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Regina Hilber
Haarschneider
Vom Flanieren, Lösen durch Gehen und Gendergedanken

Gleich eines vorweg: Der Begriff „Haarschneider“, hier im Titel als Plural gedacht, vereint für mich immer noch Haarschneiderinnen und Haarschneider gleichermaßen. Solches explizit anmerken zu müssen in einem Text, widerstrebt mir.

Vom Versuch, die deutsche Sprache rigoros durchzugendern und damit vielen Wörtern bzw. Begrifflichkeiten ihre ursprüngliche (Be)deutung und ergo die Sinnhaftigkeit zu nehmen bzw. zu verzerren, halte ich als Feministin nach wie vor nichts. Das Neo-Wort HaarschneiderInnen mit dem Binnen-I oder Sternchen geht mir nicht in meinen poesiesinnlichen Kopf und offiziell auch nicht in die österreichische Verfassung. Die Haarschneider dürfen für mich weiterhin die Haarschneider bleiben. Das angestrengte, künstlerisch herbeievozierte Zwangsgendern darf durchaus als Hals(ab)schneiderei statt Haarschneiderei betrachtet werden.

Solvitur ambulando – des Schriftstellers Gedanken gehen überall mit. Tatsächlich durch Gehen gelöst, oder bloß laterales Denken – als Schriftstellerin hänge ich allem, das meine Aufmerksamkeit erregt, ein Schildchen, ein Zettelchen mit (m)einer Bedeutungshoheit um. Eine Berufskrankheit sozusagen, die auszumerzen mir nicht gelingt.

Meine Beobachtungen samt freien Assoziationen landen als Notiz in meinem Zettelkasten, dem sog. Karteikartenpaternoster. Niemand wird es verwundern, dass ich seit geraumer Zeit beim Dahinschlendern, mehr noch beim Dahinschauen während der unzähligen Straßenbahnfahrten durch Wien und andernorts, die vielfältigen Namensgebungen von Friseursalons sammle, wie andere Yu-Gi-Oh!-Karten. Wie schon in meinem Essay Adieu, Hipster (publiziert in „Lettre International“), erregen vornehmlich solche Bezeichnungen meine Aufmerksamkeit, die der ursprünglichen Begrifflichkeit, in diesem Falle dem Friseur bzw. Friseurladen, zeitgemäßere Synonyme zuschreiben.

Mein persönlicher Favorit: Mr. Comb.

Yeah, da würde ich mich richtig gerne frisieren lassen, ist aber leider ein Herrenfriseursalon. Ob ich Mr. Comb fragen sollte, ob er sich dennoch um mein Haar kümmern möchte? Ein fabelhafter Anmachspruch wäre das. Rein in den Herrensalon und lauthals vor den anwesenden Herren proklamieren: „Ich möchte Mr. Comb – und zwar nur Mr. Comb – an mein Haar lassen!“

Liebe Friseursalonbetreiberinnen und -betreiber da draußen, mein Namensvorschlag für Ihren Friseurbetrieb, den Sie vielleicht demnächst öffnen, lautet: Frau und Herr Fön versus Herr und Frau Fön

Beide Versionen seien natürlich, auch einzeln betrachtet, erlaubt. Ob es den FeministInnen (sic) nun gefällt oder nicht, letztere Version Herr und Frau Fön, also mit dem vorangestellten „Herrn“ ergibt für mich als Lyrikerin eindeutig die klangschönere Variante. Ja, finden Sie sich damit ab. Bei Frau und Herr Fön nimmt das zu stark intonierte und grobe „FR-“ den nachfolgenden Silben den Schwung und auch die Weichheit. Dass nach dem weicheren, gehauchten „Herr“, das lautlich stärkere FRAU folgt hat doch den positiven Nebeneffekt, dass das Wort wie Geschlecht nachhaltiger und kräftiger stehen bleibt. Ob Genderbeauftragte diese poetologische Feinheit in Rhythmik und Sound tolerieren können, ist mir schlichtweg egal.

Da die Begrifflichkeit Fräulein seit geraumer Zeit ausgestorben ist, vom deutschen Sprachgebrauch zurecht verbannt wurde (denn das Pendant „Herrlein“ bzw. „Männlein“ als Anrede gab es nie!), wäre die adrettere Version Fräulein Fön zu meinem großen Bedauern kultursoziologisch nicht mehr tragbar. Zu meinem Bedauern deshalb, weil ich auch hier rein poetische Betrachtungen walten lasse.

Nicht auszudenken, wie viel mehr Umsatz ein Friseurladen Namens Fräulein Fön machen würde. Herrje, supercalifragilisticexpialigetisch heiß wäre so eine Namensgebung. Das Fräulein Fön als Verheißung, die keine mehr sein darf. Oder doch?

Man denke an den armen admirador, den Bewunderer, der 2017 in Eugen Gomringers Gedicht der Diskriminierung und des Sexismus überführt wurde. An der Alice Salomon Hochschule in Berlin wurde befundet: Ein männlicher Bewunderer hat aktuell kein Recht mehr, eine schöne Frau (Achtung: die Zuschreibung „schön“ gilt heute ebenso als diskriminierend!) auf der avenida, der Prachtstraße, zu beäugen, geschweige denn zu bewundern.

Gomringers Gedicht avenidas wurde von der Hochschulfassade, wo es in riesigen Lettern prangen durfte, entfernt. Halten wir uns ergo fest vor Augen: Weg mit Bewunderern, Eroberern, und Generälen bzw. Blumen, die es zu pflücken gilt auf der prächtigen Avenida, denn Unisex (queer) ist das alte Hetero!

Männlich und weiblich mit all ihren Attributen und Zuschreibungen sollen gestrichen werden? Von wem genau eigentlich? Welche Minderheit kämpft um sinnbefreite Debatten wie diese?

Jener in seiner Absurdität kaum zu überbietende Akt wurde zwei Jahre später (2019) zu Gunsten aller admiradors dieser Welt zu Ende geführt. Gomringers Gedicht wurde sichtbarer und nachhaltiger denn je an einer Hausfront gegenüber der Alice Salomon Hochschule angebracht. Ein Teilsieg für das Gedicht.

Ich baue also auf die eine starke Frau da draußen, die ihre Haarschneiderei genau so betiteln wird: Fräulein Fön!

Mein eklektischer Einschub frei nach Eugen Gomringer lautet wie folgt:

cataratas
cataratas y bosques tropicales

bosques tropicales
bosques tropicales y mariposas

cataratas
cataratas y mariposas

cataratas y bosques tropicales y mariposas y
un fusil

(Wasserfälle und Regenwälder und Schmetterlinge und
ein Schießgewehr)

Sowohl Eugen Gomringers Original avenidas, als auch meine Nachdichtung cataratas evozieren ausschließlich in der spanischen Sprache diesen sanften und zugleich „rassigen“ Sound. Von einer Übertragung in die deutsche Sprache ist unbedingt abzusehen.

Um noch einmal auf die Namensgebungen von Friseursalons zurückzukommen: Floristen neigen ebenso dazu, ihren Blumenläden neue Bezeichnungen zu verpassen. Blumerei Klein, Flowerpower Reznicek, Frau Blume, Rosenschön, Die Blattwerkstatt, Blumensalon Vergißmeinnicht – alles schon gesehen.

Glauben Sie nicht? Dann flanieren Sie während des Lockdowns durch sämtliche Gassen, die Sie sonst nie begehen und sammeln Sie!

Regina Hilber

Regina HIilber, geb. 1970, lebt als freie Autorin in Wien, schreibt Essays, Erzählungen sowie Lyrik. Sie ist auch als Publizistin und Herausgeberin tätig. Zuletzt erschienen ihre gesellschaftskritischen Essays in Lettre International, Literatur und Kritik und in der Zwischenwelt. Ihre Arbeiten wurden vielfach ausgezeichnet, ihre lyrischen Zyklen in mehrere Sprachen übersetzt. Zahlreiche Einladungen zu internationalen Poesiefestivals und geladenen Schreibaufenthalten in ganz Europa. 2017 war sie Burgschreiberin in Beeskow/Brandenburg. Buchpublikationen zuletzt: Palas (Edition Art Science, 2018) und Landaufnahmen (Limbus Verlag, 2016). 2018 gab sie die zweisprachige Anthologie Armenische Lyrik der Gegenwart — Von Jerewan nach Tsaghkadzor (Edition Art Science) heraus.

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. K. Töchterle

    Danke für diese poetische Invektive gegen die trostlose Genderei! Mich nervt sie z. b. in den Nachrichtensendungen des ORF so sehr, dass ich hier Abstinenz erwäge. Kann man dagegen irgendetwas Wirksames tun?

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