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Marcel Looser
Gendergerechtigkeit in der Sprache - wünschenswert und erreichbar?
Essay

«An die Mitglieder und Mitgliederinnen des Konvents … »

So hiess es auf der Einladung zu einer der letzten Sitzungen meines Berufslebens. Zunächst dachte ich mir nichts dabei, doch dann stutzte ich, als mir bewusst wurde, dass es im Singular ja «das Mitglied» heisst. Da hatte wohl eine allzu eifrige Person allzu gendergerecht sein wollen. Ein Mitglied ist ja nicht «einer mit Glied» – dann wäre das weibliche Pendant «eine ohne Glied» -, sondern das Glied einer Gemeinschaft – dies mit anderen zusammen.

In der Schweiz spricht man nicht mehr von Lehrerinnen und Lehrern, sondern von Lehrpersonen – ist der Bäcker folgerichtig eine Back- , die Schneiderin eine Schneidperson? Auch Schüler und Schülerinnen oder Lehrlinge gibt es nicht mehr, heute sind sie Lernende, Studenten/-innen werden zu Studierenden, Raucher/-innen zu Rauchenden, Badegäste zu Badenden usw.

Die Verwendung der Partizipien ist vor allem in den Medien praktisch Usus geworden. Der semantische Unterschied zwischen z.B. «die Sprechende» und «die Sprecherin» wird dabei vernachlässigt oder nicht erkannt. Im Schweizer Fernsehen (SRF) hiess es kürzlich: «Der Lehrerinnenverband hofft nun, dass weitere Kantone … Lernende und Lehrpersonal vermehrt testen lassen.» In einer Diskussionsrunde um die Impfbereitschaft in Pflegeheimen sprach man von «Pflegenden», von «Pflegefachfrauen» …., dem «Pflegepersonal», den «Mitarbeitenden» …; bei den «Bewohnerinnen und Bewohnern» war dann doch ein «die Bewohnenden» allzu befremdlich, auch die «Impfgegenerinnen und Impfgegner» und die «Mandatsträgerinnen und Mandatsträger» wurden nicht durch «Impfverweigernde» bzw. «Mandatstragende» ersetzt.

Die dauernde Doppelnennung ist selbstredend mühsam, ein Wort für beide Geschlechter wäre von Vorteil. Da das Partizip nur anstelle von «Nomina Agentis» (Täter) angewendet werden kann (Maler → der/die Malende), muss bei Bezeichnungen wie Professor/Professorin, Kollege/Kollegin anders verfahren werden, um Geschlechtergerechtigkeit herzustellen. So kann im SRF beobachtet werden, wie die feminine «generische» Form wie z.B. «die Professorinnen» für die «Professoren und Professorinnen», «die Polizistinnen» für «die Polizisten und Polizistinnen» immer mehr Einzug hält. Armin Wolf benutzte im ORF letzthin das generische Femininum die «Richterinnen» und meinte die «Richter» mit, doch sogar bei einem so beflissenen und moralisch einwandfreien Moderator wie Wolf schleichen sich immer noch Genderungerechtigkeiten ein; so sprach er kürzlich von der «Inzidenz pro 100’000 Einwohner» und davon, dass in Deutschland die Friseure wieder aufsperren dürfen. Wo bleiben da die Einwohnerinnen und die Friseurinnen?

Es ist halt eine Krux mit der Sprache; wie soll man es richtig machen, ohne sich dem Vorwurf der Frauenfeindlichkeit auszusetzen und doch die Sprache nicht allzusehr zu malträtieren?

Staatliche Stellen und auch Firmen haben meist schon Reglements für sprachliche Gendergerechtigkeit; die Ergebnisse sind oft ungewollt komisch. So hiess es am 21.02.2021 im SRF: «Die Rohstoff-Händler rieben sich … die Augen: Erdöl … kostete plötzlich nichts mehr, Verkäuferinnen mussten gar dafür zahlen, dass ihnen jemand das Erdöl abnahm.» Da wurde also gendergerecht 50:50 aufgeteilt. Vor meinem geistigen Auge erschienen Verkäuferinnen z.B. eines Kleiderladens, die nun plötzlich auf Erdöl umgestiegen waren. Natürlich gibt es unter den «Erdölverkaufenden» gewiss auch solche weiblichen Geschlechts, doch die Verwendung eines generischen Feminins ist hier m.E. irreführend und sprachlich nicht korrekt, während bei den Rohstoffhändlern Frauen mitgemeint sein können – das generische Maskulinum wird als «normal» empfunden, bei Verkäuferinnen denkt man nur an weibliche Personen.

Ich möchte zuerst ein paar grundsätzliche Dinge vorausschicken. Sprache ist etwas historisch Gewachsenes, sie repräsentiert die herrschenden Verhältnisse und macht natürlich die Entwicklung des Menschen und der Gesellschaft mit, dies zumeist in einem unbewussten Prozess. Richtig in einer Sprache ist jeweils das, was von der jeweiligen Sprachgemeinschaft zu einer bestimmten Zeit benutzt und akzeptiert wird. Eine Veränderung ist zunächst meist ein Fehler oder wird als ungewohnt empfunden, richtig ist sie, sobald sie allgemeine Akzeptanz gefunden hat. Die Sprachwissenschaft hat nicht den Auftrag, den Leuten zu sagen, wie sie reden müssen, sie beschreibt Sprache, zeigt auf, wie sie funktioniert (synchron) und zeichnet ihre Geschichte nach (diachron).

Deutsch ist eine der Sprachen mit den drei Genera maskulin, feminin und neutrum, wobei das Genus erstens an der Kongruenz zum Adjektiv/Pronomen (ein guter Mann, eine gute Frau, ein gutes Kind // die Frau → sie sagt) bzw. am Artikel (der, die, das) sichtbar wird.

Dabei ist zu unterscheiden zwischen einem rein grammatischen Genus, also z.B. die Sonne (aber: frz. le soleil), der Mond (frz. la lune), das Dach (frz. le toit) und einem, welches das biologische Geschlecht (Sexus) eines Lebewesens bezeichnet, z.B. der Vater (le père), die Mutter (la mère); beim ersteren hat das Genus nichts mit dem Sexus zu tun, beim letzteren stimmen Genus und Sexus meist überein; es gibt jedoch (seltene) Fälle wie das Weib, das Mädchen, der Vamp, der Backfisch, die Memme, das Mannsbild, und auch solche, wo das eine Genus für maskulinen und femininen Sexus steht, so z.B. der Mensch, der Gast, der Engel; die Person, die Geisel, die Waise; das Biest, das Mündel, das Genie.

Historisch betrachtet ist das Drei-Genus-System aus einem mit zwei Genera entstanden, wobei bei den Nomina nur zwischen «belebt» (genre animé) und «unbelebt» (genre inanimé) unterschieden wurde. So bedeutete z.B. griech. theós «Gott» oder «Göttin» (genus commune); zudem gab es die erst einzelsprachlich aus Demonstrativpronomina entstandenen Artikel noch nicht. Zur Unterscheidung des Sexus verwendete man entweder unterschiedliche Lexeme (Vater:Mutter // Bruder:Schwester // Hengst:Stute), erst später dann Suffixe (theós «Gott»  theá «Göttin»).

Dieser «alte» Zustand der Sprache (keine Artikel, keine genusmässige Differenzierung «maskulin:feminin») wäre heute von Vorteil, nur stellt es sich als schwierig dar, die Sprache zwangsweise zu verändern. Wie sich die belebten Nomina dann in maskuline und feminine aufspalteten, wobei vom Sexus her weibliche Lebewesen bezeichnende Lexeme (die Zofe) sich mit rein grammatisch femininen (die Türe) mischten, ist äusserst komplex (ausführliche Darstellung beim Innsbrucker Indogermanisten Ivo Hajnal, Feministische Sprachkritik und historische Sprachwissenschaft, Innsbruck 2002) und kann hier nicht dargestellt werden.

Zwei Probleme werden in der «Causa Gendergerechtigkeit» als besonders anstössig empfunden; da ist zunächst die Entstehung von weiblichen aus männlichen Personenbezeichnungen mittels Motionssuffix -in (Müller → Müller-in) und zweitens die sog. «generische» Verwendung des Maskulinums: z.B. die «Pilotengewerkschaft», der «Ärztekongress», die «Studentenschaft», wobei Pilotinnen, Ärztinnen und Studentinnen mitgemeint sind. Im ersten Fall wird die weibliche Form von der männlichen abgeleitet – ein uraltes Trauma, seit Eva aus Adams Rippe erschaffen wurde (Genesis 1, 2,21ff.) – In der ersten, wohl älteren Schöpfungsgeschichte (Genesis 1,1,27) heisst es aber: «Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, nach dem Bilde Gottes schuf er ihn; als Mann und Frau schuf er sie.» Wie kann dieser von Gott (männlich / weiblich / geschlechtslos?) persönlich initiierten Gleichstellung auch eine sprachliche Gleichbehandlung folgen?

Ein usuelles generisches Femininum ist selten; so werden mit den Begriffen «Jungfrau, Hure, Primadonna» zwar auch Männer bezeichnet – doch ist bei diesen im Gegensatz zu «Student – Student-in» eine maskuline Form nicht möglich. Bei Tieren findet man es häufiger. Wenn wir von Katzen oder Gänsen sprechen, sind selbstredend die Kater und Gänseriche mitgemeint – dies wie umgekehrt bei den Hasen die Häsin. Was machen wir aber mit sexusindifferenten Bezeichnungen wie «die Ameise, die Schlange, der Pavian, der Fisch, das Krokodil, das Nashorn u.a.»? Auch die Tiere haben ihre Rechte und wollen korrekt bezeichnet werden.

Dass männliche Personenbezeichnungen von weiblichen abgeleitet werden, ist äusserst selten. Gefunden habe ich nur «Hexer < Hexe» und «Witwer < Witwe». Weibliche Berufsbezeichnungen, welche mithilfe eines Suffixes zu männlichen mutieren, sind mir nicht bekannt. Helfen tut man sich z.B. bei «Hebamme» oder «Krankenschwester» mit Ausdrücken wie die «männliche Hebamme» bzw. der «Krankenpfleger». Zur «Hausfrau» lässt sich einfach der «Hausmann» bilden, ebenso wie umgekehrt zum «Fachmann» die «Fachfrau».

Die Probleme mit der gendergerechten Sprache sind natürlich noch viel mannigfaltiger. Was mache ich mit Sätzen wie «Wer kann mir seine Ansicht dazu schildern?» oder «Der Hund ist des Menschen bester Freund.»? Soll ich Wörtern wie «Bengel, Halunke, Trottel, Hornochse, Depp, Gauner» auch weibliche hinzufügen: «der Depp – die Deppin» ?

Die Indogermanischen Sprachen, zu denen auch das Deutsche gehört, haben ihren Ursprung in einer patriarchalisch organisierten Gesellschaft. Man hat schon lange festgestellt, dass es in der indogermanischen Grundsprache keine Bezeichnungen für die Verwandten der Mutter gibt; das erklärt sich dadurch, dass die Schwiegertochter (idg. *snusos, dt. Schnur) bei der Heirat in die Sippe ihres Mannes übertrat; die jungen Familien unterstanden in diesen Grossfamilien dem mit grosser Machtbefugnis (patria potestas) ausgestatteten «pater familias». Er ist der «Schwäher» (Schwiegervater, idg. *sweƙuros), für den Vater der Frau gibt es keine Bezeichnung, auch nicht für ihre Mutter oder ihre Geschwister – zu anderen Sippen bestanden anscheinend keine engen Beziehungen.

Diese rechtliche und gesellschaftliche Dominanz des Mannes hielt über ca. 5200 Jahre an; die Aufklärung erreichte dann zwar die Emanzipation des Bürgertums vom Feudalsystem, die postulierte Gleichheit aller Menschen war jedoch noch lange nicht auf die weibliche Hälfte der Weltbevölkerung ausgedehnt – weder in rechtlicher noch in real-gesellschaftlicher Hinsicht. So wurde z.B. das Frauenstimmrecht in der Schweiz – Schande über uns! – erst vor 50 Jahren (1971) eingeführt, ja der Kanton Appenzell Innerrhoden musste schliesslich 1990 vom Bundesgericht gezwungen werden, den Frauen ihre Rechte zu geben.

Dass sich diese Umstände auf die Sprache ausgewirkt haben, versteht sich von selbst, und auch, dass die Frauen bestrebt sind, auch in sprachlicher Hinsicht mit den Männern gleichzuziehen. Die Frauen sind heutzutage in den meisten früheren Männerdomänen vertreten – dieser gesellschaftliche Wandel muss irgendwie sprachlich bewältigt werden. Leider können wir nicht zum ursprünglichen Zustand mit einem «genus commune» zurückkehren – schon die Artikel hindern uns daran; auch das englische System – Genusdifferenzierung nur beim Pronomen – würde vieles erleichtern. Von den oben geschilderten Vorgehensweisen (generisches Femininum, Partizipalformen für Nomina Agentis; Nennung beider Geschlechter), wie sie in den Medien praktiziert werden, halte ich nur die letztere für praktikabel, die beiden ersteren sind m.E. sprachlich falsch – zumindest zum heutigen Zeitpunkt. Die «Bürgerinnen» für die «Bürger und Bürgerinnen» (generisches Femininum) widerspricht dem heutigen Sprachkonsens, bei den «Badenden» für die «Badegäste» besteht ein semantischer Unterschied – das Partizip drückt einen momentanen Zustand aus (sie sind gerade jetzt am Baden), während «die «Badegäste» eine allgemeine Bezeichnung darstellt.

Ich wäre also für einen pragmatischen Weg: Doppelnennung (Lehrer und Lehrerinnen), zumindest im Titel, zu Beginn einer Rede; wenn es sich z.B. um ein Lehrerkollegium aus primär Frauen handelt, ist eine Anrede «Liebe Lehrer» schlichtwegs nicht möglich. Das generische Maskulinum (z.B. der «Ärzteverband») ist eingebürgert und nicht sehr störend, wenn es richtig verwendet wird – dies meine Ansicht als Mann. Neue Begriffe wie «Kauffrau»:«Kaufmann» sind leicht zu bilden und stören das Sprachgefühl nicht.

Die jetzige Praxis in den Medien halte ich für anbiederisch, bevormundend, sprachlich problematisch und der Sache nicht dienlich – wenn ich von den «Chefinnen der börsennotierten Unternehmen» rede, übe ich keine Gendergerechtigkeit, sondern verschleiere eher den Umstand, dass in diesen Positionen nur wenige Frauen vertreten sind.

Gendergerechtigkeit in der (deutschen) Sprache ist sicher wünschenswert, aber wohl nicht gänzlich erreichbar – jedenfalls nicht mit sprachlich adäquaten Mitteln.

Doch vielleicht haben Sie – liebe Leser und Leserinnen dieses Essays – bessere Ideen, ich würde mich über Anregungen freuen.

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