Print Friendly, PDF & Email

Die legale Kinderarbeit

Der Schulbetrieb ist angelaufen. Die meist berufstätigen Eltern und die nicht mehr ganz nervenstarken Großeltern sind froh, wenn die Jugend „verräumt“ ist. Die Wirtschaft ist froh, wenn sie an ihr verdienen kann. Die Lehrer sind froh, wenn sie von ihr leben können. Aus all diesen Gründen wurde der Schüler als die profitabelste Ausformung des Kindes und Jugendlichen erfunden.

Ihn erwarten in höheren Schulklassen bis zu 36 Unterrichtsstunden pro Woche. Dazu kommen die Fahrtzeiten, sparsamst berechnet mit 5 zusätzlichen Stunden. Nicht zu vergessen allfällige Stehzeiten über Mittag, die in Kaufhäusern verbracht werden, und nicht zu vergessen der Zeitaufwand, der für die Hausaufgaben und das Lernen vonnöten ist. Alles zusammen ergibt nach einer Untersuchung des Erziehungswissenschaftlers Ferdinand Eder von der Uni Salzburg einen Gesamtzeitaufwand für die Schule von bis zu 62 Stunden. Also weit mehr als jene 38,5 Stunden Arbeitszeit, zu denen der erwachsene Österreicher pro Woche verpflichtet ist.

Ein Forscher, der von einem anderen Planeten käme, würde in seinem Bericht lapidar festhalten: Die Bewohner Europas bzw. Österreichs, welche die Kinderarbeit in fremden Kulturen auf das schärfste verurteilen, lassen ihre eigenen Kinder und Jugendliche länger arbeiten als sie es selbst tun.

Die Frage, ob das weise ist, bewegt mich schon lange. Ich gebe sie an die geneigte Leserschaft weiter.

Alois Schöpf

Alois Schöpf, Autor und Journalist, lebt bei Innsbruck. Alois Schöpf schreibt seit 37 Jahren in Zeitungen und Zeitschriften, zuletzt seit 28 Jahren in der Tiroler Tageszeitung, pointierte und viel gelesene Kolumnen. Er ist einer der dienstältesten Kolumnisten Österreichs. Zahlreiche Veröffentlichungen, bei Limbus: Vom Sinn des Mittelmaßes (2006), Heimatzauber (2007), Die Sennenpuppe (2008), Platzkonzert (2009), Die Hochzeit (2010), Glücklich durch Gehen (2012), Wenn Dichter nehmen (2014), Kultiviert sterben (2015) und Tirol für Fortgeschrittene (2017). Zuletzt erschien in der Edition Raetia Bozen gemeinsam mit dem Fotografen und Regisseur Erich Hörtnagl "Sehnsucht Meer, Vom Glück in Jesolo", die italienische Übersetzung wurde zeitgleich präsentiert. Und es erschien, wieder bei Limbus, "Der Traum vom Glück, Ausgewählte Alpensagen". Schöpf ist auch Gründer der Innsbrucker Promenadenkonzerte und leitete das erfolgreiche Bläserfestival fünfundzwanzig Jahre lang bis 2019.

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Diana Steinlechner

    Tut das gut, wenn einem am Samstag Morgen bereits aus der Seele gesprochen wird! Ich, mehrfach mit dem Thema konfrontiert, Lehrerin, Mutter, Großmutter, habe immer mitgelitten und versucht, wenigstens fröhliche Pausen für die Kinder dazwischen zu packen. Diese veraltete System hat keinen Tau davon, auf welche Art und Weise Kinder ihre angeborene Neugier befriedigen und ihre unterschiedlichen Begabungen leben möchten, können!
    Was herauskommt, sieht man ja! z.B zu Corona-Zeiten ein Partyshop im Kaufhaus! 😂 (Musste ich jetzt einfach anbringen!)
    Weiterhin klaren Blick und alles Gute!

  2. Klaus Kuppelwieser

    Zum Artikel, „Die legale Kinderarbeit“ von Alois Schöpf vom 10.10. 2020 möchte ich Folgendes anmerken: Unsere Tochter ist 17 Jahre alt und verbring nicht 36 Stunden Unterrichtszeit in der Schule, sondern 46 Stunden / Woche (Freistunden eingerechnet!). D.h. sie ist 46 Stunden an ihrem Arbeitsplatz SCHULE. Und die Fahrzeit von und zu ihrem Arbeitsplatz beträgt nicht 5 Stunden/Woche, wie es in dem Artikel steht, sondern sage und schreibe 15 Stunden/Woche (Verspätungen und Wartezeiten auf die Anschlüsse NICHT eingerechnet!)
    Zu dieser 5-Tage-Woche kommt dann noch der 6. Tag, an dem sie einem bezahlten Job nachgeht, um ihr Taschengeld aufzubessern. Somit kommt sie auf eine Wochenarbeitszeit von 67 Stunden (Zeiten für Hausübungen, Projektarbeiten und Lernen sind NICHT eingerechnet!) Und dann wird von ihr als Pubertierender von allen Seiten – mich als Vater eingeschlossen – verlangt, dabei immer noch ein freundliches Lächeln auf den Lippen zu haben und stets gut gelaunt zu sein. Was für ein toller Job: Schülerin der 4. Klasse der BAfEP(sprich Kindergartenschule – eine wirklich tolle Ausbildung/Danke an alle Lehrpersonen) zu sein.
    Aber von Kinderarbeit, wie im Artikel bezeichnet, würde ich nicht sprechen, denn: Arbeit ja, aber welche 17jährige möchte noch als Kind bezeichnet werden? Und sie hat es sich ja selbst ausgesucht – sozusagen freiwillig. Fast: Denn 1. Sie wohnt mal „leider“ in einem tiroler Seitental und 2. eine Unterkunft am Schulstandort Innsbruck ist nicht finanzierbar und 3. Wer Bedürfnisse hat, muss mal sein Geld selbst verdienen, daher die 6-Tage-Woche. Als Elternteil denke ich mir oft, EIN WAHNSINN und SIE TUT MIR LEID. Ich hätte diesen Job schon lange gekündigt.
    Und was hat sie schlussendlich nach ihrer Ausbildung von dieser Schinderei? Ein Monatsgehalt von ca. 1400/netto und vielleicht etwas gesellschaftliches Ansehen – vielleicht! Schön blöd, oder selbst schuld, könnte man meinen! Verständlich, dass viele junge Menschen nach ihrer Ausbildung nicht in diesen Job einsteigen, denn sie haben aufgrund ihrer jahrelang praktizierenden und ausgehaltenen Wochenarbeitszeit eindeutig einen zumindest besser bezahlten Job verdient.
    Da läuft doch irgendetwas verkehrt?
    Danke Herrn Schöpf dafür: Es gibt noch andere Themen als Covid 19.

Schreibe einen Kommentar