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Reinhard Kocznar
Not-Aufnahme
Essay

In einem alten Witz ist die Rede von einem Engländer, der in der Disco verbrannte. Er hatte es nicht gewagt, durch die Türe mit der Aufschrift „Notausgang“ zu flüchten. Wegen der Silbe „not“ interpretierte er die Beschriftung als „Nicht-Ausgang“: Kein Entkommen! Lebendig eingemauert!

Ich fand den Witz ganz lustig, auch wenn er zum Erzählen viel zu kurz ist. Dass darin eine tiefe Wahrheit steckt, lernte ich aber erst unlängst. Bekanntlich ist keine Phantasie so erfindungsreich, dass sie nicht von der Realität auf die Plätze verwiesen wird. Ich war nämlich gezwungen, das Gegenteil des Not-Ausgangs kennenzulernen, nämlich die Not-Aufnahme, also die Nicht-Aufnahme.

Sie ist für jedermann (oder -frau) mühelos erreichbar. Die Not-Aufnahme ist keine Tür mit der Aufschrift ‚bleib weg’, ‚hit the road’ oder dergleichen, sie ist eher eine Institution in der Form von Kafkas ‚Schloss’. In diesem Roman kommt ja der Landvermesser zum Schloss, muss aber mit dem Schlossherrn reden, bevor er mit seiner Arbeit beginnen kann. Das erweist sich als schwierig, und als er endlich den Termin erhält, stirbt er am Abend davor.

Heute ist alles schneller als zu Kafkas Zeiten. Zeitungsmeldungen, in denen von Schwangeren die Rede ist, die vor den Toren der Klinik wieder weggeschickt werden, und die Geburt dann irgendwo im Auto erfolgt, mag man als Einzelfälle einstufen, die aus Sicht des jeweiligen Systems schon mangels statistischer Relevanz als nicht existent betrachtet werden. Die Betreffenden, nach ihrer Abweisung transformiert als ‚die Betroffenen’, sind eben nicht durchgedrungen. Ihre Beweislage ist zu schwach gewesen.

Die Not-Aufnahme ist nicht einfach zu überlisten. Ich musste das vor einigen Jahren selbst erfahren und hatte dabei einen bevorstehenden Herzinfarkt mit dokumentierter Vorgeschichte vorzuweisen. An sich ist das kein schlechtes Argument, sollte man meinen. Aber so einfach war das nicht. Es brauchte drei Anläufe, um durch die Isolierschicht der Not-Aufnahme in den Bereich der Profis vorzudringen, die mit dem Problem umgehen können. Es gelang in letzter Sekunde.

Es war an einem Freitag vor Pfingsten, als ich das eigenartige Ziehen in der Brust spürte, das schwer zu beschreiben ist, mich aber unverzüglich an einen Schmerz erinnerte, den ich am Tag vor meinem Herzinfarkt vor 13 Jahren verspürt hatte. So wie damals ging es wieder weg, kam aber bereits bei geringer Anstrengung wieder, so dass ich mich von meiner Freundin bei der Notaufnahme der Klinik absetzen ließ. Vor der Klinik blieb es weg. Natürlich. Ich spazierte eine Weile am Gelände herum, und weil es nicht mehr wiederkam, kehrte ich zu Fuß nach Hause zurück. Der Weg von etwa 30 Minuten machte kein Problem.


Der erste Anlauf

Am Samstag begann es bereits beim Frühstück. Es war stärker und ziemlich unangenehm, verschwand aber nach kurzer Zeit. Da es bereits bei kurzen Wegstrecken erneut auftrat, ließ ich mich am Nachmittag noch einmal in der Notaufnahme absetzen und blieb diesmal dort.

Mit diesen Symptomen kommt man sofort dran. Blutdruck messen, Blut abzapfen, kurz ausfragen, zurück in den Warteraum, dann Aufruf zu den Kojen. EKG, danach warten. Das macht nichts, die müssen erst die Laborwerte haben. Guter Allgemeinzustand, kooperativ, wach, steht hinterher im Bericht, also keine Eile. All das galt damals beim ersten Herzinfarkt auch.

Bei Sitzen, Liegen oder Herumbummeln entstand keine Belastung, also spürte ich nichts. Die Ärztin hatte endlich meine Laborwerte, ab in die Koje, Abhören, Abtasten. Die Werte waren bestens. Vor allem das Troponin, dessen Wert zeigt, ob es ein Infarkt ist, passte vorzüglich. Da war nichts. Ich wiederholte, dass es seit zwei Tagen in immer kürzeren Abständen auftrete und ich keinen Infarkt mehr bekommen wolle. Dass ich im Moment keinen hatte, beruhigte mich nur wenig. Deshalb war ich ja hier.

Die Prozedur sei folgende, sagte sie: Mit diesen Symptomen zeitnah einen Termin beim Internisten ausmachen und dort eine Ergometrie. Grandios! Bei der Ergometrie, also dem Radfahren, entgegnete ich, falle ich so, wie ich jetzt bin, nach einer Minute um. Dann habe ich den Infarkt, den ich vermeiden möchte.
So ist aber die Prozedur, beharrte sie, derzeit fehlt Ihnen nichts! Die Juristen sind da schon weiter, heute gibt es den Tatbestand des Stalking. Man muss nicht mehr abwarten, bis einem der beharrliche Verfolger eins über die Rübe zieht.

Sie las dem Oberarzt am Telefon den Befund vor, beim EKG fragte ich nach dem letzten Wort (ascend. ST-Senkung).
Was stimmt nicht mit meinem Aszendenten?
Aszendierend?
Sie lächelte: Aufsteigend, besser als am absteigenden Teil.
Und was bedeutet es?
Es kann ein Zeichen für Unterversorgung sein, in den Herzkranzgefäßen.

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ein Infarkt ist die Folge eines Verschlusses oder einer Engstelle in den Herzkranzgefäßen, und die Schmerzen dabei oder davor sind es auch. Da stand es sogar drin! Aber die Prozedur sah hier nichts Klügeres vor als „zeitnahes“ Radfahren.


Der zweite Anlauf

Am nächsten Tag hatte ich alles schon heruntergeschaltet. Kein Croissant zum Frühstück, das hatte ich gestern schon gespürt. Müsli statt Croissant brauchte ich nicht, dazu müsste ich schon im tiefsten Winter in einem Außenposten in der Antarktis sein, ohne Aussicht auf Entkommen. Es würde das drohende Unheil einige Tage verzögern. Ich bewegte mich wenig, so blieb es ruhig.

Meine Freundin telefonierte mit ihrem Bruder, Landarzt in Oberösterreich. Er faxte ein Rezept, Nitroglyzerin. Wir besorgten es. Ich redete auch mit ihm. Wie lange hast du den Stent schon drin, fragte er. Ich sagte, an die 13 Jahre. Nach zehn bis fünfzehn Jahren können die zugehen, meinte er, dann hast du den Infarkt. Geh noch einmal hin und sage ihnen das!

Leicht gesagt. In dieser Klinik gibt es in jeder Disziplin genug Leute, die etwas drauf haben, aber in meinem Fall war die Isolierschicht davor. Ergometrie? Mit diesen Symptomen macht man bei uns sofort die Angiografie, sagte er. Das bedeutet, mit dem Herzkatheter hineinschauen. Da sieht man, was Sache ist und kann es auch gleich reparieren. So hatten sie es vor 13 Jahren bei mir gemacht.

Da sind sie im Osten weiter, keine Frage. Wer sich ein Programm einfallen lässt, demzufolge man jemand, der bereits bei geringer Belastung Brustschmerzen bekommt, auf den Fahrradtrainer setzt, der muss – um es umgangssprachlich zu formulieren – nicht ganz bei Trost sein. Am Nachmittag beschloss ich, auf ein Eis zur Konditorei zu spazieren, schön gemütlich. An der Kreuzung war nach 100 Metern Schluss, Pause, dann begnügte ich mich mit Eis von der gegenüber liegenden Tankstelle. Am Rückweg studierte ich ausgiebig die Immobilienanzeigen in der Auslage, das brachte Erholung zum Heimgehen.

Zweiter Anlauf in der Notaufnahme. Am Empfang wurden meine Daten und Beschwerden aufgenommen. Eine andere Kollegin kam und nahm den Platz der Schwester ein, die mich auszufragen begonnen hatte. Unterbrechung. Von draußen kam eine weitere, die zwei unterhielten sich fast zehn Minuten in aller Ruhe über ein Dokument, das vermutlich irgendwo falsch abgelegt worden war. Mit mir hatte das nichts zu tun, ich hatte zu warten. Der Störfaktor Kunde konnte dieses System in seinem inneren Gleichgewicht nicht erschüttern. Endlich hatten sie ihre interne Diskussion beendet, ich wartete vor dem nächsten Zimmer, dann wieder zu den Kojen. Das gewohnte Ritual, EKG, Blut abnehmen, warten.

Dann kam die Ärztin. War die von gestern freundlich, erlebte ich nun die herbe Variante. Was mir fehle? Mein Aktionsradius wird immer kleiner, sagte ich. Was ich damit meine, fragte sie ungehalten. Wo bin ich hier, mit wem rede ich da? In der internen Notaufnahme, mit einer Ärztin, die weiß, warum und dass ich zum zweiten Mal hier bin? Ich bin nach hundert Metern nicht imstande, weiterzugehen, ohne eine Pause einzulegen.

Blutdruck, Puls, Laborwerte sind in Ordnung, warf sie mit so strenger wie wichtiger Miene ein. Ich kann aber praktisch nur mehr herumsitzen, erwiderte ich, und mein Schwager hätte gemeint, dass mein Stent kurz davor sein könne, sich zu schließen. Ich hatte versehentlich Schwager gesagt, statt Hausarzt. Wer sei mein Schwager? Na, mit dem Tankwart werde ich nicht darüber reden, entgegnete ich, er ist Arzt.
Ratschläge von außen kommen nie gut an! Ich hätte ihn nie erwähnt, wenn ich nicht schon am Rand der Verzweiflung gewesen wäre. Die Ansicht des Landarztes sollte sich allerdings bald als zutreffend herausstellen.

Die Frau wollte alles präzise wissen, keine Auswirkungen, sondern Fakten in der von ihr erwarteten Terminologie. Vielleicht sollte man Vorbereitungskurse für die Not-Aufnahme anbieten. Ich erinnerte mich an den Oberstarzt beim Militär in ferner Vorzeit. ‚Können Sie nicht ordentlich Meldung machen?’, brüllte er einen Rekruten an, ‚das heißt, Kanonier X meldet sich mit Schmerzen am Bein.’ Ich ging still ab, wegen 38 Grad ließ ich mir das nicht gefallen.

Ist das die Sauerstoffsättigung?
Die Zahl 100 am Monitor lenkte mich ab.
100 Prozent, bestätigte sie schnippisch, besser geht’s nicht.
Die vorgesehene Prozedur sei mir bekannt, erinnerte mich die Dame missbilligend, zeitnaher Termin beim Internisten und Ergometrie. Ich brauche keine verdammte Ergometrie, beharrte ich, dann habe ich den Infarkt, den ich vermeiden will.
Sie wurde fast wütend: Ja, glauben Sie, dass wir wegen ihnen jetzt in der Nacht (so lange hatte das Warten gedauert) eine Ergometrie machen? Auch als Routinier in Verhandlungen ist man manchmal sprachlos, das war ich jetzt.

Sie blickte einen der Pfleger an. Liegestützen, fragte sie. Ich schaute verwundert. Er schüttelte den Kopf. Kniebeugen, meinte sie. Ich wurde angekabelt und machte Kniebeugen. Hinterher fragte ich mich, wie ich so dämlich sein konnte, dieses Machtspiel mitzumachen. Ich absolvierte mit wachsendem Staunen 40 Kniebeugen und brach ab, weil ich nichts spürte. Die Frau war zufrieden, sie hatte gewonnen. Ich war entlarvt. Ihr System, die heilige Prozedur, blieb unangetastet.
In mir erweckte es die Illusion, dass es vielleicht doch vorbei sei, vielleicht hatte sich die Engstelle freigespült. Ich traute dem Frieden aber nicht und blieb am nächsten Tag zu Hause. Dass es eine Illusion war, stellte sich rasch heraus.


Der dritte Anlauf

Der dritte Tag begann friedlich, gestärkt durch die Illusion von gestern und dadurch, dass ich fast nichts gegessen hatte. So benötigte der Magen auch keine Energie von der Pumpe. Tagsüber im Garten, Plausch mit den Nachbarn, die ihr Hochbeet begutachteten. Ich verlangte 5 € Kopfgeld, weil meine Katze wieder eine Maus vor ihrem Beet erlegt hatte, konnte aber die Maus nicht vorweisen. Meine Beweislage war schwach, die Katze hatte nichts übrig gelassen.

Wenn es heftig kommt, dann nach einem friedlichen Tag. Meine Freundin war kurz weg, ich ging hinunter ins Büro und wollte den Sack mit Altpapier in den Container auf der anderen Straßenseite werfen. Das ging sich nicht mehr aus, es begann wieder. Das Ziehen in der Brust wurde rasch stärker, zurück nach oben in die Wohnung.

Automatisch griff ich zur Packung mit dem Nitroglyzerin, das ich nie nehmen hatte wollen, weil es dann ernst war. Es gab nichts mehr zu überlegen. Im Rückblick sehe ich mir selbst zu, wie ich auf Notbetrieb umgeschaltet und völlig mechanisch gehandelt habe. Ein Blick auf den Beipackzettel, den ich schon wegen der dort üblichen Mikroschrift nicht mehr lesen konnte. Gleichzeitig setzte ich das Headset auf und rief die Nummer 144. Die meldeten sich, sie hatten auch ein Programm, aber das ist knapp und funktioniert. Mit Nitroglyzerin aufgetankt, viel zu viel, öffnete ich die Tür und setzte mich auf die Couch. Mist, dachte ich zwischen den Wellen, der Zeitpunkt zum Sterben ist nie richtig, er wird es auch in 20 Jahren nicht sein. An sich dauert das nie lange, wie man hinterher weiß, mittendrin ist es ewig. Das war ein leichter Infarkt, sagt mir später einer der Guten dazu, genau das, was ich beharrlich hatte vermeiden wollen.

Als die Rettung eintraf, war es fast schon wieder vorbei. Voll mit Nitroglyzerin. Das EKG war in Ordnung, dumme Sprüche hörte ich allerdings nicht. Die Notärztin erschien und checkte mich, es war nichts mehr da. Im Gegensatz zu denen bei der Not-Aufnahme glaubten sie mir aber. Sie fragte mich aus und erklärte mir dann, dass ich etwa die vierfache Menge Nitroglyzerin genommen hatte. Ein Wunder, dass der Blutdruck noch halbwegs passte. Nach meiner unwissenschaftlichen Meinung hat mich die Überdosis vor dem Schlimmsten bewahrt.

Sie bringen mich jetzt in die Klinik, sagte ein Sanitäter. Ach nein, erwiderte ich, es geht schon und stand auf. Was soll ich dort? Sie haben gehört, was die Notärztin gesagt hat, erinnerte ein Sanitäter, wenn Sie hier bleiben wollen, müssen Sie einen Revers unterschreiben. Ich war überrascht, weil ich ernst genommen wurde, obwohl man im EKG und an meinem Zustand nichts Bedrohliches mehr sah.
Von welchem Planeten waren die? Ich war schon zweimal drin, entgegnete ich. Heute haben eh andere Dienst, tröstete ein Sanitäter, also fuhr ich mit. Ich hatte keine Wahl mehr.

‚The good, the bad and the ugly’, das war der Titel des letzten Teils der Dollar-Trilogie von Sergio Leone. Die Gute hatte ich vorgestern kennengelernt, aber sie glaubte an ihr Programm. Die Böse war gestern dran, die war auch draußen mit den Wartenden nicht anders umgegangen, wie ich hinterher hörte. Der dritte Teil folgte nun. Zuerst die Rituale, aber das muss sein. EKG, Blutprobe, Warten, aber lange. Kein Problem, ich hatte nichts anderes mehr vor. Immerhin bekam ich einen Blutverdünner, dann hatten sie wenigstens etwas verstanden. Das war in Ordnung, es verschaffte Zeit, in der es jedenfalls nicht schlimmer wurde.

Ich will den Arm beugen können, sagte ich, als der Pfleger kam, um die übliche Leitung zu legen. Auf Nadeln stehe ich nicht, aber ich bin da nicht hysterisch. Sie hatten zweimal schlecht die Leitung gelegt, ich bekam jetzt eine in den Handrücken. Die saß auch schlecht, aber ich konnte den Arm beugen. Sie müssen dich aufnehmen, simste meine Freundin, ich antwortete, ich will nur da durch, keine Ahnung, wie das gehen soll.

Die diensthabende Ärztin kam. Sie hatte lange ihren Bildschirm konsultiert, was inzwischen eine der Hauptbeschäftigungen geworden zu sein scheint. Dann hörte ich die bekannten Textbausteine. Eigentlich könnte man sie nummerieren, dann wäre die Konversation schneller vorbei. Eine schlechte, im Moment aber sehr gute Nachricht war dabei, das Troponin, also das Herzenzym, war seit gestern von 14 auf 28 gestiegen. Nach dem Anfall von vorhin wunderte mich das wenig, aber es war ein Fakt, an dem man nicht vorbeisehen konnte. Mein Zustand hatte sich endlich so verschlechtert, dass ich etwas vorweisen konnte. Wenn er das dritte Mal da ist, müssen wir sowieso etwas tun, hatte meine Freundin mit angehört. Wie schön.

Diese Ärztin war von der reschen Sorte, an sich kein Problem. Sie war auch nicht die, die Trost spendet, auch kein Problem. Stattdessen erfahre ich, dass ‚da draußen’ tausende auf die Angiografie warten, alle haben verkalkte Herzkranzgefäße und Herz- Kreislauferkrankungen seien die häufigste Todesursache. Mir fiel dazu nur das passende Gesetz Murphys ein: Alle generellen Aussagen sind falsch. Ich behielt es für mich. Was sie mir damit vermitteln wollte, war aber klar: Dir geht es wie vielen anderen, halt den Mund und warte ab, aber nicht bei uns. Für deinesgleichen sind wir nicht da! Hit the Road Jack.

Heute sind acht Herzinfarkte hereingekommen, erfuhr ich weiter, alles ist voll. Ich ersparte mir den Hinweis, dass ich dann vor zwei Tagen in der Pole-Position gewesen wäre. Disqualifiziert von unfairen Schiedsrichtern, das gibt es überall.
Nach einer Weile wurde ich von einem Pfleger abgeholt und folgte ihm zu meinem Zimmer, das die Not-Aufnahme bereit hielt. Ich bekam einen Pyjama und wurde angekabelt, dann hatte ich mein Zimmer allein. Für den Fall, dass es doch noch klappte, hatte ich diesmal eine Ausgabe der frühen Detektivgeschichten von Raymond Chandler dabei, mit dem Titel: „Die simple Kunst des Mordens“.

Aus der Lektüre wurde ich bald durch den Alarm des Monitors geschreckt, unterer Wert des Blutdrucks 37. Es kam niemand, ich setzte mich auf und las weiter, bis der Alarm den Puls 37 zeigte. Gegen zwei Uhr erschien der Pfleger und fragte, ob ich nicht schlafen könne. Ich regte an, doch den Alarm abzuschalten, er kümmere ohnehin keinen, erschrecke mich aber ständig. Die Ironie entging ihm, er meinte, es sei alles in Ordnung. Ich führte die niedrigen Werte auf meine Überdosis Nitroglyzerin zurück und war nicht weiter beunruhigt. Zum Schlafen kam ich mit dem ständigen Alarm allerdings kaum. Ich dachte nur, ärgerlich, wenn man als Leiche aufwacht und keinen mehr zur Verantwortung ziehen kann.

Morgens kam die Ärztin noch einmal und informierte mich, dass mein Troponin weiter angestiegen sei. Der Wert hatte sich über Nacht noch einmal verdoppelt, aber sei von einem Herzinfarkt weit weg. Die Herzkranzgefäße seien eben allesamt verkalkt. Ich sagte nicht, dass ich mich daran erinnern würde.


In Sicherheit

Gegen acht Uhr, zu einer Zeit, in der in der Klinik der Tagesablauf längst feststeht, erschien ein Arzt, den ich nach wenigen Worten als einen der Guten einstufte, an die ich seit Tagen zu gelangen versuchte. Ich hatte einen leichten Infarkt erlitten, sagte er. Meine Frage, ob die Pumpe einen Schaden davongetragen hätte beantwortete er mit ‚wahrscheinlich nicht’. Dann war ich also noch einmal davongekommen, nachdem ich drei Tage lang versucht hatte, den Ernstfall zu vermeiden und sogar noch die Diagnose mitgeliefert hatte.

Die dritte im Bunde, the good, the bad and the ugly, den Engel der Ungnade, der sich nicht mehr getraut hatte, mich abzuweisen, weil ich zum dritten Mal da war und endlich ein erhöhtes Troponin vorweisen konnte, verschob ich einstweilen nach hinten.

Der Arzt redete dann kryptische Dinge von ‚Sprachregelung finden’ und ‚auf die Schiene bringen’, aber das mache er schon, und war weg. Das beruhigte mich, denn ich führte sein Auftreten darauf zurück, dass die Stümperei der letzten Tage nicht unbemerkt geblieben war. Sie schien ihn erheblich zu irritieren. Er holte mich später ab und brachte mich selbst nach oben in die richtige Station, wobei wir kurz redeten. Ich hörte förmlich sein Kopfschütteln, als er hinter mir stand, im Bericht las und kommentierte: ‚Da lässt sie ihn noch vierzig Kniebeugen machen’. Diese dumme Aktion hätte den richtigen Infarkt problemlos auslösen können.

Nach der Aufnahme kam nichts mehr, für heute war ich zu spät, aber dass die Angiografie am Programm stand, war endlich fix. Die sollte nun anderntags stattfinden. Am Nachmittag kam meine Freundin. Weil mir das kräftig verdünnte Blut Bewegungsfreiheit verschaffte wie in alten Zeiten, also vor einer Woche, gingen wir ins Café hinunter und ich genehmigte mir endlich zwei kalte Biere und eine Breze. Zurück am Zimmer erfuhr ich, dass ich in einer Stunde drankomme.

Meine Labung beeindruckte das Team nicht, was mir sehr recht war, ich wollte hinter mir haben, was unumgänglich war. Der Raum im Keller erinnerte mich an eine Malerwerkstatt, weil lauter Gefäße mir verschiedenfarbigen Flüssigkeiten auf einer Seite standen, in der Mitte dann technisches Gerät und der Operationstisch, daneben zahllose Bildschirme, auf denen man zusehen konnte, wie die Pumpe repariert wird, ein Tonstudio, bei dem hinter der Scheibe der Tonmeister sitzt. Jetzt kam er dahinter hervor und ging gemeinsam mit einer so wie er verkleideten Frau an die Arbeit.

Die Vorbereitung dauerte eine halbe Stunde, dann stieß der Arzt dazu und es ging los. Nach einer Weile sagte er, das erste Gefäß ist in Ordnung. Soviel zu den völlig verkalkten Herzkranzgefäßen, die der Engel der Ungnade ferndiagnostiziert hatte. Nach einer weiteren Weile meinte er, der Stent sei nur mehr zu einem Prozent offen. Das bestätigte die Ferndiagnose des Landarztes, die sich somit als richtig erwies. Nach der zweiten halben Stunde erlöste er mich mit der Nachricht, alles hat geklappt, es ist gut gelungen. Ich bedankte mich.

Die haben in dieser Klinik drei solcher Einheiten, hörte ich. Wem es gelingt, dort hinein zukommen, der ist bestens bedient. Die Crew ist freundlich, kompetent und macht statt Sprüchen gute Arbeit. Wie aber Antoine de Saint-Exupéry schon gesagt hat, muss man die Raupen aushalten, bevor man die Schmetterlinge zu Gesicht bekommt. Exupéry wusste nicht, dass man sie auch überleben muss.


Programme und Funktionäre

Heute läuft alles nach Programmen ab, was wir als fortschrittlich empfinden. Durch langjährige Arbeit als Softwareentwickler und Systemadministrator weiß ich, dass längst nicht alle Programme gut sind, dass aber auch schlechte so lange gesundgebetet werden, bis man resigniert und sie akzeptiert. Die Folge des Wucherns der Programme ist das allmähliche Abschalten des Denkens. Dass laufend höhere Qualifikationen geboten und auch verlangt werden, kontrastiert mit dem immer Eintöniger-Werden der Abläufe. An immer mehr Stellen sitzen dann hochqualifizierte Funktionäre. Gendern ist dabei überflüssig, weil der Apparat diese Grenzen vernichtet.

Das Vertrauen in Programme ist unangebracht. Erleichtert wird es dadurch, dass für jedes Programm eine externe Stelle existiert, welche diese Programme validiert und deren Einhaltung überwacht. Die sind aber extern und verstehen von den Fakten wenig, was sie allerdings wortreich abstreiten. Validierte und Validierer leben in einer Symbiose zusammen. Für die einen ist es das Abtreten der Verantwortung, für die anderen die Existenzgrundlage. Dieses unangebrachte Vertrauen in ein schlechtes Programm führte in meinem Fall dazu, dass ich dreimal vorstellig werden und tatsächlich einen leichten Infarkt erleiden musste, bevor ich ernst genommen wurde. Es war in drei Tagen kein Oberarzt in der Station, vermutlich ist aufgrund der guten Programme keiner mehr notwendig. Die Überforderung zeigt, dass das eine Illusion ist.


Jenseits der Illusionen

1.Ratschläge
Auf dem Bericht nach der Entlassung steht zuletzt: Konsequente Beherrschung der kardiovaskulären Risikofaktoren.
Ein Ratschlag hinterher, zugleich Einschränkungen, vielen Dank. Diese Risikofaktoren führten nicht zu diesem Vorfall. Über die Jahre (13) waren meine Laborwerte in bester Ordnung, so auch in diesen Tagen. Der Blutdruck war immer normal, eher niedrig. Paradoxerweise trugen diese Tatsachen Schuld daran, dass ich nicht ernst genommen wurde: der verschlossene Stent. Was mir der Landarzt dazu erzählte, dürfte auf Erfahrungswerten beruhen, darüber hinaus war es seit der Angiografie unbestreitbarer Fakt. Die Wahrheit darf aber nie zu einfach sein, sonst gerät sie in die Nähe des ‚gesunden Menschenverstands’, und der ist unwissenschaftlich.

Mein Kardiologe schüttelte zu dieser Erklärung den Kopf, zeichnete mir das auf und erläuterte es. Als er mit seiner Erklärung am Ende war, kam dasselbe Ergebnis heraus. Das fiel ihm nicht auf. Er hatte zu erklären versucht, dass sich der Stent nicht durch Anlagerung verschlossen hatte, sondern vom Gewebe überwuchert worden war. Ersteres hatte zwar niemand behauptet, aber der Effekt ist derselbe. Für die Erklärung spricht auch, dass die anderen Gefäße frei waren, was wiederum die Mahnung mit den Risikofaktoren ad absurdum führt. Der Stent war zu, das war ‚alles’.

Ob die neueren Stents nicht mehr überwuchert werden, wird man sehen. Die von früher werden es. Das scheint weithin bekannt zu sein. In der Autoindustrie wäre das ein Fall für eine Rückrufaktion. Bei Brustimplantaten hat man das auch in der Medizin bereits getan. Was man zumindest erwarten kann, ist Information und entsprechendes Handeln in Fällen, indem man bei Stents dieser Generation unverzüglich denselben untersucht, anstatt ‚zeitnah’ Rad fahren zu lassen und das Problem auszulösen, anstatt es zu verhindern.

2. Die Methodik
Der hierorts übliche Umgang mit gesundheitlichen Beschwerden wie den meinen ist überholungsbedürftig. In meinem Fall war er geradezu kontraproduktiv.

Consumer Line
Beruflich bin ich gewöhnt, professionell einzukaufen oder zu beschaffen und kommuniziere daher mit Profis in den jeweiligen Firmen oder Versicherungen. Da kommt man in der Regel gut voran. Consumer-Produkte vermeide ich, da landet man nach dem gewohnten, elenden Telefonmenü in der Hotline und wird erst auf eigene Kosten mit Werbung bepflastert, bevor man abgespeist wird. Probleme kennt der Apparat im Consumer-Bereich nicht, er akzeptiert nur weitere Bestellungen. Warum der Gesundheitsbereich denselben Weg gehen muss, verstehe ich nicht.
Hit the Road Jack.


Anhang

Einzelfall
Als Einzelfall wird ein konkretes Vorkommnis, in der Regel von Verantwortlichen, bewertet, wenn dieses Vorkommnis besser nicht vorgekommen wäre und die Wahrscheinlichkeit, dass ein solches Vorkommnis wieder auftritt, nach Ansicht des Bewertenden vernachlässigbar gering sei. (Wikipedia)
Dieser Begriff gehört zu denen, die in meiner Beliebtheitsskala ganz unten stehen. Verursacht wird es vor allem durch Arroganz.

Funktionär
Ein mit Apparaten spielender und in Funktion der Apparate handelnder Mensch. (Vilém Flusser)

Gendern
Postreligiöse Marienverehrung

Percy Mayfield
Hit the Road Jack

(Hit the road Jack and don’t you come back no more, no more, no more, no more.)
(Hit the road Jack and don’t you come back no more.)
What you say?
(Hit the road Jack and don’t you come back no more, no more, no more, no more.)
(Hit the road Jack and don’t you come back no more.)
Woah Woman, oh woman, don’t treat me so mean,…

Beschwerden

Dieser Beitrag hat 4 Kommentare

  1. Rudolf Mittendorfer

    Lieber Reinhard,
    zunächst einmal freue ich mich sehr, daß Du diesen „Essay“ überhaupt noch schreiben konntest.
    Es wäre mehr als schade, derart „wahre“ und zugleich pointierte, vor allem aber leidvolle Erfahrungen nicht lesen zu können.
    Besonders jedoch freue ich mich, daß es Dir nun (wieder) gut geht….paß gut auf auf Dich.
    Die von Dir geschilderten „Umstände“ sind leider nach wie vor in allen Ebenen anzutreffen.
    Der Apparat mag weder mündige Patienten, und auch keine Rat“schläge“ von außen.
    Nach oben buckeln (in der Coronazeit Richtung Regierung) und nach unten treten.
    Wieviele Herzinfarkte WEGEN des Lockdowns „passierten“, wird wohl nie rauskommen.
    Wieviele tödlich waren, wohl auch nicht. Aber vielleicht hatten manche Coronaviren in sich, dann hat man wenigsten für die Statistik etwas. Der Schwarz in den USA ist ja auch an Drogen und Corona gestorben, und nicht an den 8 Minuten, die ihm der Officer die Kehle zugedrückt hat.
    Ich hoffe die Tiroler und die Österreichische Ärztekammer und der oberlehrerhafte Gesundheitsminister bekommen diesen Deinen blogg zu lesen. Jeder Arzt sollte das lesen (müssen) und dafür DFP Punkte bekommen.

  2. Lieber Rudi,
    der Text lag schon eine Weile in der Pipeline, und es ist folgenlos vorüber gegangen. Nietzsche sagt dazu, man muss für seinen Arzt geboren sein, sonst geht man an ihm zugrunde. Also muss man durchhalten, bis man an den richtigen kommt.
    Es liegt wahrscheinlich auch daran, dass ich regelmäßig Rauchopfer darbringe, falls einer der ewigen Götter zufällig hersieht. Sicher hat Aphrodite, meine Lieblingsgöttin, den Daumen gesenkt und gesagt, unten bleiben, weitermachen.
    Ich hatte mir nur nicht gewünscht, die Ansichten, die ich in meinem Essayband ‚Hamster im Laufrad‘ formuliert habe, selbst so schnell beweisen zu können. Immerhin erdet es, wenn man echte Probleme bewältigt anstatt sich mit solchen zu beschäftigen, die nur mittels Computermodellen vermittelt werden können.
    Übrigens, einige Tage danach habe ich mich mit meiner Bankerin auf eine Kaffee getroffen, als Überlebende dieser denkwürdigen Pfingsten. Sie war zur selben Zeit drin, eingeliefert mit der Diagnose Blinddarmenzüdung oder schlimmer. Bevor die Messer gewetzt wurden, hat man sie einen Tag lang durchdiagnostiziert, inklusive MR, um dann die Diagnose des Hausarztes bestätigt zu bekommen. Es ist auch gut ausgegangen.

  3. Elias Schneitter

    Da hab ich noch was vergessen wegen dem beitrag vom kocznar. Da geht es nicht um ein versagen des gesundheitssystems, sondern um ein menschliches ärztliches versagen. Im weitesten sinne könnte man das unter umständen dem system anlasten, okay. Aber ich erinnere an die großen kritiker (meist selbssternannte) wie pichlbauer oder marin oder wie die alle heißen. Was haben die nicht alles hinausgeblasen. Milliarden, pichlbauer meinte 5 milliarden könnte man einsparen bei den krankenhäusern, überall wurde er eingeladen und blies seinen unsinn hinaus in den äther. Er wollte radikal die betten abbauen, das system auf staatlich wie in great britain umbauen, ja, gott sei dank haben politiker nur teilweise auf diesen unsinn reagiert. Da ist der druck der bevölkerung gegen schließungen doch zu groß. Gut, jetzt halten diese kerle die pappen, aber wenn ich höre „man muss einsparen im gesundheitssystem, man könne system optimieren und synergien nutzen“ – dann heißt das nichts anderes. Einsparen heißt leistungen kürzen, sonst nichts. Wenn wir dieses gesundheitssystem erhalten oder verbessern wollen, dann ist einfach mehr geld notwendig, alle anderen meldungen sind unsinn.
    Basta. hugh ich habe gesprochen.
    Ja, sicher, in den usa haben sie ein viel besseres system, keine frage, aber halt nur
    für die ganz oberste schicht. Der rest kann schauen, wo er bleibt.

  4. Lieber Elias, das sehe ich nicht so. Es ist eine Zeitkrankheit, alles in Programme zu fassen. Die Folge ist der Digitalsierungs-Schwachsinn, der protokolliert, entmündigt und das Denken abschafft.

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