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Reinhard Kocznar
Prävention, ein Perpetuum mobile vierter Art
Essay

„Unser Geist muss alles vorhersehen, nicht nur das Übliche, sondern auch das Mögliche…Was in langen Jahren mit starker göttlicher Hilfe aufgebaut wurde, kann ein einziger Tag zersprengen und zerstreuen. Herannahendem Unheil einen einzigen Tag zu gönnen, hieße eine lange Frist einräumen.“ (Seneca, Von der Seelenruhe)

Nicht nur das Übliche, sondern auch das Mögliche – damit hat Seneca Vilém Flussers Beispiel mit dem Würfel vorweggenommen. Die Eins wird auf lange Sicht so oft vorkommen wie die anderen Ziffern. Es wird eintreten, was das Programm möglich macht, nicht nur, was man damit beabsichtigt hat.

Bei oberflächlicher Betrachtung scheint sich hier ein Dilemma anzubahnen. Dass wir das, was noch nicht verboten ist, in Programme fassen, um das Leben übersichtlich und erwartbar zu gestalten, ist allgemein anerkannt. Dennoch könnten Zweifel entstehen, ob bei der Komplexität zeitgemäßer Programme vorhersehbar ist, was sie ermöglichen. Damit entstünde eine Grauzone, und die ist bei einem Programm ein absolutes „No-Go“.

Programme sind manchmal so komplex, dass man nicht einmal verlautbart, was sie beabsichtigen. Zum Beispiel hat das Programm des Fluges Lion Air 610 ein voll besetztes und funktionstüchtiges Verkehrsflugzeug zum Absturz gebracht. Es musste sich nichts vorwerfen lassen, es wurde von einem vorgeschalteten Sensor sozusagen angelogen und tat, was es tun sollte. Die Piloten wussten auch nicht, welches Kunststück man ihrem Flugzeug beim letzten Aufenthalt in der Werft beigebracht hatte. Man wollte die Handbücher nicht aufblähen, war hinterher zu erfahren.

Senecas Vorgabe (herannahendes Unheil abwehren) war somit erfüllt, da die Verantwortlichen (Piloten) das Unheil mangels Kenntnis der Gefahr nicht erwarten und daher auch nicht abwehren konnten. Die Statistik beweist, dass es sich bei diesen unerwarteten Vorfällen um verschwindend kleine Promillewerte handelt, die man übergehen kann. Sie bleiben damit unter der Wahrnehmungsschwelle und sind somit nicht geschehen. Als Beweis dafür kann auch der Umstand herangezogen werden, dass in den Medien so gut wie keine Notiz von der Sache genommen wurde. Es war ein Einzelfall, ein Flugzeugunglück, wobei das Flugzeugglück überwältigend höher ist.

Im archaischen Teil des Lebens, der noch nicht von Programmen vorhersehbar gestaltet werden kann, müssen daher adäquate Maßnahmen gesetzt werden. Senecas Forderung (herannahendem Unheil keine Frist gönnen) wird hier mit der Prävention Rechnung getragen. Die Prävention ist gehalten, Herannahendes zu erkennen, zu beschreiben und ihm zuvor zu kommen.

Hier könnten Kritische wieder ein Dilemma erkennen. Hinsehen und Beschreiben gilt als unsensibel, aber in dem Fall, in dem es um das erwartbare Glück des modernen Menschen geht, wäre politisch korrektes Wegsehen oder Umschreiben unverantwortlich.

Der moderne Mensch hat es nicht so leicht wie Seneca. Zu seiner Zeit war die Erinnerung wach, dass sich germanische Stämme aufgemacht hatten, um in das Herz des Reichs vorzudringen. Es waren konkrete Dinge, auf die es zu achten galt. Der moderne Mensch ist mit einer Flut an Bildern, Nachrichten, Newsfeeds und dergleichen konfrontiert, die er im Auge behalten muss. Cäsar hätte nur die Hälfte von Gallien erobern können, wenn er alle paar Minuten die Statusmeldungen von Freunden durchsehen und beantworten hätte müssen.

In der Gegenwart gibt es daher Experten, die sich um das kümmern, was dem modernen Menschen wegen seiner zeitlichen Belastung nicht ausreichend möglich ist – um Prävention. Unermüdlich forschen sie auf den Spuren aller Gewohnheiten, die unsere Zivilisation hervorgebracht hat, um den Punkt zu finden, an dem das Unheil droht.

Wikipedia erklärt diese Aufgabenstellung folgendermaßen:
Prävention (lateinisch praevenire „zuvorkommen…“) bezeichnet Maßnahmen zur Abwendung von unerwünschten Ereignissen oder Zuständen, die mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit eintreffen könnten, wenn nichts getan würde.

Mit den Begriffen ‚könnte’ und ‚würde’ ist sichergestellt, dass bei der Suche nach möglichen Gefahren nicht vorschnell aufgegeben wird. Der Journalismus springt hilfreich ein, da Prävention naturgemäß mit Regulierung und Abschaffen verbunden ist. Beides gehört zur DNA des Journalismus.

Der Präventions-Apparat teilt sich in Primär-, Sekundär-, Tertiär- und mittlerweile auch in Quartärprävention ein. Was im Moment noch fehlt ist die Postprävention. Das Jahrhundert hat aber erst begonnen.

Nichts ist umsonst, daher arbeitet der moderne Mensch, der noch für produktive Belange erübrigt werden kann, gern daran, den Präventions-Experten ihre wertvolle Arbeit finanziell möglich zu machen. Verglichen mit einem Ruder-Regattaboot wäre das ein Boot, in dem zehn mit dem Megaphon stehen und einer rudert. Angesichts des leicht erkennbaren Mehrwerts rudert der an den Riemen Verbliebene freudig. So gehen wir einer goldenen Zukunft entgegen. Der Zeitpunkt ist absehbar, an dem der Glanz der Therapie durch Prävention überstrahlt ist. Therapie ist der morgige Schnee von gestern.

Habe nun, ach! alle Grenzen der Prävention durchaus gesucht, mit heißem Bemühn – und bin so klug als wie zuvor (frei nach „Faust“)!

Bei näherer Betrachtung ist Prävention keine Heilung, keine Reparatur, nicht einmal eine Problemlösung im weitesten Sinn. Prävention ist das Hobby der Zeitreichen. Sie ist zum Maß aller Dinge geworden. Sie beruhigt den Aberglauben und gibt den Orientierungslosen eine Stütze. Sie gibt denen, die sich gern darstellen, eine Bühne mit großem Publikum. Sie hilft vielen, nur nicht denen, die ein Problem haben. Es ist auch leichter, über die Verhinderung vorgestellten Unheils zu reden als Hand anzulegen, und auch der dümmste präventive Vorschlag kann keinen Haftpflichtanspruch nach sich ziehen.

Prävention hat inzwischen auch die Versicherungswirtschaft erreicht, die eigentlich das Gegenteil sein sollte. Am Titelblatt einer Fachzeitschrift lese ich: Information und Prävention, der mündige Konsument. Mündig wird man nicht mehr durch Lebenserfahrung und Nach-Denken, sondern durch die übergeordnete Instanz. Wie machte man das vor Erfindung der Prävention (=Regulierung)?

Wenn in alten Zeiten ein Schiff verloren ging oder eine Karawane ausgeplündert wurde, dann bedeutete das für die Kaufleute den Ruin. Sie behalfen sich mit der Versicherung, auch wenn sie damals nicht so hieß. Man verteilte das Risiko und machte es handhabbar. Prävention hätte bedeutet, das Schiff nicht auszurüsten und die Karawane nicht loszuschicken. In dem Fall würden wir heute noch in Höhlen sitzen und den Begriff Prävention gar nicht kennen.

Das Risiko nicht zu vermeiden, sondern es überschau- und handhabbar zu machen, eröffnete neue Möglichkeiten, es nahm die Angst zu handeln. Prävention engt dagegen ein und fokussiert auf das Problem, nicht auf die Lösung. Sie ist das Gegenteil einer Lösung. Vielleicht sollten wir uns wieder daran erinnern, dass der Aufstieg Europas in den letzten 400 Jahren durch Wagemut und Risikobereitschaft zustande kam und inzwischen durch Angst und Vorschriften zu Ende gegangen ist.
Man kann dem auch Gutes abgewinnen. Die Suche nach dem Perpetuum mobile ist bisher erfolglos verlaufen, und unbewegliche Patentämter nehmen dahingehend nicht einmal Anmeldungen entgegen. Die Prävention ist ein Selbstläufer geworden, in Programme, Standards und Richtlinien gegossen hält sie sich am Leben. Möglicherweise ist hier das Perpetuum mobile vierter Art entstanden, vor den Augen aller, und keinem ist es aufgefallen.

Wie hätte es auch auffallen sollen, denn „Der Organisationsmensch hat die Fähigkeit zum Ungehorsam verloren, er merkt nicht einmal, dass er gehorcht “, bemerkte Erich Fromm treffend.

Es ist natürlich nicht alles relativ, denn, wie Bertrand Russel pointiert bemerkt, wenn alles relativ wäre, dann gäbe es nichts, wozu es relativ sein könnte. Fast alles ist aber auch eine Frage der Betrachtung. Prävention ist der perfideste Trick des Apparats, die noch Denkenden zu deaktivieren.

Reinhard Kocznar, lebt in Hall in Tirol. Postbeamter, Bankkassier, Geschäftsführer eines Nachtlokals, Geschäftsführer eines Reifenhandels- und Vulkanisierbetriebs. Ab 1979 Verkaufsleiter in einer Versicherung, zuletzt Direktor. Selbständig als Versicherungsmakler seit 1990. Durch Softwareprobleme der Anfangszeit angeregt: Erlernen von Programmiersprachen, Mitarbeit an der Entwicklung eines heute weltweit eingesetzten Internet-Verkaufssystems für berührungslose Tickets. Systemadministrator und Softwareentwickler. Mehrere Buchveröffentlichungen, darunter „Machtblind“, „Brandgeld“ (Kriminalromane) oder „Hamster im Laufrad“ (Essay).


Dieser Beitrag hat 8 Kommentare

  1. Vanessa Musack

    Lieber Herr Kocznar,
    vielen Dank für Ihren anregenden Beitrag!
    Die Prävention ist zweifellos eine Erfindung des ,modernen Menschen‘. Alles muss vorhersehbar sein, denn niemand möchte mehr im Ernstfall Verantwortung übernehmen müssen.
    Wie Sie ganz richtig festhalten, hätte Europa sich nicht so entwickelt, hätte es nicht Persönlichkeiten gegeben, die ein Risiko eingegangen sind. Die Risikobereitschaft schwindet mit der zunehmenden Ablehnung, Verantwortung für das eigene Handeln zu tragen.
    Ich frage mich, ob der moderne Bürger nicht ganz einfach mit etwas weniger Rückgrat ausgestattet ist…
    Herzliche Grüße
    Vanessa Musack

  2. Alfred Brunnsteiner

    Zu faul und/oder zu feig !
    Ich bin immer wieder auf den Tiroler Autobahnen unterwegs und muss mit bedauern feststellen, dass viele der Autofahrer die Straßenverkehrsordnung missachten oder schon vergessen haben.
    Vom Rechtsfahrgebot will ich gar nicht reden, sondern übers „Blinkzeichen geben“.
    Viele wechseln die Fahrspur, ohne das Blinkzeichen zu betätigen, manche drücken den Blinkerhebel gleichzeitig mit dem Lenkradeinschlagen.
    Wir haben Alle in der Fahrschule gelernt, dass man zumindest 3 x Blinken lassen sollte, bevor man die Fahrspur wechselt.
    Sind die Nichtblinker zu faul ?
    Ich bin auf jeden Fall nicht zu feig, um mich darüber aufzuregen und sage allen Nichtblinkern, dass sie den §3 Vertrauensgrundsatz der STVO mit Füßen treten.

  3. Vanessa Musack

    … diese Fragestellung ist jedoch nicht in Situationen relevant, in denen Menschen Opfer tragischer Umstände werden. Das möchte ich betonen. Werden Menschen mit einer komplett unvorhersehbaren Situation konfrontiert, so kann sich herausstellen, dass auch die beste Prävention nichts verhindern hätte können. Soll nicht heißen, dass blind jedes Risiko eingegangen werden soll, sondern dass es einfach Situationen im Leben gibt, die auch bei umsichtigem Verhalten leider nicht immer abgewendet werden können.

  4. Lieber Alfred,
    der Blinker gehört aber nicht zur Prävention. Er gehört zur STVO, man muss die beabsichtigte Richtungsänderung anzeigen. Viele Verkehrsteilnehmer glauben aber, dass er zur Physik gehört und links Platz schafft, wenn man links blinkt. Wie wir beide wissen, steht dem aber Isaac Newton entgegen. Wo ein Körper ist, kann kein zweiter sein. Die Blinkenden sind dann in der Regel konsterniert, wenn sich Isaac durchsetzt.

  5. Liebe Frau Musack,
    wie Sie sagen, gibt es unverhersehbare Umstände, die sich eben wegen der Unvorhersehbarkeit der Abwehr entziehen. Für mich als Versicherungsmensch weist z.B. der Unfall die Merkmale des Plötzlichen und Unentrinnbaren auf. So geschieht es ja auch. Was ich meine, ist das Fokussieren auf das Verhindern anstatt auf das Wagen.

  6. Vanessa Musack

    Lieber Herr Kocznar,
    da stimme ich Ihnen vollkommen zu! Der Fokus der Mehrheit liegt heute leider am Verhindern. Man könnte sagen, es hat sich eine Kultur des ,lieber nicht Tuns‘ eingebürgert. ,Lieber mal ganz langsam machen…‘
    Mein zweiter Kommentar sollte lediglich den ersten etwas ergänzen, da meiner Ansicht nach das Eintreten eines unvorhersehbaren Umstands gesondert zu betrachten ist.

  7. Servus Reinhard,
    es steckt sehr viel Wahrheit in dem, was du da geschrieben hast, und regt zum Nachdenken an. Ich denke, wir sollten alle wieder einmal unser Hirn einschalten, nichts mehr glauben, was uns die Politik und sogenannte „Experten“ alles sagen und verheißen. Schon allein dieser Globalisierungswahn verlangt den normalen Menschen alles ab. In Wirklichkeit werden wir ja schon lange diktatorisch regiert, nur scheinen es die wenigsten zu merken. Das beste ist, sich wieder auf die Einfachheit, das Gefühl und Ehrlichkeit zu verlassen, im Grunde, einen oder zwei Schritte zurück zu gehen, um einen wirklichen, angenehmen Fortschritt zu erleben.
    Danke und liebe Grüße
    Gogo

  8. Danke an alle.
    Das Wort ‚Experte‘ ist bei mir längst eine Abschaltfunktion, ich bin dann weg. Es kommen sowieso nur solche zu Wort, die der schlichten Welt der Abschaffer nach dem Mund reden. Andere werden als ‚Skeptiker‘ und ‚Leugner‘ denunziert, sofern sie sich Gehör verschaffen können.
    Für Globalisierung habe ich den treffenden Begriff McDonaldisierung gelesen. Überall dasselbe, vor allem wenig. Ich kann heute wie vor 20 Jahren in Italien oder Frankreich keine Maschinenversicherung abschließen, aber Tempolimits, Rauchverbote, Staubsauger- und Toilettenspülstandards klappen bestens.

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