpf schreibt seit 37 Jahren in Zeitungen und Zeitschriften, zuletzt seit 28 Jahren in der Tiroler Tageszeitung, pointierte und viel gelesene Kolumnen. Er ist einer der dienstältesten Kolumnisten Österreichs. Zahlreiche Veröffentlichungen, bei Limbus: Vom Sinn des Mittelmaßes (2006), Heimatzauber (2007), Die Sennenpuppe (2008), Platzkonzert (2009), Die Hochzeit (2010), Glücklich durch Gehen (2012), Wenn Dichter nehmen (2014), Kultiviert sterben (2015) und Tirol für Fortgeschrittene (2017). Zuletzt erschien in der Edition Raetia Bozen gemeinsam mit dem Fotografen und Regisseur Erich Hörtnagl "Sehnsucht Meer, Vom Glück in Jesolo", die italienische Übersetzung wurde zeitgleich präsentiert. Und es erschien, wieder bei Limbus, "Der Traum vom Glück, Ausgewählte Alpensagen". Schöpf ist auch Gründer der Innsbrucker Promenadenkonzerte und leitete das erfolgreiche Bläserfestival fünfundzwanzig Jahre lang bis 2019.

Dieser Beitrag hat 4 Kommentare

  1. Manfred Weber

    Sehr geehrter Herr Schöpf !
    Ich danke Ihnen für Ihre grundvernünftigen Kommentare in dieser für uns alle nicht einfachen Zeit.
    Deeskalation ist jetzt wichtig und nicht das Anheizen von Stimmungen der Unzufriedenen, Aggressiven und Realitätsverweigerer, die jetzt die Chance sehen, unser im wesentlichen ausgewogenes, auf Frieden bedachtes und förderliches Gesellschaftmodell zu zerstören.
    Ihre Stimme ist derzeit wichtiger als je zuvor!

  2. Peter Fuchs

    Ich abonniere die TT schon seit über 20 Jahren und bin mit dem Informationsgehalt, welcher für mich relevant ist, zufrieden.
    Die in letzter Zeit immer mehr feststellbaren Medienberichte zum Thema ‚CORONA‘ sind gegensätzlicher als je zuvor und ich möchte anhand von zwei Berichten dies einmal aufzeigen, wie subjektiv Berichte ‚pro und kontra CORONA‘ dargestellt werden können.
    Zum Bericht TT, 7.1.2021, von Fr. Anita Heubacher, Titel ‚Nicht mehr zum Aushalten‘ möchte ich bemerken, dass es derzeit immer eine ‚Gratwanderung‘ sein wird, innerhalb kürzester Zeit die geeigneten Maßnahmen zu definieren, abzustimmen, rechtlich abzusichern und dann in der Masse einzusetzen. Hier nochmal rudimentär jene anzuführen, welche als ‚rechtswidrig‘ eingestuft worden sind, finde ich mehr als unangebracht, da ich über das Tragen der Masken und die damit verringerte Verbreitung nun wirklich nicht mehr diskutieren möchte – das sollte nun wirklich bei allen angekommen sein. Nicht von ungefähr wurden die Themen ‚Masken‘ und ‚Impfen‘ solange in den unterschiedlichsten Medien x-fach zerlegt, hinterfragt, in Frage gestellt, fachlich in jeder Variante positiv/negativ dargestellt, dass die normale Bevölkerung dann irgendwann aufgibt, die ‚richtige‘ Wahrheit herauszufiltern und dann einfach resigniert – ‚zumacht‘. Das Thema ‚Impfen‘ ist gerade das beste Beispiel, da hat man langsam das Gefühl, der CORONA Virus ist harmlos und die Impfung selbst ist der Übeltäter. Sich dann zu wundern, dass die Bevölkerung nicht mehr mitmacht und dann plakativ wieder nach neuen Maßnahmen der Regierung zu fordern, finde ich persönlich mehr als unangemessen. Ich kann sehr gut damit leben, dass sich der Bundeskanzler oder der Landeshauptmann täglich in den Medien präsentieren und die Bevölkerung für die Einhaltung der Maßnahmen auffordern. Jede persönliche Präsenz ist meiner Meinung nach wirkungsvoller, als x-fach in allen Variationen dargestellte Medienberichte.
    Hier noch angeführt eine Aussage von Hrn. Bundeskanzler Kurz – welche für mich sehr prägend war – zur Frage von den Medien zu seiner aktuellen Popularität: ‚die einzigen Statistiken, die derzeit für Ihn interessant sind, sind die aktuellen Werte der 7-Tage-Inzidenz‘.
    Zum Bericht TT, vom 9.1.2021, von Hrn. Schöpf Titel ‚Sind wir noch regierbar?‘
    möchte ich das ‚aktuelle, ausgewogene Regierungsteam Türkis-Grün‘ ebenfalls lobend erwähnen und mich für die herausfordernde Tätigkeiten in der Pandemie bedanken. Man kann Politiker mögen oder auch nicht, aber gerade in solchen Krisenzeiten werden signifikante Persönlichkeiten benötigt und sollen auch als solche erkennbar sein.
    Wie von Hrn. Schöpf so treffend formuliert: ‚ der egozentrische Europäer, der sich selbst für so genial hält, prinzipiell nur das tut, was ihm im Rahmen seiner Privatintelligenz einleuchtet‘ trifft den Nagel auf den Kopf, wo das eigentliche Problem ist. Es wäre an der Zeit, dass sich mit weniger Egoismus und dafür mit mehr Eigenverantwortung und Hausverstand die Bevölkerung an der Eindämmung der Pandemie beteiligt. Es werden alle Gesetze dieser Welt das nicht erreichen, was der Einzelne für sich und zum Schutz der anderen tun kann.
    Daher abschließend die Bitte, die mediale Selbstdarstellung der Medien hintanstellen und die dafür freiwerdende Energie in die Motivierung der Bevölkerung für die erforderlichen Maßnahmen zu setzen.
    Zum Abschluss noch ein Auszug von Hrn. Bundeskanzler Kurz, der für mich sehr einprägend war: ‚ein niveauvoller Umgang der Opposition und der Medien wäre wünschenswert und zielführender in der jetzigen Situation der Krisenbewältigung‘.

  3. Thomas Mayer

    Hallo Hr. Schöpf,
    ich habe Ihre Kolumne in der TT bis jetzt immer gerne und oft mit einem Schmunzeln gelesen. In Bezug auf Ihre (sowie der meisten anderen Medien) Corona Stellungnahmen möchte ich jedoch einige Anmerkungen los werden. Ich kann die einseitige, mediale Befürwortung der Maßnahmen nicht mehr hören. Ich bin weder ein Corona-Gegner (was für ein Wortkomplex, wie kann man Gegner von einem existierenden Virus sein) noch ein Leugner was den Virus betrifft. Trotz allem fehlt, aus meiner Sicht, der Helikopterblick. Ja, der Virus hat ein Gefährdungspotential, ja es sterben bedauerlicherweise Menschen und ja das Gesundheitssystem ist teilweise überlastet. Trotz allem sterben auch durch die Maßnahmen Menschen, was völlig unter den Tisch gekehrt wird. Es gibt valide Studien was (Langzeit)Arbeitslosigkeit aus Menschen macht und wie viel höher die Sterblichkeit dieser Gruppe ist. Zudem spiegelt die weltpolitische Lage nicht unbedingt Zusammenhalt und Frieden wieder und ich möche in Erinnerung rufen, dass die letzte, große Weltwirtschaftskrise zu einem bedeutenden Teil mitverantwortlich am zweiten Weltkrieg war. Die Politik hat viele „nicht systemrelevante“ Berufsfelder zerstört, die auch in den nächsten Jahren nicht zu reanimieren sind. Ein weiteres Beispiel ist der Welthunger, der durch die Massnahmen der wohlhabenden Staaten massiv erhöht wurde. Die Zahl der Menschen und Kinder, welche an den Folgen des Hungers sterben, wird die Anzahl der Coronatoten um ein vielfaches übersteigen.
    Es gilt neben aller Vorsicht (ich befürworte sinnvolle Massnahmen, jedoch keine Lockdowns und Berufsverbote) die Verhältnismässigkeit im Blick zu behalten, und wenn ich sehe, dass die Übersterblichkeit 2020 in allen Ländern Europas „nur“ zwischen 0 und 7 % liegt, stelle ich diese Verhältnismässigkeit der Maßnahmen stark in Frage. Es geht nicht um Wirtschaft oder Menschenleben, es geht immer um Menschenleben.
    Schöne Grüße

  4. Peter Wallnöfer

    Lieber Alois,
    vielleicht verstehe ich Deine Kolumne wieder einmal nicht. So wie sich ihr Inhalt und ihre Fragestellung mir erschließen, darf ich diesmal wieder einmal kritische Anmerkungen machen.
    Der „egozentrische Europäer“ ist wohl im Blut der Geschichte gewachsen und leistet sich den Luxus, dass er „sich selbst für so genial hält, dass er prinzipiell nur tut, was ihm im Rahmen seiner Privatintelligenz einleuchtet“.
    Ich mag ihn – vielleicht, weil ich auch so einer bin?
    Die Politik verhält sich immer mehr als Vormund, der alimentiert und nach Gutdünken straft. Ein geschätzter Kollege von mir hat einen Leserbrief an die Presse gerichtet: ich kann ihm nur vorbehaltlos beipflichten: „ Der Staat als Erziehungsberechtigter. Wer seine Mitbürger solcherart als Objekt seiner Erziehung sieht, dem sind die bürgerlichen Freiheitsrechte, die auf einen Schlag entzogen werden können, lästig, sind keine Rechte mehr, sondern Genehmigungen“
    Wie zynisch/gefährlich ist es, wenn sich Verordnungsgeber (!) darüber hinwegsetzen und einem Verfassungsgerichtshof nicht einmal mehr die Dokumente übermitteln, welche die Verhältnismäßigkeit einer Maßnahme belegen sollen und alleine DESHALB (!) abblitzen – das ist ihnen offenbar nicht nur egal, sondern sch……egal. Das zynische Grinsen des Herrn Bundeskanzler bei seiner Wortmeldung, dass die meisten Regelungen, bis sie der VfGH prüft, ohnedies nicht mehr Geltung haben, sei dieser evidenten und abgehobenen Haltung nur noch beispielhaft hinzugefügt.
    Es ist halt mühsam und bedürfte mehr als bloß bescheidener Privatintelligenz von Politikern hier entsprechend anzuleiten (zu regieren) – in offenem, fairem sowie nachvollziehbarem und überzeugendem Diskurs. Das Volk ist nicht so blöd, für wie man es hält! Wenn man aber in Schlüsselressorts – während der größten Krise seit langer Zeit – Zeit findet, in Wien wahlzukämpfen oder in slowakischen Universitäten Dissertationen einzureichen, dann ist es freilich feiner zu beklagen, dass im Europa von heute autoritäre Bevormundung nicht zieht – aus Sicht derer, die führen wollen, wohl auch eine lästige Blüte der Privatintelligenz egozentrischer Bürger (Europäer) – „ ja dürfen`s denn das?“
    Ja, ich lasse mich impfen, ja ich halte mich an Abstand, Handhygiene udgl. – ja ich ärgere mich, dass ich nicht zu meiner Bleibe am Gardasee reisen darf, um dort in Selbstisolation eine Flasche Weißwein zu leeren. Ich sehe die Gefahr der Pandemie sehr wohl und ich habe Sorge selbst zu erkranken und keinen milden Verlauf zu erleben oder, dass sich meine Mutter mit 80+ ansteckt und noch Schlimmeres passiert.
    Deshalb lechze ich noch lange nicht nach Führung durch den Staat und bleibe stolz auf meine „Privatintelligenz“ als egozentrischer Europäer.
    Wenn es so weiter geht, dann wird es in der Folge wieder viele solche egozentrischen Privatintelligenzler brauchen, bis sie das Kollektiv dorthin wieder beschränken, wo es hingehört.

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