Print Friendly, PDF & Email

Franz Tschurtschenthaler
Südtirol ohne Maske
Neunter Brief

Liebe Leserinnen und Leser!

Jetzt haben wir den Weihnachtsmarathon fast geschafft, fehlt nur noch „Dreikinig“, und dann hat uns die Normalität wieder – naja, oder zumindest die sogenannte „neue“ Normalität. Während Italien in den letzten zwei Wochen – je nach Feiertag oder Werktag – zwischen roten und orangen Zonen und somit zwischen „alle zuhause bleiben“ und „Geschäfte auf und shoppen“ hin- und hergependelt ist, soll es ab dem 7. Jänner eine neue Verordnung geben, bei der die Öffnung von Bars, Restaurants und Geschäften kontinuierlich wieder erlaubt sein soll. Nix Genaues weiß man aber noch nicht, denn die italienische Regierung ist ja – auch und gerade in Covid-Zeiten – berühmt-berüchtigt für ihre südländische Spontanität.

Anders die nördlichste Region des Stiefelstaats, die auch in diesen heiligen Zeiten vor, zwischen und kurz nach den Jahren wieder einen eigenen Weg eingeschlagen hat. Die Südtiroler Lösung sah eine durchgehend gleiche Einstufung für diese Wochen vor – alles blieb bis auf die üblichen Ausnahmen geschlossen (sehr zum Leidwesen der betroffenen Sektoren). Dafür konnten und können sich die Südtirolerinnen und Südtiroler tagsüber innerhalb der Landesgrenzen frei bewegen.

Damit zollte der Landeshauptmann wohl auf Kosten der Wirtschaft den Eigenheiten seiner Landsleute Tribut, für die „aufi zu die Bergesgipfel“ nicht nur eine schnöde Zeile aus „Der Watzmann ruft“ ist, sondern Lebenselixier und einzig denkbare Wochenend- und Freizeitunterhaltung.

Dass sich damit nicht alle identifizieren können – diese Klammer sei mir erlaubt -, zeigte mir neulich eine Unterhaltung mit einem aus München zugezogenen Arzt; er beklagte sich bei mir über den Fanatismus für Sport & Berg in dieser Hemisphäre, den auch seine Frau und seine Kinder an den Tag legen würden. Nichts anderes zähle, Kultur und alternative städtische Formen des Amüsements hätten überhaupt keinen Stellenwert, und er als Flachländler täte sich damit halt schon blutig hart.

Der Mann hat mein tiefstes Mitgefühl und Verständnis, denn obwohl als geborener Älpler von Kindheit an zum Bergsport gedrängt, hat das auch bei mir nie so recht gegriffen mit dem Berg, der lauthals ruft. Vielleicht hat er aber auch gerufen, und ich bin auf diesem Ohr schlicht taub…

Das ist der durchschnittliche Südtiroler nun aber eben nicht, deshalb klang es sicher wie Musik für ihn, als der „Landesöberschte“ die Entscheidung der Südtiroler Regierung für ein eigenes Landesgesetz unter anderem damit begründete: „Wir wollen gesunde Bewegungsfreiheit ermöglichen und deshalb sollen sich die Menschen während der Feiertage innerhalb der Landesgrenzen frei bewegen können.“ Es sei wichtig, ins Freie gehen zu können, eine Wanderung zu unternehmen und die Winterlandschaft genießen zu können. Dies tue Körper und Geist gut, so Kompatscher.

Leichter gesagt als getan allerdings, das mit dem Sporteln am und auf dem Berg, denn im Gegensatz zu Nordtirol sind die Aufstiegsanlagen hierzulande alle zwangsgeschlossen. Schlimm für die ski-närrischen Südtiroler, die sich nun damit abhelfen, dass das halbe Land Skitouren unternimmt oder am Rand von präparierten Pisten aufsteigt, um diese dann wieder abwärts zu wedeln. Die andere Hälfte ist auf der Handvoll Rodelpisten und Winterwanderwegen unterwegs, die mit dem Auto erreichbar sind. Mit dem Ergebnis, dass die zugehörigen Parkplätze restlos überquellen und sich Schlangen von Bewegungshungrigen einträchtig von einem Punkt zum anderen bewegen – wie man es im Sommer schon bei den beliebten Zielen in den Dolomiten erlebt hatte. Ob das vom Corona-Standpunkt her auch noch so wahnsinnig gesund ist, sei dahingestellt.

Gerade eben wurde bekannt, dass der Gesundheitsminister in Rom eine Regelung unterzeichnet hat, nach der sämtliche Liftanlagen Italiens erst am 18. Jänner wieder öffnen dürfen – und nicht, wie von den Südtiroler Anlagenbetreibern erhofft, schon eine Woche früher. Irgendwie vermute nicht nur ich: das liegt unter anderem daran, dass den italienischen Politikern – zumindest jenen von Affi südwärts – jedes Verständnis dafür abgeht, was Wintersport eigentlich ausmacht. Als die Meraner SVP-Senatorin Julia Unterberger bei Bekanntgabe der Sperrpläne Anfang Dezember in einer Videokonferenz der Sprecher*innen der Mehrheitsfraktion mit Ministerpräsident Giuseppe Conte in die Runde warf, dass Wintersport nicht nur aus dem schwer im Corona-Verdacht stehenden Skifahren bestehe, sondern dass es noch viele andere Möglichkeiten gebe, sich in den Bergen sportlich zu betätigen, erntete sie basses Erstaunen. Was sie denn damit meine, fragte Conte nach. Unterberger zählte eine Reihe von Sportarten auf – vom Langlauf über Rodeln bis zum Eislaufen und Winterwandern. Und Conte räumte daraufhin ein, dass er ein „sehr schlechter Skifahrer“ sei und etwa vom Schneeschuhwandern noch nie etwas gehört habe.

Gerade Letzteres erfreut sich derzeit aber wie viele alternative Wintersportarten wachsender Beliebtheit in Südtirol, ebenso wie das Skitourengehen. Das belegen nicht nur die vielen Posts meiner Freundinnen und Freunde auf Facebook und Feiertags-Erlebnisberichte im Umkreis, sondern offenbar auch die Verkaufszahlen der Sportartikelhändler. Während bei Artikeln für den alpinen Skisport enorme Umsatzeinbrüche verzeichnet werden, erlebt z.B. der Sektor Skitouren hohe Zuwächse. „Man kann durch den Boom der einen oder anderen Sportart nicht die Verluste ausgleichen – aber sie zumindest reduzieren“, sagt Jakob Oberrauch, Geschäftsführer des Südtiroler Sportartikelhändlers „Sportler“. Durch die verstärkte Lust auf Individualsport hätten sich aber auch neue Chancen ergeben.
So haben etwa die Lockdowns den Berghunger nicht nur der Südtiroler weiter beflügelt, bestätigt Heiner Oberrauch, Chef der Unternehmensgruppe Oberalp/Salewa aus Bozen. Der ausgelebt wird, sobald das möglich ist. Oberrauch bezeichnet das gerade zu Ende gegangene Jahr 2020 als „eines der besten Jahre der Firmengeschichte“. Während der Modesektor total eingebrochen sei, habe man im Bergsport-Sektor stark zulegen und so ein ausgezeichnetes Ergebnis erreichen können, vertraute er jüngst dem Online-Portal STOL an.

Womit wir wieder beim „Watzmann“ wären: Für den Skiwinter 2020/21 wird wohl eher „Aufi muass i!“ die Hymne sein und nicht wie üblich „Schifoan“; einerlei – ein Ambros wird es allemal.

Ihr Franz Tschurtschenthaler

Franz Tschurtschenthaler

Franz Josef Tschurtschenthaler wurde 1980 im Schweizer Kanton Appenzell Ausserrhoden geboren und studierte Agrarwirtschaft. Zunächst war er als Agronom in Hundwil tätig, bis ihn sein Schicksal ereilte und es ihn auf den Spuren seiner Urahnen nach Südtirol verschlug. Schuld war nicht etwa die Liebe, sondern ein sehr interessantes, wenn auch nicht wirklich lukratives Arbeitsangebot. Seither wirkt Tschurtschenthaler im Spannungsfeld zwischen Bozen, Kaltern und Meran, wo er bei seiner Arbeit viel Gelegenheit hat, die Seele und Gepflogenheiten der Südtiroler zu studieren. Wenn er nicht seinem studierten Beruf nachgeht, frönt er seinem Hobby – dem Verfassen von Kommentaren, bei denen er sich selten ein Blatt vor den Mund nimmt. Selbstverständlich schreibt er genau deshalb unter Pseudonym, um dem Los seines Vorgängers im Geiste Carl Techet zu entgehen. Solange ihm dieses erspart bleibt, lebt Tschurtschenthaler mit Frau und Kindern irgendwo in Südtirol.

Schreibe einen Kommentar