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Nicole Staudenherz
Unser Kassazettel ist unser Stimmzettel.
Oder:
Warum ethischer Konsum uns alle angeht.

Ein Bilderbuch-Frühlingstag in der Maria-Theresien-Straße. Ganz Innsbruck ist unterwegs, gönnt sich ein Eis im Sonnenschein und trägt stolz die Einkaufstaschen vor sich her. Doch halt: Haben wir beim Shoppen vielleicht etwas aus den Augen verloren? Hier kommt der Verein gegen Tierfabriken ins Spiel.

Am allwöchentlichen Infostand bei der Annasäule enthüllen die Aktivistinnen der Tierrechtsbewegung eine Kunstinstallation: eine ausgestopfte Katze, eingespannt in ein Tierversuchsgestell. Ein schockierender Anblick, zugegebenermaßen. Doch gerade dieser Schock-Effekt bringt die Menschen dazu, den Infostand zu besuchen und nachzufragen, was es damit auf sich hat.

Am Stand warten wertvolle Informationen auf bewusste KonsumentInnen: Wo es tierversuchsfreie Kosmetika gibt. Worauf beim Lebensmittelkauf zu achten ist und welche Produkte besonders nachhaltig sind. Die Aktivistinnen nehmen sich viel Zeit für Gespräche und stellen den BesucherInnen individuelle Infopakete aus Broschüren, Webtipps und Zeitschriften zusammen. Dabei geht es sowohl um Tierschutz als auch um Natur- und Klimaschutz.

„Wir wollen aufzeigen, dass es kein Luxus ist, die Erde zu retten, sondern unsere Pflicht. Das sind wir unseren Mitlebewesen und zugleich auch den zukünftigen Generationen schuldig. Natürlich geht es uns als Tierschutzorganisation sehr stark darum, den Tieren zu helfen. Aber letzten Endes sind Tierschutz, Klimaschutz und Mitmenschlichkeit eng miteinander verbunden. Tierschutz ist Menschenschutz! Die Menschheit muss endlich damit aufhören, auf Kosten der Tiere, der Natur und der Kinder von morgen zu leben.“ – so die Campagnenleiterin.

Ethischer Konsum liegt übrigens im Trend und wird laut einer Studie aus dem Jahr 2020 mehr und mehr zum Mainstream. Für 70 Prozent der Befragten sind ethische Überlegungen ein fixer Bestandteil der Kaufentscheidung. 82 Prozent der Befragten sind bereit, sich von der Wegwerfgesellschaft abzuwenden und den Weg in Richtung Kreislaufwirtschaft mitzugehen. 63 Prozent sind bereit, die Mehrkosten für klimaneutrale Produkte zu tragen.

So betrachtet ist die Zeit mehr als reif dafür, die Menschen auch darauf hinzuweisen, wie jeder und jede täglich Natur und Klima schützen kann: durch klimafreundliche Ernährung, die eine Win-Win-Situation für Mensch, Tier und Natur darstellt.

Schon 2018 zeigte Oxford-Forscher Joseph Poore in einer bahnbrechenden Untersuchung auf, dass Pflanzenkost für die Einzelperson „the single biggest way“ sei, menschgemachte schädliche Einflüsse auf den Planeten Erde zu minimieren. Viele renommierte Fachleute argumentieren in die gleiche Richtung, nicht zuletzt die EAT-Lancet-Kommission, die eine für Menschheit und Ökosystem gleichermaßen gesunde „Planetary Health Diet“ konzipiert hat. In dieser Kostform muss man Tierprodukte mit der Lupe suchen – es dominieren Obst, Gemüse, Getreide, Hülsenfrüchte und Nüsse.

All dies gilt auch für Österreich. Im aktuellen Magazin der Veganen Gesellschaft Österreichs wird eine aktuelle Studie der Universität für Bodenkultur (BOKU) präsentiert. Die Ergebnisse sind eindeutig: Zur Begrenzung der Erdüberhitzung ist auch hierzulande ein fundamentaler Ernährungswandel hin zu einer möglichst pflanzenbetonten Kostform dringend nötig.

Die Bekämpfung der Klimakrise kann ohne einen tiefgehenden Wandel der Konsum- und Produktionsweisen nicht gelingen. Dazu zählen zweifelsohne auch die Ernährung und die Landwirtschaft. So entfallen beispielsweise laut Vereinten Nationen 14,5 % bis 18 % der globalen Treibhausgase alleine auf tierische Lebensmittel. Das schlägt sich auch in den österreichischen Ernährungsmustern nieder: Mit einer veganen Ernährung (439 kg CO2eq pro Kopf und Jahr) ließen sich im Vergleich zur omnivoren Ernährung (1.467 kg CO2eq pro Kopf und Jahr) die ernährungsbedingten Treibhausgase um 70 % senken. Ein Umstieg auf eine vegetarische bzw. fleischreduzierte Ernährung würde ein Einsparungspotential von 48 % bis 28 % bringen.

Thomas Lindenthal, einer der Studienautoren, betont auf der Website des Forschungsprojekts: „Durch den verstärkten Umstieg auf pflanzliche Ernährungsweisen können landwirtschaftliche Nutzflächen in hohem Maße eingespart werden, vor allem dort, wo die Nutztiere Nahrungskonkurrenten für den Menschen sind. Ein solcher Umstieg wird insbesondere für die Zukunft hinsichtlich Krisenrobustheit und Ernährungssicherheit sehr bedeutsam werden. Zudem würde ein solcher nachhaltiger Ernährungsstil auch bei großflächiger biologischer Landwirtschaft die Ernährung bei weitem sicherstellen.“

Genau aus diesem Grund war auch der Internationale Tag der Erde am 22. April für die Tiroler VGT-Gruppen ein ganz besonderer Tag. Unter dem Motto „Unsere Nahrung, unsere Erde“ fand in Zusammenarbeit mit dem Netzwerk Rituale Österreich am Innsbrucker Marktplatz ein groß angelegtes Event statt. Vor der wolkenverhangenen Nordkette rollten die VGT-Aktivistinnen das Transparent „Vegan fürs Klima“ aus. Am Infostand gab es ein spannendes Klimaquiz und aktuelle Flugblätter und Broschüren über klimagerechte Ernährung.

Ein „Labyrinth für Mutter Erde“, gestaltet von Martina Suomi Steiner und Britta Weber, lud zum Verweilen und Nachdenken ein. Viele PassantInnen blieben stehen, informierten sich, stellten interessierte Fragen. Auch viele Kinder kamen vorbei. Das macht Mut für die Zukunft! Für das Wohl aller Lebewesen. Für unser gemeinsames Zuhause und den einzigartigen Planeten Erde.

Die Tiroler Aktivgruppen des Vereins gegen Tierfabriken (VGT) setzen sich lautstark für die Tiere ein. Zugleich legen sie großes Augenmerk auf Ökologie und Klimaschutz. Denn die Tierindustrie verursacht nicht nur immenses Leid, sondern heizt auch direkt den Klimawandel an und zerstört intakte Natur. Über diese Zusammenhänge klärt der VGT die Öffentlichkeit auf. Die NGO appelliert auch an die Verantwortung der Einzelperson und informiert über ethische Konsumentscheidungen.

Nicole Staudenherz

Nicole Staudenherz, geb. 1976 in Innsbruck, verheiratet, Betreuerin autistischer Kinder, Pflegerin bei den Sozialen Diensten Innsbruck, Pflegehelferin bei Tirol Kliniken, Diplom. Gesundheits- und Krankenschwester Tirol Kliniken, LKH Natters und Hochzirl, Kampagnenleiterin beim Verein gegen Tierfabriken.

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Andreas Lener

    Schon zum x-tenmal hört und liest man, dass Haustiere durch Imstichlassen des Menschen qualvoll verenden !
    Mich interessiert jetzt einmal grundsätzlich, was ein Amtstierarzt für Aufgaben hat ?
    Wir wissen alle, dass Tierärzte, sofern sie tätig werden, Geld kosten !
    Sind die Amtstierärzte dafür da, dass sich Tierhalter Geld ersparen ?
    Sind Amtstierärzte einfach Bürohocker oder gehen sie regelmäßig auf Stallkontrolle ?
    Ich kann nämlich nicht verstehen, dass Haus und Hoftiere im Dreck ersticken oder verhungern müssen, weil “ keiner etwas merkt“.
    Mehr Zivilcourage ist jedenfalls auch erforderlich – und alle sollten sich schämen, die so etwas nicht verhindern !

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