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Helmuth Schönauer
News from Osttirol
Stichpunkt

Was sind schon 50.000? Nicht viel, wenn es um Einwohner geht, viel, wenn man mit einem Minderwertigkeitskomplex leben muss. Osttirol leidet seit Jahren an dieser magischen Grenzzahl, über der man ein anerkanntes Wohngebilde ist. Kaum sind ein paar Patrioten gezeugt, legen sich schon wieder auf der anderen Seite der Alterspyramide ausgekühlte Überlebenskämpfer ins Grab.

In Osttirol gibt es noch Erdbestattung, es ist genug Platz da, auch wenn man die Särge zunehmend im Neigungswinkel des Hanges für die Endlagerung einpassen muss. 50.000 ist etwa auch die Einwohnerzahl von Dornbirn, oder, wer es katholisch belegt haben will: von Passau.

In der Hauptsache ist Osttirol eine Marke, die vom Landesstudio Tirol mit dem Sub-Studio Lienz betreut wird. Seit einem gefühlten Jahrhundert sendet von dort aus der wie ein Sendemast eingerammte Universalredakteur täglich einen skurrilen Beitrag. Dieser oszilliert verlässlich zwischen Gigantismus und Idylle.
Längst hat man ihm den Spitznamen „Happy Hippi“ zugedacht, weil er aus trostlosen Wetterlagen wunderbare Geschichten zu komponieren weiß. Außerdem kann niemand so gut wie er das Letzte aus der verschrobenen Psyche eines Einheimischen herausholen, wenn er diesem ein „Söll wöll!“ entlockt.

Die Schattenseite dieses Happy-Journalismus besteht darin, dass es mit der Zeit sogar die Einheimischen selbst glauben, dass sie etwas Besonders sind.

Der Gigantismus zeigt sich vor allem in den abgelieferten Wetterlagen: die größten Windwürfe, die längste Mure, die tiefste Lawine, die steilste Feuersbrunst. Alle Erscheinungen stammen aus Osttirol, weshalb man überlegt, ein eigenes Guinessbuch der Rekorde für Osttirol aufzulegen, um der restlichen Welt noch die Chance auf etwas Großes zu ermöglichen.

Die besondere Geographie ließ seinerzeit auch die wildeste alpine Rennstrecke als Waldschneise über die Bildschirme flimmern, freilich hatte die sogenannte 2000er Strecke den Fluch an sich, dass beim Eröffnungsrennen der Bruder eines Kärntner Abfahrtswunders zu Sturz kam und seither querschnittsgelähmt ist.

Auch vom sogenannten Rennen um den „Dolomitenmann“ wissen wir nicht, wie viele nach der Competition ins Spital müssen. Gezeigt werden immer harte Typen und ein sehr beleibter Kaminkehrer, der diesen grenzwertigen Wettbewerb als ewiger Zweiter bei Abfahrtsrennen erfunden hat.

Die schroffe Gebirgsanlage ermöglicht auch die Installation diverser Klettergärten, die am Beginn so leicht gestaltet sind, dass Familien ihre Kinder mitnehmen, um ab der Hälfte zu merken, dass sie die Bergrettung brauchen. Die Osttiroler Bergrettung rettet übrigens am liebsten Kinder aus Klettergärten, weil das die größten Reichweiten erzielt.

Mit der Reichweite hat auch das größte LED-Gipfelkreuz der Welt zu tun. Dieses religiöse Symbol am Rauchkofel ist so gigantisch ausgefallen, dass manche Angst haben, es könnte von den Taliban gesprengt werden wie seinerzeit die Buddha-Statuen in Afghanistan.

In einer Umgebung, in der alles voller Gigantismus glitzert, darf auch die Kunst nicht klein sein. Als Giga-Kunstwerke zeigen sich hier vor allem die Skulpturen des Jos Pirkner, der ermunternd humorvoll oft als der „Lötkolben Hollywoods“ bezeichnet wird.

Und fehlen darf natürlich nicht „Franui“, die größte Musicbanda der Welt, die bloß einen Nachteil hat: Auf ihren CDs sind nur Witze des Bandleaders zu hören, aber keine Musik. Man könnte die Franui-CDs also auch als die größten Anmoderationen der Welt bezeichnen.

Das alles berichtet Happy Hippi in täglichen Dosen. Das Publikum außerhalb des Giga-Reservats ist gespalten. Manche wollen wenigstens einmal im Leben in dieses archaische Gebiet, um authentisch den Größenwahn einer Landschaft zu erleben. Andere wenden sich entsetzt ab: Was müssen das für seltsame Menschen sein, wenn über sie so berichtet wird!

Etwa die Hälfte der Innsbrucker Bevölkerung gibt übrigens an, noch nie in Osttirol gewesen zu sein, ein Viertel lässt durchblicken, dass es Osttirol nie besuchen wird, ein Viertel gibt zu, dass es eigentlich aus Osttirol stammt.

Helmuth Schönauer

Helmuth Schönauer (* 23. September 1953 in Innsbruck) ist Schriftsteller und Bibliothekar an der Universität Innsbruck. In seinen Romanen beschreibt er das Alltagsgeschehen skurriler Randfiguren auf dem Weg nach oben. Als beinahe lückenloser Rezensent der Tiroler Gegenwartsliteratur ist er Vertreter der "low lectured edition". Im sechsbändigen Tagebuch eines Bibliothekars sind knapp 5000 Rezensionen aus den Jahren 1982–2018 zu einem durchgehenden Fließtext zusammengefasst, der chronologisch nach Erscheinungsweise der rezensierten Bücher geordnet ist. Dadurch ergibt sich eine zeitgenössische Geschichtsschreibung anhand von Lektüre. Schönauer ist Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung.

Dieser Beitrag hat 3 Kommentare

  1. dr.eibel

    eine meistergeschichte!!!! und meisterlich geschrieben

  2. Dr. Egger

    Cool und mit mutigem Humor verfasst🦄

  3. Einer von vielen

    Soll das Sarkasmus sein? Wenn nicht, dann was für ein selten dämlicher Hirnfurz ist dem Autor da entsprungen? Meinungsfreiheit schön und gut, aber das ist purer Dreck.

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