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Marcel Looser, Plädoyer für die Vielgötterei

Im 8. Buch von Homers Odyssee singt der Sänger Demodokos von der Liebschaft des Kriegsgottes Ares und der Liebesgöttin Aphrodite, der Gattin des hinkenden Götterschmieds Hephaistos, «… wie sie sich in den Häusern des Hephaistos zuerst heimlich vereinigten». Eine klassische Ehebruchsgeschichte. Das Ganze wird Hephaistos vom Sonnengott Helios verraten, worauf dieser die beiden «Liebenden» in flagranti ertappt und sie mit unsichtbaren Banden nackt in seinem Ehebett fesselt. Auf sein Geschrei hin kommen die anderen Götter angelaufen, brechen in Gelächter aus und machen – anstatt moralisch entsetzt zu sein – anzügliche Bemerkungen darüber: Hermes meint etwa auf die Frage Apolls, ob er so gefesselt bei Aphrodite liegen möchte: «Wenn dies doch geschehen möchte, Herr! … Da möchten Bande, dreimal so viele, unendliche, um mich herum sein, und ihr zuschauen, Götter und Göttinnen alle – ich schliefe bei der goldenen Aphrodite.»

Noch drastischer ist die Szene im 14. Buch der Ilias – Zeus hatte den andern Göttern Kampfverbot erteilt -, in der Hera mit allen weiblichen Verführungskünsten in berechnender Weise das Verlangen des Göttervaters anstachelt, sodass dieser in seiner Erregung sich vor aller Augen auf den Gipfeln des Ida-Gebirges mit ihr «mischen» will. Zeus zählt dabei sieben seiner ehemaligen Konkubinen auf und meint, bei keiner von denen sei sein Begehren je so groß gewesen wie gerade jetzt. Da Hera dies – den Liebesakt vor allen sichtbar – scheinheilig zurückweist, umhüllt Zeus sie beide schnell mit einer Wolke, schläft dann, nach getanem Werk, erschöpft ein – was ja Heras Absicht gewesen war. Nun kann sie entgegen seinem Gebot unbemerkt von ihm ihren Lieblingen im Kampfe beistehen.

Wie anders tönt es da im Alten Testament. Da fehlt jeder Anflug von Humor, es gibt keinerlei Anzeichen von Nachsicht, von «Menschlichkeit»; Jahwe, der Gott Israels, zeigt sich als rachsüchtiger, mitleidloser Tyrann, der niemanden neben sich duldet, der jegliche Abweichung von seinen rigorosen Geboten mit dem Tod bestrafen lässt:

«Und der Herr redete zu Mose: … Wenn einer mit dem Weibe seines Nächsten Ehebruch begeht, so sollen beide, der Ehebrecher und die Ehebrecherin, getötet werden, … Wenn einer bei einem Manne liegt, wie man bei einem Weibe liegt, so haben beide einen Greuel verübt. Sie sollen getötet werden. …Wenn einer mit einem Tiere Umgang hat, so soll er getötet werden, und auch das Tier sollt ihr umbringen. Wenn ein Weib sich irgendeinem Tiere naht, um sich mit ihm zu begatten, so sollst du das Weib und das Tier umbringen. …» (3.Mose 20,11ff.)
Interessant ist hier auch, dass es zumindest all diese Praktiken gegeben haben muss – sonst hätte man sie nicht mit der Todesstrafe bedroht.

«Zur Zeit, da die Israeliten in der Wüste waren, traf man einen Mann, der am Sabbat Holz sammelte. … Der Herr aber sprach zu Mose: Der Mann muss getötet werden, die ganze Gemeinde soll ihn ausserhalb des Lagers steinigen. …» (4.Mose15,32ff.)

«Wie die Israeliten sich in Sittim niederliessen, da fing das Volk an, mit den Töchtern der Moabiter zu buhlen … und sie beteten deren Gott an. Da entbrannte der Zorn des Herrn über Israel. Und der Herr sprach zu Mose: Nimm alle Obersten des Volkes und spiesse sie vor dem Herrn im Angesicht der Sonne an den Pfahl, damit der grimmige Zorn des Herrn von Israel ablasse. … Und einer von den Israeliten brachte eine Midianitin zu seinen Brüdern. … Da nahm Pineas einen Spieß zur Hand und ging dem Israeliten nach ins Schlafgemach und durchstach sie beide, den Israeliten und das Weib, durch den Bauch. Da ward der Plage Einhalt getan. …» (4.Mose 25,1ff.)

Diese Art Zitate aus dem Alten Testament ließe sich beliebig fortsetzen; wer Jahwe nicht huldigt, wird getötet, da werden ethnische Säuberungen «en gros» durchgeführt, Männer, Frauen, Kinder umgebracht – all dies zum Ruhme und zur Zufriedenheit des einen Gottes. So tadelt Moses in 4.Mose 31,17f. beim Rachekrieg gegen die Midianiter seine Hauptleute, die «nur» die Männer hatten umbringen lassen: «So tötet nun alles, was männlich ist unter den Kindern; auch die Frauen, denen schon ein Mann beigewohnt hat, sollt ihr töten. Alle weiblichen Kinder aber, denen noch kein Mann beigewohnt hat, lasst für euch am Leben.»

In meiner Schulzeit im Jesuitengymnasium war uns vermittelt worden, ein wie grosser Fortschritt doch der Monotheismus sei, die «alten» Götter – Altgriechisch war damals Pflichtfach -, deren Anhänger belächelt und abschätzig als «Heiden» bezeichnet wurden, waren eine Art Märchenfiguren, ganz putzig, aber doch nicht ernst zu nehmen. Dieselbe Haltung findet sich auch heute noch häufig im öffentlichen Diskurs. Zum Beispiel bei Diskussionsrunden über Religion u.a. im Fernsehen, dies vielfach offensichtlich in Unkenntnis der betreffenden Texte: Wer liest denn noch das Alte Testament, hat je in den Koran geschaut, kennt die Ilias von Homer, die Gathas der Parsen mit ihrem Propheten Zarathustra oder die Veden der Brahmanen – doch alle reden gescheit darüber.

In homerischer Zeit waren Religion bzw. Götterglaube und Moral zwei getrennte Dinge – es gab keine persönliche Schuld/Sünde im christlichen Sinn und somit auch keine Bestrafung nach dem Tod (mit Ausnahmen, so z.B. Sisyphos, der die Götter herausgefordert hatte.). Natürlich brachte man den Göttern die geschuldeten Opfer dar, versuchte ihre Absichten zu ergründen (Seher, Vogelflug, Orakel u.a.), um gegen Unheil möglichst gewappnet zu sein. Es war jedoch keine Theodizee vonnöten, da die Götter sich eigentlich nicht groß um die Menschen kümmerten. Das ist sehr realistisch und klug gedacht und gehandelt – Seuchen, Kriege, Krankheit, Tod und sonstiges Unheil, aber auch gute Lebensumstände können jeden treffen, Gutes und Schlechtes sind unterschiedslos unter die Menschen verteilt. Die Armen und Ohnmächtigen auf eine ausgleichende Gerechtigkeit nach dem Tod zu vertrösten, diese doch eher zynische Idee ist dabei den monotheistischen Religionen vorbehalten. Die alten Polytheisten waren sich bewusst, dass sich die Lebensumstände – auch ohne eigenes Verschulden – rasch ändern können und dass mit dem Tod alles aus ist: Das ist vielleicht beleidigend für unser eigenes Selbst, vor allem aber ist es eine große Befreiung.

«Wie der Blätter Geschlecht, so ist auch das der Menschen. Die Blätter – da schüttet diese der Wind zu Boden, und andere treibt der knospende Wald hervor, und es kommt die Zeit des Frühlings. So auch der Menschen Geschlecht: dieses sprosst hervor, das andere schwindet.»
(Glaukos zu Diomedes auf die Frage nach seiner Herkunft: Ilias 6,146 ff.)

«Erderschütterer: Du würdest mich nicht bei gesundem Verstand nennen, wenn ich mit dir der Sterblichen wegen kämpfte, der Elenden, die, den Blättern gleichend, das eine Mal zwar sehr feurig sind und die Frucht des Feldes essen, dann aber wieder dahinschwinden, entseelt.»
(Apollon zum «Erderschütterer» Poseidon im Götterkampf: Ilias 21,461ff.)

«Denn so haben es zugesponnen die Götter den elenden Sterblichen, dass sie leben in Kummer, selbst aber sind sie unbekümmert. Denn zwei Fässer sind aufgestellt auf der Schwelle des Zeus mit Gaben, wie er sie gibt, schlimmen, und das andere mit guten.
Wem Zeus sie nun gemischt gibt, der donnerfrohe, der begegnet bald Schlimmem und bald auch Gutem. Wem er aber von den traurigen gibt, den bringt er zu Schanden, und ihn treibt schlimmer Heißhunger über die göttliche Erde, und er kommt und geht, nicht vor Göttern geehrt noch vor Menschen.»

(Achilleus zum Trojanerkönig Priamos: Ilias 24, 525ff.)

«Denn erbeuten kann man Rinder und feiste Schafe, und erwerben Dreifüße und Pferde mit falben Häuptern: Das Leben eines Mannes* aber, dass es wiederkehre, kann weder erbeutet noch ergriffen werden, sobald es verlassen hat das Gehege der Zähne.» (Achilleus zu Odysseus: Ilias 9,406ff.)

* Im Originaltext heisst es «Die psyché (Seele) eines Mannes … ». Diese «psyché» tritt seltsamerweise beim lebenden Menschen nie in Erscheinung, verlässt jedoch im Tode den Körper durch den Mund oder auch durch eine Wunde; das Verb «psychein» heisst «hauchen, blasen».)

Sappho (Lyrikerin, von Mytilene auf Lesbos, 7./6.Jh.v.Chr.)

Wenn du stirbst, ist es aus:
späterhin fragt keine Erinnerung,
keine Sehnsucht nach dir,
weil du ja nie an den Pierischen
Rosen* Anteil gehabt.
Unscheinbar gehst du in des Hades Haus
zu den Schatten hinab,
kraftlos wie sie fliegst du hinweg, ein Nichts.

*In Pierien liegt der Musenberg Helikon: eine Metapher für die Dichtkunst

Darauf, was der Mensch zu seinem Glück tun kann, da sein Leben begrenzt ist und es nur ein diesseitiges gibt, antwortet Homer folgendermassen:

«Denn es gibt … keine lieblichere Erfüllung, als wenn Frohsinn im ganzen Volke herrscht und Schmausende in den Hallen auf den Sänger hören, … und daneben die Tische sind voll von Brot und Fleisch, und es schöpft den Wein der Mundschenk aus dem Mischkrug. … Das scheint mir das Schönste zu sein in meinem Sinne.» (Odysseus zum Phaiakenkönig Alkinoos: Od. 9,5ff.)

So bin ich mit den Jahren immer unsicherer geworden, ob der Monotheismus wirklich ein Fortschritt war, ob er nicht vielmehr in seiner Intoleranz, seinem Totalitarismus, seiner Missionierung, in den von ihm zumindest mitausgelösten Kriegen mehr Unheil angerichtet als Frieden gestiftet hat. Die «alten» Griechen sind nie auf die Idee gekommen, anderen Völkern ihre Götter abzusprechen, sie wegen ihrer Religion zu bekämpfen oder zu missachten. So würde es den Christen, Juden und Muslimen vielleicht gut tun, unvoreingenommen auf die «alten», polytheistischen Religionen zu schauen – sie könnten manches von ihnen lernen.

Marcel Looser
Geb. 1950, lebt in Dietlikon bei Zürich, Altphilologe und Indogermanist, Gymnasiallehrer (Latein und Griechisch) a.d., Schulpräsident der Gemeinde Dietlikon a.d., als solcher Gewinner des Schweizerischen Schulpreises

Zu den Übersetzungen der Zitate: Homer von W.Schadewaldt, Bibelzitate aus der Zürcher Bibel, Sappho von Max Treu

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Rinaldo

    Die von Herrn Marcel Looser beschriebene „Vielgötterei“ interessierte mich, als einen – wie wahrscheinlich viele andere – lediglich auf Grund des Geburts- und Taufscheines dem römisch-katholischen Glaubensbekenntnis angehörenden Kirchensteuerzahler.

    Nachgelesen, zum besseren Verständnis des umfangreichen Themenkomplexes der Weltreligionen:

    Ungefähr zwei Drittel der Gläubigen sind Anhänger des Monotheismus, immerhin ein Drittel sind dem Polytheismus zuzurechnen.
    Zu letzterem zählt der ausschließlich in Japan praktizierte Shintoismus, welcher in einem beeindruckenden Kontrast zu einer einzigen, allmächtigen Gottheit im Monotheismus, an sieben Glücksgötter glaubt, deren aller Hilfe heutzutage dringend erforderlich wäre.

    Die an Christen, Juden und Muslime gerichtete Empfehlung des Herrn Looser, sich ein wenig mehr mit den polytheistischen Religionsbekenntnissen auseinanderzusetzen, besondere Achtsamkeit darauf zu legen, in welche Richtung sich unsere Welt zu entwickeln droht und trotzdem insgesamt mehr Gelassenheit anzustreben, damit sich ein Zustand im Sinne der von Homer zitierten Worte mit „Frohsinn im ganzen Volk“ bald wieder breit macht, sollte nicht ungehört bleiben.

  2. Ja, bezüglich der mörderischen Vorgangsweisen von Christen und Muslimen möchte ich in diesem Zusammenhang auch das Buch von Michel Onfray empfehlen: „Niedergang“. In der starken Hoffnung, dass ein solcher „Niedergang“ auch die oben besprochene Besinnung mit sich bringt.
    Erich Hörtnagl

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