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Nicole Staudenherz
Ein krankes System!
Oder:
Wie die Vier-Käse-Pizza ihre Unschuld verlor.
Essay

Wenn es ein Tierschutz-Thema in die Tiroler Primetime-News schafft und die Sprecherin erstmals in der Geschichte der Menschheit das Wort „Tierrechte“ in den Mund nimmt, muss wohl wirklich etwas im Argen liegen. Die Bilder sprechen für sich: Aufdeckungen des Vereins gegen Tierfabriken (VGT) zeigten vergangenen Herbst zum wiederholten Male auf, welcher Horror hinter der vermeintlichen Alm-Idylle der österreichischen Milchindustrie lauert.

Der Todeskampf zieht sich hin. Ohne Betäubung und bei vollem Bewusstsein. Mit schreckgeweiteten Augen liegt der Jungstier auf dem Asphalt, den Kopf über einem Kanalgitter. Am Hals eine klaffende Wunde, das Blut sprudelt heraus. Es ist kaum zu ermessen, welche Qualen dieses Tier wohl gerade durchlebt. Willkommen im Alltag einer improvisierten Schlachterei im Nahen Osten. Ein unwillkommenes Detail: Das gequälte Tier trägt eine österreichische Ohrmarke. Später wird sich herausstellen, dass es von einem Tiroler Bauernhof stammt. Und leider ist das alles kein Einzelfall.


Wie konnte es so weit kommen?

Entgegen dem allgemein verbreiteten Glauben geben Kühe nicht „einfach so“ Milch. Wie alle Säugetiere produzieren auch sie nur dann Milch, wenn sie ein Baby bekommen. In der Milchindustrie werden sie jedes Jahr durch eine künstliche Befruchtung geschwängert. Genau wie der Mensch sind Kühe neun Monate lang schwanger. Die Babys werden ihnen direkt oder wenige Tage nach der Geburt weggenommen, da sie sonst die vom Menschen begehrte Milch trinken würden. Die Kälber bekommen nach der sogenannten Biestmilch, welche die Mutter nur direkt nach der Geburt produziert, stattdessen einen Milchaustauscher. Die Trennung von Kuh und Kalb ist für beide emotional äußerst schmerzhaft.

Etwa die Hälfte der Kälber ist übrigens männlich und kann daher in der Milchindustrie nicht verwendet werden – als Nachkommen einer Milchrasse setzen diese Stierkälber allerdings nicht genug Fleisch an, um in der Mast rentabel zu sein. Daher werden  sie in Tiertransporten in ferne Länder geschickt, wo mit ihnen noch Geld zu machen ist. Aber auch sogenannte Zweinutzungsrassen werden ins Ausland transportiert, da die Mast dort rentabler ist und sich Österreich größtenteils auf die Milchproduktion spezialisiert hat.

So landen Stierkälber oftmals auf einem LKW in Richtung Spanien. Darunter auch ein männliches Kalb, nennen wir es Felix. Während der 19-stündigen Fahrt leidet Felix Hunger, denn er ist noch nicht von der Muttermilch entwöhnt und es gibt nur Wasser. Er und andere Leidensgenossen stehen dicht an dicht, sodass er die Tränke vielleicht nicht erreicht. Also kommt noch quälender Durst hinzu. Hätte Felix Glück, dann würde er nach der zermürbenden Fahrt „nur“ in einer spanischen Masthalle landen, wo er auf Spaltenboden mit minderwertigem Futter zum Diskontfleisch-Lieferanten hochgefüttert wird.

In diesem Fall geht der Leidensweg nach der Mast jedoch weiter. Auf einem ausgemusterten Autofrachter – für Menschen nicht mehr gut genug, für leidensfähige Lebewesen offensichtlich schon – tritt er die Todesreise in den Nahen Osten an. Zwei Wochen im Schiffsbauch, zwei Wochen in den eigenen Exkrementen, und dann das Schächten in der libanesischen Straßenschlachterei – wenn er „Glück“ hat.

Wenn nicht, dann bricht an Bord eine Krankheit aus, und das Schiff darf nicht am Zielhafen anlegen. So geschehen im Frühling dieses Jahres, als die Alptraumschiffe Karim Allah und ElBeik nach mehrmonatiger Irrfahrt am Mittelmeer wieder im spanischen Ausgangshafen anlegen mussten. Tausende Tiere wurden notgeschlachtet.

Felix ist einer von vielen. Von sehr vielen: Etwa 45.000 Kälber werden pro Jahr aus Österreich ins Ausland gekarrt. Die meisten bleiben in EU-Ländern wie Spanien, ein kleinerer Teil wird per Schiff in Drittländer verfrachtet. Was die Sache noch absurder macht: Gleichzeitig importiert Österreich jährlich das Fleisch von circa 100.000 Kälbern, meist Billigfleisch aus niederländischer Qualhaltung.

Wäre Felix ein Hund, dann wäre er durch strenge Gesetze geschützt. Doch er ist „nur“ ein so genanntes „Nutztier“, und da gelten andere Regeln. Tierschützer und Fachleute kritisieren, dass die Bestimmungen bei den Kälber-Exporten zu lasch sind und obendrein noch häufig „kreativ“ ausgelegt werden – zum Nutzen der Transporteure. Die meisten bestreiten alles und sehen keinen Handlungsbedarf. Anderen ist die Problematik schon eher bewusst: Sogar auf EU-Ebene wird mittlerweile intensiv über das Thema Tiertransporte diskutiert. Lösungen sollen gefunden werden, um zumindest das schlimmste Leid zu verhindern.

Aufgrund der intensiven Milchwirtschaft in Österreich wurden Stierkälber zum ungewollten Nebenprodukt degradiert. Im Ausland billigst auf Schlachtgewicht gemästet, werden sie in Länder außerhalb der EU verschifft, um den europäischen Markt zu entlasten. Ein System, das an allen Ecken und Enden krankt.

Was tun? Bei Tierschutzthemen lässt sich oft folgendes beobachten: Die Akteure neigen dazu, mit dem Finger auf die jeweils andere Seite zu zeigen und lautstark zu verkünden: „Die sind schuld. Die müssen zuerst etwas tun!“

Doch so einfach ist es nicht. Denn gerade bei den Lebendtierexporten haben wir es mit einem wirren Knäuel aus Kausalitäten zu tun, für das sich keiner zuständig fühlen will. Ziehen wir einzelne Fäden heraus, dann finden wir unter anderem: KonsumentInnen, die literweise Milch, kiloweise Käse sowie blasse Kalbsschnitzel haben wollen, und all das bitte möglichst billig; eine Landwirtschaft, die in der knallharten Marktlogik der Milchindustrie gefangen ist, die aber auch nicht bereit oder nicht in der Lage ist, auf zukunftsfähigere Produkte wie Gemüse, Obst, Nüsse oder Hülsenfrüchte umzusteigen; Entscheidungsträger, die andere Prioritäten haben oder vorwiegend Lobby-Interessen vertreten; und jede Menge Systemprofiteure im Hintergrund.

Denn Milch ist ein Milliardengeschäft: Besonders beim Export von Käse tut sich die Alpenrepublik hervor. So verkündet die Vereinigung der Milchverarbeiter Österreichs (VMÖ) auf ihrer Website stolz, dass im Jahr 2020 mit Käse-Exporten Erlöse in Höhe von 498 Millionen Euro erzielt wurden. Profite auf dem Rücken der Tiere.

Zumindest in Tirol wurde unlängst ein kleiner Schritt gegen den Irrsinn der Lebendtierexporte gesetzt. So können Landwirte, die Kälber im Inland aufziehen, eine Förderung beantragen. Doch das ist nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Solange das Problem der Milch-Überproduktion nicht gelöst ist, werden weiterhin Jahr für Jahr zigtausende „unerwünschte“ Stierkälber geboren. Denn eine Kuh gibt nur Milch, wenn sie ein Kalb zur Welt bringt.

Im öffentlichen Diskurs herrscht zwar Entsetzen und Kopfschütteln, aber der Elefant im Raum wird gerne übersehen: der unhinterfragte, überbordende Konsum von Milch, Käse und anderen Milchprodukten. Warum eigentlich das Drüsensekret von Rindern konsumieren? Müssen wir im Jahr 2021 wirklich noch Tiere quälen und umbringen, um ein Nahrungsmittel zu gewinnen, das von vielen Ärzten als nicht gesund eingeschätzt wird und nicht einmal als klimafreundlich eingestuft werden kann?

Anders als in mittelalterlichen Zeiten des Mangels gibt es in den Wohlstandsländern mittlerweile unzählige Milchalternativen und pflanzliche Nahrungsmittel, die hochwertige Proteine, Kalzium, Vitamine und gesunde Fette liefern. Ein Bewusstseinswandel tut not.

Solange das System Milch noch nicht reformiert ist, leiden Tierkinder wie Felix  weiter. Tag für Tag. Jahr für Jahr. Für die seltsamen Gelüste der angeblich vernünftigsten Spezies auf diesem Planeten.

Nicole Staudenherz

Nicole Staudenherz, geb. 1976 in Innsbruck, verheiratet, Betreuerin autistischer Kinder, Pflegerin bei den Sozialen Diensten Innsbruck, Pflegehelferin bei Tirol Kliniken, Diplom. Gesundheits- und Krankenschwester Tirol Kliniken, LKH Natters und Hochzirl, Kampagnenleiterin beim Verein gegen Tierfabriken.

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