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Helmuth Schönauer
Steiles Ufer
Short Story

Im Westen der Stadt ist das Licht auf ein paar hundert Meter besser als im Rest des Talkessels, in welchen Innsbruck hineingepresst ist wie ein spontan operierter Magensack. Dieses Westlicht lässt sich am ehesten mit einer 4K-Performance vergleichen, wie sie oft aus Drohnen aufgenommen wird. Die Kanten sind überscharf und die Flächen wässrig farblos. Manchmal ergeben sich Lichtspiele, wie sie am späten Nachmittag in den herbstlichen Rhodopen Bulgariens auftreten.

Im Westen ist alles besser. Selbst Rollator-gesteuerte Spaziergänge lassen sich leichter in den Gehsteig krallen, als es die erbarmungswürdigen Senioren im O-Dorf machen müssen. Hier ist die Stadt von Pionierpflanzen besiedelt, die seit Jahrzehnten gute Miene zum bösen Spiel machen. Das böse Spiel für jede Gegend lautet: Versiegelung. Der schroffe Konzeptkünstler Lois Weinberger hat bis zu seinem Tod regelmäßig Pionierpflanzen aus der schütteren Gewerbefläche neben dem Fluss entnommen. Seit eine verstorbene Tante ihm eine Substandard- Garconnière im berüchtigten Nuttenhaus hinterlassen hatte, konnte er regelmäßig frische Pionierpflanzen ausreißen und sie in einem Jutesack an die Sowi-Universität transferieren, wo man ihm für seine Pflanzen einen Käfig aus Baustahl zugewiesen hatte. Noch in der Woche seines Todes hat er diese Tour unternommen. Wie immer war ihm dabei die Buslinie „R“ eine große Hilfe, die nach dem Aufbruch aus der Endstation Rehgasse schnurstracks in die Sowi fährt, sodass die Pflanzen nicht leiden müssen, wenn sie entnommen werden wie Wölfe, deren Entnahme freilich noch nicht erlaubt ist.

Hinter den Schüttungen für überflüssige Pflanzen ist ein Doppelhangar aufgestellt, der Rettungs- und Polizeihubschrauber beherbergt. Seit man beide Helikopter mit Nachtsichtgeräten ausgestattet hat, sind sie Tag und Nacht im Einsatz, um kaputtgegangene Menschen zu versorgen. Wenn diese noch leben, fliegt sie der gelbe Heli in die Klinik. Wenn sie tot sind, der blaue in die Pathologie. Die ständigen Flugbewegungen machen einen höllischen Lärm, der erahnen lässt, wie es einst beim Weltuntergang zugehen wird. Die Welt soll ja bei der Erschaffung sehr laut gewesen sein, folglich wird auch der Untergang ziemlich geräuschvoll ausfallen.

Gleichzeitig herrscht über diesem Areal ein perfektes Verbot für Drohnen, sodass die damit gewonnene Stille den Fluglärm etwas zu dämpfen vermag. Wie bei allen lebensentscheidenden Vorgängen zählt ja der Durchschnitt und nicht der Auszucker. Streifenwagen im Design des Polizeihubschraubers fahren halbstündlich die sogenannte Uferstraße entlang, um das Drohnenverbot zu kontrollieren. Die Anwohner sind von Drohnenüberwachung wieder auf Fotofallen umgestiegen, auf denen sie letztlich nur Rentner mit und ohne Rollator aufzeichnen. Meist verliert ein Batteriesatz in der Fotofalle seine Spannung, ohne auch nur eine einzige Aufnahme getätigt zu haben. Der Fotofallen-Quotient ist übrigens ein guter Indikator für die Wohnqualität. Je niedriger er ist, umso höher das Gefühl beim Wohnen.

Tatsächlich zeugen alle Daten über das sogenannte Westend der Stadt von hoher Lebensqualität. Seit es durch die Seuche „vorgezogene Todesfälle“ in mäßigem Schnitt gegeben hat, ist auch die Bevölkerungspyramide wieder zu einer harmonischen Stele geschrumpft, wonach zwei Junge drei Alte ernähren. Ausgesprochen klug ist auch die Namenswahl für den Stadtteil. Man hat es mit Reh- und Gemsengassen zu tun. Der Boulevard heißt schlicht Mitterweg und an den Rändern nutzen alle friedlich Tiergarten- und Uferstraße. Dieser neutrale Navigationsraster erspart es Historikern, ständig irgendwelche Namen nachjustieren zu müssen, sei es, alte Kriegsherren wie den Conrad zu entsorgen, oder stille Nazis, oder gar den noch lebenden Schriftsteller Felix Mitterer, der sich nicht zu blöd ist, sich auf alle Straßenschilder zu klemmen, wenn einmal ein Stück von ihm vor Ort aufgeführt worden ist.

Eine Gegend kannst du nur kennenlernen, wenn du täglich darin unterwegs bist! Der Sinn des Lebens ist letztlich der ewig gleiche Rundgang ums Haus bei wechselndem Licht! Ein Landstreifen wird erst dann unverwechselbar, wen ihm jemand einen solitären Namen gegeben hat. Der ehemalige Bibliothekar, der diese Uferstraße täglich halb stolpernd, halb trippelnd durchläuft, hat ihm den Namen „Steiles Ufer“ gegeben. Zur Pensionierung hat er sich einen Schwanz auf die Hand tätowieren lassen, sodass man beim Händeschütteln denkt, er helfe jemandem beim Urinieren. Freilich, das Schwanz-Tattoo war noch nicht abgetrocknet, da gab es wegen der Seuche schon kein Händeschütteln mehr und man musste sich wie beim Urinieren eines Hundes gegenseitig in die Unterläufe treten.

Dieser Ex-Bibliothekar grüßt sehr viel und wird auch ausreichend zurück gegrüßt, sodass anzunehmen ist, die Menschen wissen, um wen es sich handelt. Szenen mit Bibliothekaren sind zudem immer aufregend, weil ihnen zu jedem Satz ein Buch einfällt und sie gleichsam als angelesenes Sprachgebilde durch die Gässchen rennen, die viel zu eng wären, müsste die Sprache als etwas Physisches bewegt werden. Oft ist es ein einzelner Satz, der sich am Körper des Rentners festmacht und ihn für ein paar Stunden beschäftigt. „Der Schriftsteller lag mit dem Gesicht nach unten.“ heißt es in Platonows „Die glückliche Moskwa“ aus dem Jahr 1932. Aber es könnte auch bedeuten, dass der Schriftsteller Beamter und eingeschlafen ist. Der Pensionist plädiert für diese Deutung, da er vier Jahrzehnte lang selbst Beamter war und alles und nichts gleichzeitig erlebt hat.

Neben dem Wechsel des Lichts sind es oft Graffiti, die den einen Tag vom vorherigen unterscheidbar machen. Immer wieder steht ein neuer Schriftzug über einem alten, und nur der Fachmann und Dauerbeobachter vermag den Unterschied zu erkennen. Hier schlägt natürlich die profunde Ausbildung zum Archivar zu Buche. Und dann, gerade wenn man alles dechiffriert hat, wird ein Sprayer aus- und festgemacht, er wird verurteilt und muss den ganzen Stadtteil auf seine Kosten reinigen lassen. Im gesäuberten Geviert finden sich manche erst nach Tagen wieder zurecht und rennen planlos auf den Nächstbesten zu, den sie aber wegen der Seuche nicht berühren dürfen. Die besten Graffiti stehen freilich am Fluss. Seinerzeit hat man extra hohe Wände installiert, damit viele Sprüche darauf Platz haben. Das war noch lange vor Twitter und man musste noch rechtschreiben können, um sich an die Öffentlichkeit zu wagen. „Freiheit für Südtirol“ ist wohl drei Jahrzehnte lang an der Flussmauer gestanden, ehe Freiheit und Schrift verblasst sind.

In den letzten Tagen ist ein ganzes Programm an den Fluss gekommen, der ehemalige Bibliothekar ist begeistert und verspricht sich selbst, jung und wach zu bleiben.

WIR WÄHLEN WILLI
DENN DER HAT
SO WIE WIR
KEINE ZUKUNFT

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