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Philosophie in Echtzeit

Wenn man die Frage stellen würde, welches wohl der bedeutendste Verlag im deutschsprachigen Raum ist, würde der Name „Reclam“ den wenigsten auf Anhieb einfallen. Denn er ist einfach da. Mit seinen bescheidenen gelben Büchlein in schlichter Aufmachung zu sehr mäßigen Preisen. Unauffällig seit Jahrzehnten! Und dennoch: Wenn es ihn nicht gäbe, wären wir plötzlich eines Großteils unserer literarischen Vergangenheit beraubt.

Neben seiner umfangreichen Bibliothek der Klassiker enthält das Verlagsprogramm seit Jahren auch philosophische Texte, die, in verständlicher Sprache abgefasst, oftmals der angelsächsischen Denktradition verpflichtet sind, darunter auch eines der wichtigsten Werke der Philosophie der Gegenwart überhaupt, „Praktische Ethik“ von Peter Singer. Der Autor, Professor an der Princeton University, entstammt, speziell für uns Österreicher interessant, einer jüdischen Familie, die 1938 vor Hitler aus Wien nach Australien flüchtete. Singer ist nicht nur einer der Begründer der modernen Tierrechtsethik, sondern er hat auch den auf einem modernen Utilitarismus aufbauenden Versuch unternommen, eine von metaphysischen und religiösen Implikationen freie, innerweltliche Ethik zu begründen. Seine beispielhafte Art des sorgfältigen Argumentierens wäre übrigens auch eine ideale Grundlage für den an Österreichs Schulen geplanten Ethikunterricht. Dass selbiger, beiseite gesprochen, nur jenen zugutekommen bzw. aufoktroyiert werden soll, die sich vom Religionsunterricht abgemeldet haben, ist das besonders groteske Ergebnis des aus dem Klerikal-Faschismus stammenden Konkordats, sind doch ausgerechnet die zu Totalitarismus neigenden monotheistischen Religionen am wenigsten geeignet, ethisches Denken und Argumentieren einzuüben.

Abgesehen von der Publikation philosophischer Standardwerke widmet Reclam sich in den letzten Jahren in der Reihe „Was bedeutet das?“ auch aktuellen philosophischen Themen. So erschien dieser Tage das Büchlein „Covid 19, Was in der Krise zählt“ der Autoren Nikil Mukerji und Adriano Mannino, beide wissenschaftlich tätig in München und Mitglieder einer interdisziplinären Forschungsgruppe, welche Strategien zum Umgang mit der Covid-19 Pandemie und anderen Katastrophenrisiken entwickelt. Die Tatsache, dass das 109 Seiten starke, elegant geschriebene und lediglich 6,00 € teure Büchlein als überaus mutig zu bezeichnen ist, ergibt sich in erster Linie aus dem Umstand, dass es im April 2020 zur Veröffentlichung abgeschlossen sein musste. Dadurch hat der Leser die Möglichkeit, die Thesen der Autoren anhand der seither eingetretenen Entwicklungen in Sachen Covid-19 Pandemie und eines immer umfangreicheren Wissens darüber genau zu überprüfen. Es ist faszinierend, sich bei der Lektüre in Erinnerung zu rufen, wie abstrakte Entscheidungskriterien in der Wirklichkeit zu gesundheitspolitischen Entwicklungen führen, die erfolgreich bzw. bei Nichtbeachtung weniger erfolgreich sind oder gar, wie die Infektionszahlen in den USA oder in Brasilien belegen, zu Katastrophen führen können. Und es ist faszinierend zu beobachten, wie sehr die von den Autoren notwendigerweise auf eine ungewisse Zukunft hin mit guten Argumenten untermauerten Kriterien auch heute noch, Monate später, ihre volle Gültigkeit bewahren.

Einer der Gründe, weshalb die österreichische Regierung international gelobt wurde, bestand darin, dass hierzulande früher als in anderen Staaten auf die Covid-19 Pandemie mit harten Maßnahmen reagiert wurde. So zielt denn auch die Kritik der beiden Autoren im Hinblick auf das Verhalten der europäischen Staaten insgesamt vor allem darauf ab, dass man sich zu spät ein Beispiel an den asiatischen Demokratien wie Taiwan und Südkorea nahm, deren Regierungschefs die Katastrophe im benachbarten China von allem Anfang an richtig einschätzten. Verzögerungen hingen und hängen bis heute naturgemäß nicht nur mit starken parlamentarischen Mehrheiten und handlungsfähigen Regierungen, sondern auch mit der Beantwortung der Frage zusammen, inwieweit es zulässig ist, unter teilweiser Missachtung grundlegender Menschen- und Freiheitsrechte einer ganzen Gesellschaft den Stillstand zu verordnen.

Wie lange zum Beispiel ist es gerechtfertigt, um die Ausbreitung einer Krankheit zu verlangsamen, die Reproduktionszahl der Pandemie abzusenken, die Überlastung der Intensivstationen zu verhindern und die Ärzte davor zu bewahren, Entscheidungen zwischen Leben und Tod durch die Auswahl von Patienten (Triage) zu treffen, einen Lockdown aufrechtzuerhalten und dadurch eine immer größere Opferzahl durch wirtschaftliche Schäden in Kauf zu nehmen? Oder wie zielführend ist es, lediglich den Schutz von Risikogruppen zu forcieren und in Bezug auf den Rest der Bevölkerung auf den Aufbau einer Herdenimmunität zu vertrauen? Wie ist mit dem Risiko umzugehen, dass die These vom Aufbau einer Immunität immer fragwürdiger wird und darüber hinaus, wie der Verlauf von SARS im Jahre 2002 zeigt, eine vorerst überwundene Covid-19 Infektion durchaus dramatische Spätfolgen, wie etwa ein „Fatigue Syndrom“, nach sich ziehen könnte? Darf ein solches Risiko, das im schlimmsten Fall eine gesamte Bevölkerung mit Ausnahme der besonders geschützten Risikogruppen betreffen würde, je eingegangen werden?

Bedeutend in diesem Zusammenhang ist auch die Überlegung, dass in Katastrophensituationen, in denen von den Politikern rasche und vor allem richtige Entscheidungen gefordert werden müssen, ein wesentlicher Denkansatz darin zu bestehen hat, durch Maßnahmen Zeit zu gewinnen, um mehr Informationen sammeln zu können. Zugleich muss der Grundsatz gelten, sich nicht durch voreilige Entscheidungen, wie auch immer sie beschaffen sind, künftige Handlungsoptionen zu verbauen. Gegenstand heftiger öffentlicher Diskussionen war aber auch die Frage, wie mit verschiedenen wissenschaftlichen Lehrmeinungen umzugehen sei. So sehr es aus risikophilosophischer Sicht empfehlenswert ist, für wichtige Entscheidungen die Mehrheit der Spezialisten auf seiner Seite zu wissen, so hat dennoch Vorsicht dahingehend zu walten, Minderheitsmeinungen, die eventuell irgendwann doch bestätigt werden könnten, nicht gänzlich auszuschließen. Basis all dieser Überlegungen muss jedoch stets sein, dass Menschen niemals als Mittel zum Zweck missbraucht werden dürfen.
Wer der Ansicht ist, Philosophie und Ethik seien abgehobene Fächer, die mit der realen Wirklichkeit der Politik und des Lebens nichts zu tun haben, wird durch „Covid 19: Was in der Krise zählt“ eines Besseren belehrt. Und er wird auch darüber belehrt, was speziell in Österreich im Hinblick auf viele andere ethische Fragen von enormer Bedeutung ist, dass es in der aktuellen Situation keines Rückgriffs auf religiöse Lehren und Dogmen bedarf, um aufgrund klarer Vorgaben, die das unversehrte Leben des Menschen zum Ziel haben, gültige und mehrheitlich anerkannte Entscheidungen treffen zu können. In diesem Sinne steht das Büchlein von Nikil Mukerji und Adriano Mannino ganz in der Tradition innerweltlich argumentierenden ethischen Denkens im Sinne von Peter Singers Werk „Praktische Ethik“.

Nikil Mukerji / Adriano Mannino, „Covid-19: Was in der Krise zählt, über Philosophie in Echtzeit“, Reclam Nr. 14053, 6 €





Dieser Beitrag hat 3 Kommentare

  1. Rinaldo

    Erst wenn man sich bereits in einem fortgeschrittenen Lebensalter, welches auch noch erheblich über der amtlich festgelegten Grenze für Risikogruppen für Infektionen liegt, befindet, dann gilt Themen, wie „Philosophie in Echtzeit“ , besondere Aufmerksamkeit.

    „Covid 19-was in der Krise zählt“ in Kombination mit „Kultiviert sterben“ dürfte sich ideal als Literatur im Anschluss an „Tirol für Fortgeschrittene“ eignen.

  2. E. Schneitter

    Wie sich inzwischen ganz deutlich heruasstellt, hat unsere Regierung – wahrscheinlich auch unter dem Einfluss der Vorkommnisse in der Lombardei – mit dem rigorosen und konsequenten Lockdown beste Arbeit geleistet. Gut erinnere ich mich da auch an die heftige Kritiken in der Folge, die da vom schwedischen Modell gesprochen haben. Gut, dass unsere Burschen und Burschinnen nicht diesen Weg eingeschlagen haben.

  3. Rinaldo

    Ich bin auch dieser Meinung, allerdings hätten schon viel, viel früher „Hedging-Maßnahmen“ (s.-„Covid 19 – was in der Krise zählt“) erfolgen müssen und zwar seitens der Regierung, zu einer Zeit, als noch diese Frau Bierlein Bundeskanzlerin war. Aber was nützt es jetzt, wenn man diese Beamtenpartie für ihre Versäumnisse zur Rechenschaft ziehen würde. Vielleicht doch etwas, damit die Verantwortlichen künftig Lehren daraus ziehen, was passieren kann, wenn man drohende Gefahren einfach ignoriert.
    Jetzt haben wir ein anderes Problem, und zwar herauszufinden, wem oder welchen aus dem Heer an Experten man Glauben schenken soll, was z. B. die Sinnhaftigkeit einer Wiedereinführung von Schutzmaßnahmen in Form von Masken betrifft.
    Jedenfalls ist es nicht sehr hilfreich, in der aktuellen Situation die negative Meinung des AGES-Chefs medial hinauszuposaunen, anstatt diese „Verhütungsmöglichkeit“zu empfehlen, so lang es keine keine bessere gibt, die wenigstens aus Hygienegründen vor der Tröpfcheninfektion durch im Supermarkt herumhustende Mitmenschen schützen würde, und um die wieder bevorstehenden Zwangsmaßnahmen seitens der Regierung zu vermeiden.
    Dieses reclam-Büchlein „Covid-19-was in der Krise zählt“ würde ich sämtlichen Experten, Regierungsberatern und Meinungsmachern empfehlen.
    Es ist auch für Laien gut verständlich geschrieben.

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