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Der epische Herr Thiem

Als ich am Montagabend nach Hause fuhr, hörte ich im Autoradio, wie einer unserer erleuchteten Sportreporter noch immer mit verquetschter Stimme von der „epischen Nacht“ des Dominic Thiem schwärmte. Ich gestehe: Ich leide schon unter Schweißausbrüchen, wenn erwachsene Zeitgenossen sich bei der Jugend oder dem Zeitgeist einzuschleimen versuchen, indem sie Worte wie „cool“, „Alter“, „krass“ oder „geil“ verwenden. Zumindest bei letzterem dürfte bekannt sein, worum es sich handelt.

Bei „episch“ jedoch, was in etwa „supertoll“ bedeutet, ist davon nicht auszugehen. Der Begriff stammt in seiner derzeitigen Verwendung aus dem Bereich der Fantasy-Computerspiele. Ursprünglich bezeichnet er jedoch jene umfangreichen literarischen Werke, die – wie etwa die „Odyssee“ des Homer, „Krieg und Frieden“ von Leo Tolstoi, „Die Buddenbrooks“ von Thomas Mann oder „Der Mann ohne Eigenschaften“ von Robert Musil – eine ganze Epoche zwischen zwei Buchdeckel bannen.

In einer Zeit, in der sich fast alle, besonders wenn sie jung sind, über ein Handy beugen, muss man sich fast schon entschuldigen, wenn man sich ein Leben lang über Bücher gebeugt hat. Dennoch würde ich vorschlagen, dass jeder, der etwas als „episch“ bezeichnet, „zur Strafe“ auch eines der großen Epen der Weltliteratur lesen sollte. Sie sind selten geil, aber, sofern man wie ein Tennisstar die Anstrengung nicht scheut, garantiert „episch“!

Alois Schöpf

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Hermann Pallhuber

    Lieber Alois,
    ein sehr gutes Apropos von Dir heute in der TT…
    Ich dachte und denke mir das schon lange…. gerade vor dem Hintergrund der täglich erlebbaren Erweiterung der „sprachlichen Kompetenzen“ meiner beiden Junggymnasiasten zu Hause und in deren Peergroups…
    Köstlich am Ende die Pointe: „zur Strafe….“
    Ich würde jetzt glatt gern sagen: Echt geil, wie du das geschrieben hast, Alter, krass! Du bist auf einem epischen Level….

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