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Marcel Looser
Naturkatastrophen und Seuchen – Macht und Ohnmacht des Menschen
Essay

Seit nun schon mehr als einem Jahr befindet sich die Menschheit im Würgegriff der Seuche – verzweifelt suchen wir diesem «abnormen» Zustand zu entkommen, um unser «normales» Leben zurückzugewinnen. Dabei behaupten die einen in ihrer Verblendung zu wissen, was die Störung der «Norm» bewirkt hat – die Chinesen, Bill Gates, die Umweltzerstörung – Schuldzuweisungen haben schon immer die Seele erleichtert.

Im Gegensatz zu den Reaktionen früherer Generationen auf grosse Menschheitsplagen trachten wir jedoch nicht danach, die Ursachen der Seuche zu beseitigen, indem wir den/die durch unser Verhalten erzürnten Gott/Götter durch Opfer und Gebete besänftigen, sondern in rebellisch-prometheϊscher Art erheben wir uns über diese und schaffen in eigener Regie mithilfe unseres Verstandes die Mittel (Schutzmassnahmen, Impfstoffe) zur Bekämpfung des Unheils. Dies ist doch immerhin ein Fortschritt, auch wenn nicht immer alles reibungslos gelingt – zum Glück haben wir ja noch unsere Politiker als Sündenböcke.

Die Angst des Menschen vor dem Menschen, vor seiner eigenen Denk- und Gestaltungsfähigkeit ist uralt, seit wir im Paradies vom Baum der Erkenntnis gegessen haben und daraufhin prompt ins reale, leidvolle Menschendasein hinausgetrieben wurden. Bei den Griechen hatte Pandora in ihrer Neugier den Deckel des Fasses (πίθος) gehoben und so die Übel in die Welt hinaus gelassen; noch Sophokles lässt den Chor in seiner Antigone v.332 sagen: πολλὰ τὰ δεινὰ κοὐδὲν ἀνθρώπου δεινότερον. «Vieles ist ungeheuer, doch nichts ist ungeheurer als der Mensch.»

In die Eigenverantwortung entlässt uns lange vor Kant der von den frühen Christen so gehasste Atomist und Epikureer Lukrez. In seinem Lehrgedicht «de rerum natura» (Über das Wesen der Dinge) setzt er der «religio», deren uns von oben drohende Fratze sein «Lehrer» Epikur vom Himmel geholt und unter den Füssen zertreten hat, sein imperatives «naturae species ratioque» (Betrachtung der Natur und Vernunft) entgegen und schafft so die Voraussetzung für rationales Denken und Handeln.

Die Welt – omne, quod est «alles, was ist» – besteht aus Raum und ewigen, unsichtbaren kleinsten Materieteilchen (Atome), die sich in diesem durch ihre Schwerkraft bewegen, wobei sich die Dinge bilden und wieder in die Atome zerfallen – so auch Körper und Seele. Die Angst vor dem Tode ist unbegründet, denn wir werden dann nicht mehr sein und auch nichts mehr empfinden können: «Solange wir sind, ist der Tod nicht, und wenn er einmal sein wird, sind wir nicht mehr – wovor fürchten wir uns denn?» Dies meinte vor ca. 2350 Jahren Epikur. So können wir ein glückliches Leben erreichen, indem wir uns bewusst werden, dass unsere tiefsten Ängste unberechtigt sind.

Am Schluss seines Werkes beschreibt Lukrez die Seuche (pestis) im Athen der Jahre 430-426 v.Chr. (Quelle: Thukydides II, 47ff.) – fast gespenstisch zu lesen in heutiger Zeit: Wie da in den Versen VI, 1093ff. Krankheit und Tod bringende Partikel (semina rerum) durch die Luft schwirren! Wie es keine bei allen wirksame Behandlung gibt, die Leichen sich häufen und die Toten ohne Trauergemeinde verscharrt werden.

Dieser Schluss seines Werkes korrespondiert mit dem Beginn, wo in einem wunderbaren Hymnus die Liebesgöttin Venus als Naturkraft gefeiert wird, die strotzend neues Leben hervorbringt. Alles ist naturgesetzlich und rational zu erklären, es gibt auch keine teleologische Transzendenz – der Zufall herrscht. Und doch postuliert Lukrez einen freien Willen (libera voluntas; auch bei den Atomen gibt es spontane Abweichungen: II, 251ff.), durch den wir unser Schicksal in unsere eigenen Hände nehmen können.

In der Geschichte hat es viele und schlimmere Katastrophen gegeben, seien sie natur- oder menschenbedingt gewesen, eher dem Mythos zugehörig oder historisch bezeugt.

Die erste überlieferte Grosskatastrophe für die Menschheit ist wohl die – mythologische – Sintflut (= Gesamtflut; das Wort hat nichts mit «Sünde» zu tun), den meisten von uns bekannt aus dem Alten Testament, wo es «den Herrn» reut, die Menschen, «deren Bosheit gross war», geschaffen zu haben. Er schickt also zu ihrer Vernichtung die Flut, der als einziger der «gerechte» Noah mit seinem Clan und den paarweisen Tieren mithilfe der Arche entkommt.

Dass es noch andere Sintflutgeschichten gibt, wusste man schon lange – bei den Griechen/Römern mit Deukalion und Pyrrha als Protagonisten und der Landung ihres Bootes am Parnass. Bei den Indern wird Manu, der erste Mensch, von Vishnu in Gestalt eines Fisches durch den Bau einer Arche gerettet; Sintflutgeschichten gibt es auch bei den Isländern (Edda), sogar bei den Mayas (Popol Vuh) und anderen.

Und doch war es eine Sensation im bibelgläubigen England des 19. Jahrhunderts, als der britische Assyriologe George Smith im Dezember 1872 auf einer Sitzung der Londoner Society of «Biblical Archaeology» das Bruchstück einer Tontafel mit Keilschrift vorlegte, das in Ninive im Schutt des Palastes des Assyrerkönigs Assurbanipal (668-627 v. Chr.) in dessen Bibliothek gefunden worden war. Die Rede war darauf von einem Schiff, das am Berge Nisir zur Ruhe kam: die mesopotamische Version der Sintflutgeschichte war gefunden, entstanden viele Jahrhunderte vor der alttestamentarischen, mit so exakten Parallelen − Bau der Arche, Ausflug der verschiedenen Vögel auf der Suche nach Land u.a. −, dass kein Zweifel an der Abhängigkeit der biblischen Geschichte von dieser Version möglich war.

Die Theologen fürchteten um die Autorität der Heiligen Schrift, um das Ansehen und den Einfluss ihrer Kirchen und das Seelenheil ihrer Gläubigen. Waren die Geschichten des Alten Testaments, die dem Menschen das Wirken des einen Gottes aufzeigten, doch nicht so einzigartig, sondern nur der Abglanz einer versunkenen, polytheistischen heidnischen Kultur?

Die Sintflutgeschichte in den Texten aus Assurbanipals Bibliothek stellte sich als Teil des Gilgamesch-Epos (Überlebender = Utnapischtim; Fassung von 1200 v.Chr., sog. 12-Tafelwerk; die ältesten Teile gehen bis ins 4.Jt. zurück) heraus, war jedoch in diesem teils wörtlich aus dem Atrachasis-Epos (sumerisch; Überlebender = Atrachasis; ca. 1800v.Chr.) übernommen – eine komplexe Angelegenheit!

Dass Überschwemmungen zu grossen Katastrophen führen können, muss angesichts des Tsunamis von 2004 nicht näher erläutert werden. Auch dass ein solches Ereignis im Gedächtnis der Völker haften bleibt, ist unmittelbar einsichtig. Interessant ist vor allem, was daraus gemacht wird? Was als Ursache der Katastrophe gesehen wird? Wozu der Mythos dient?

Im Atrachasis-Epos erheben sich die «niederen» Götter (die Igigu) gegen die «oberen» (die Annunaki), da sie für deren Unterhalt arbeiten müssen –zum Beispiel durch Anlegen von Bewässerungskanälen. Da sich der Aufstand nicht unterdrücken lässt, wird der Mensch geformt, der nun für den Unterhalt aller sorgen soll. Durch einen siebentägigen Sexualakt gibt es neun Monate später ersten Nachwuchs. Nach 1200 Jahren hat sich die Menschheit so sehr vermehrt – die Menschen sind noch nicht sterblich −, dass ihr Lärm – sie streifen wie eine brüllende Stierherde umher − die Götter derart stört, dass Enlil, Hauptgott und Sohn des Himmelsgottes An, nicht mehr schlafen kann.

Verschiedene vergebliche Versuche zur Dezimierung der Menschen werden unternommen. Schliesslich wird an einer Götterversammlung beschlossen, eine grosse Flut zu entfesseln. Enki, der Weisheitsgott, jedoch warnt seinen Priester Atrachasis. Scheinbar zur Schilfwand seines Hauses sprechend gibt er ihm Anweisung: «Trenne dich von deinem Haus, baue ein Schiff, verschmähe dein Hab und Gut, rette dein Leben.» Die Arche wird gebaut – die Menschheit ist wieder nicht zur Gänze vernichtet.

Enlil gerät in Wut, andere Götter jedoch sind traurig über den Nahrungsverlust, die Opfergaben der Menschen. Enlil löst das Problem der Überbevölkerung neu, indem er die Menschen sterblich macht und diese von Geburt an Leid und Tod kennen lässt.

Die Menschheit wurde also erschaffen, um für die Götter zu arbeiten und sie zu erhalten – das Opfer, der aufsteigende Fettdampf, ist ihre Nahrung. Auch Jahwe ist ein grosser «Fan» des Tieropfers (das Lemma füllt im Index des AT Seiten), es ist dies wohl das wichtigste Ritual des «homo religiosus»: das Schlachten des Tieres für die Gottheit – wobei das Fleisch natürlich von den Menschen gegessen wird, die Götter erhalten die Knochen: Thema für ein weiteres Essay!

Wir erfahren mit dieser Geschichte auch  die Ursache für die Sterblichkeit des Menschen. Die Götter trennt ihrem Wesen nach primär die Unsterblichkeit von uns, in zweiter Linie ihre Machtfülle. Vielleicht ist es aber auch das, was wir den Göttern voraus haben: nämlich dass wir sterben können! Vielleicht ist der Tod erst die Bedingung für wirkliches Leben.

Mit Moral hat das Ganze jedenfalls wenig zu tun; die Sintflut sollte uns ursprünglich nicht für irgendwelche Unbotmässigkeiten bestrafen. Die Menschheit hatte sich vielmehr einfach zu stark vermehrt und war so den Göttern lästig geworden. Indem wir nun durch unsere «ratio», also das Essen vom Baum der Erkenntnis!, auch in der Machtfülle den Göttern nahekommen, sind wir in der Lage, ohne deren Hilfe die Menschheitsplagen zu überwinden – ob immer zu unserem Vorteil und zu dem unseres Planeten, sei dahingestellt.

Doch wie sagte schon die Marquise de Pompadour während eines Festes auf die Nachricht der Niederlage der Franzosen 1757 bei Rossbach hin:
Après nous le déluge! – «Nach uns die Sintflut!»

Als Altphilologe zitiere ich lieber den Lyriker Alkaios von Mytilene (630-580v.Chr.): τέγγε πλεύμονας οἴνωι, τὸ γὰρ ἄστρον περιτέλλεται … 94D ≙ 347aLP

«Netze die Kehle mit Wein! Weisst ja, der Stern zieht seines Kreises Bahn.“

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Herbert Weiss

    Warum sollte ich als bekennender Christ ein Problem mit den anderen Sintflut-Überlieferungen haben? Wenn jeder dieses Ereignis auf seine Weise interpretiert, dann ist es so. Vielmehr kann ich mich damit in einem Glauben bestätigt sehen.

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