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Hannes Hofinger
Amelie allein zu Haus
Short Story

„Ich schaffe es einfach nicht, es geht sich nicht aus, ich muss spätestens um halb Sieben im Laden sein, da kommen die Lieferanten, ich frage dich eh nur, wenn es gar nicht anders geht. Meinst du, es macht mir Spaß, dich anzuflehen? Aber sie ist ja schließlich auch dein Kind…“
„Wer weiß!“ pfauchte er zurück.
„Was? Was, was soll das denn heißen? Sag mal, spinnst du? Ach. Leck mich doch!“ und sie warf das Handy wütend und verzweifelt auf die Couch.
„Mama?“ Amelie stand im Nachthemd in der Küchentür und schaute ihre Mutter zweifelnd an.
„Mama, ist was? Warum weinst du? Kann Papa nicht kommen?“
„Alles in Ordnung, mein Schatz! Komm, trink deine Schokolade, wir müssen uns beeilen. Wenn wir ganz schnell sind, schaffen wir alles.“
„Und Papa?“
„Papa kann heute nicht.“

Bettina war knapp vor dem Überschnappen, aber sie musste sich zusammenreißen. Immer nur zusammenreißen, nur nichts anmerken lassen, schön entspannt aus der Wäsche schauen. Sie wollte nicht mehr, sie konnte nicht mehr und wäre da nicht Amelie… ja, was wäre dann? Davonlaufen? Wohin? Schuld war dieser verdammte Ex. Ihre große Liebe, ja er war wirklich ihre große Liebe gewesen, das erträumte Ziel des Weges und es hatte auch so herrlich angefangen.

Acht Minuten, läppische acht Minuten kam sie zu spät in den Superladen und sie war richtig stolz auf sich, dass sie es doch noch geschafft hatte, Amelie rechtzeitig im Kindergarten abzuliefern, das Auto ihrer Mutter zurückzugeben und dann noch mit dem Bus zur Arbeit.
Endlich wieder mal ein positives Gefühl, ja geschafft, wieder einen Tagesanfang geschafft und vor allem, ohne Hilfe des Ex.
Das tat gut.
Aber nur kurz. Da kam auch schon die Hexe gerannt.
„Die Viertelstunde arbeiten Sie am Abend ein, ist doch klar, oder?“
„Acht Minuten war ich zu spät, acht Minuten“.
„Wenn ich sage, dass Sie heute eine Viertelstunde…“
„Ok, schon gut“.

Bettina hatte laut Vertrag eine Stunde Mittagspause. Nur: Was sollte sie in dieser Stunde anfangen? Nach Hause und zurück, das ging sich zeitlich nicht aus. Amelie vom Kindergarten abholen hatte auch keinen Sinn. Wo sollte sie denn hin mit ihr? Im Betrieb durften keine Kinder von Angestellten ihre Mütter von der Arbeit abhalten. Das durften nur Kinder von Kunden mit ihren Fragen. Wo denn die Smarties mit dem Himbeergeschmack zu finden seien und warum nicht auf dem Überraschungsei drauf steht, was drinnen ist? Das sei doch EU-Vorschrift, habe der Papi im Fernsehen gesehen. Und die Milch da hinten? Die haben natürlich ganz andere Kinder ausgeschüttet und sie solle doch das wegputzen, da könne man sich ja weh tun und außerdem schaue sie heute so grantig drein, bemerkte die pelzbemäntelte Mami der lieben Kleinen.

Mittagspause gab es also de facto nicht. Hinsetzen und eine rauchen auch nicht. Rauchen schadet der Gesundheit, und im Winter vor dem Haus war es erstens nicht angenehm und andererseits von der Firmenleitung untersagt. Wie schaut denn das aus, wenn unsere Mitarbeiterinnen vor oder hinter dem Haus herumstehen und drinnen die Leute bei der Kasse warten? Das geht doch nicht! Also doch besser gleich freiwillig eine neue Kassa aufmachen und außerdem vergeht die Zeit schneller bis zum Geschäftsschluss und dann noch eine halbe Stunde, natürlich gratis, die Bude aufräumen und mit dem Putzwagen durch die Gänge fahren. Was regen Sie sich denn auf? Früher, da mussten wir mit Wasserkübel und Putzfetzen am Boden herumkriechen, mit den modernen Maschinen ist das doch keine Arbeit mehr, mein kleiner Sohn würde liebend gerne einmal mit so einer geilen Maschine durch die Gänge brausen.

Sie war geschlaucht, fix und fertig, todmüde, aber sie hatte es wieder geschafft, der Tag war abgehakt, Abendessen gekocht, Amelie gebadet, Katze gefüttert, Blumen versorgt, Oma angerufen, Amelie im Bett. Und nun wollte sie nur mehr die Füße hoch lagern, holte sich ein Glas Wein und schaltete den Fernseher ein, da begann gerade eine Diskussion über Arbeit und Arbeitslose. Kaum hatte sie es sich so richtig gemütlich gemacht, sprach die Bundesvorsitzende der Jungen Industrie und palaverte über die Einstellung der Jugend zur Arbeit und beschwerte sich, dass von der Jugend die Arbeit nicht mehr als Erfüllung und etwas Gutes, Tolles eingeschätzt werde, dass nicht schon am Montag die Leute mit richtiger Freude zur Arbeit kommen, sondern schon auf den Freitag warten, das sei keine positive Einstellung, da könne kein Erfolg usw. usw. usw…

Bettina schleuderte ihr Glas an den Fernseher, murmelte etwas von Blöder Kuh, geh scheißen, schlich ins Schlafzimmer, drückte Amelie einen zärtlichen Kuss auf die Wange, rief ihre Mutter an, dass sie doch bitte schnell vorbeikommen möge, ja wenn du schon etwas getrunken hast, dann mit dem Taxi, aber bitte schnell, du hast ja den Haustürschlüssel, ging auf den Balkon und stürzte sich vom 5. Stock.

Im Bezirksblatt der folgenden Woche stand dazu:
„Mysteriöser Todesfall: Eine junge Frau stürzte in einem Gemeindebau der P… Siedlung aus dem 5. Stock und war auf der Stelle tot. Ob Unfall oder Selbstmord konnte die Polizei auf Nachfrage nicht beantworten. Die Ermittlungen laufen.“

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