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Es lebe der Kapitalismus!

Jeff Bezos ist also der reichste Mann der Welt. Entsprechend kritisch wird sein Online-Konzern Amazon beäugt. Nicht nur, dass er in den Staaten, in denen er sein Geld verdient, kaum Steuern bezahlt, was allerdings auf die Unfähigkeit der Politiker zurückzuführen ist. Und nicht nur, dass er angeblich seine Arbeiter ausbeutet, wogegen sich nicht die Kunden, sondern die Gewerkschaften zu wehren hätten, sofern sie überhaupt noch fähig sind, aus ihrem privilegierten Dämmerschlaf aufzuwachen. Amazon ruiniert angeblich auch die heimische Wirtschaft.

Wenn ich in diesem Zusammenhang allerdings meine ganz privaten Erfahrungen mit dem Tiroler Onlinehandel Revue passieren lasse, ist mir vollkommen klar, warum Bezos so reich ist und viele heimischen Online-Händler zu wenig verdienen. Bei einem ersten Kauf musste ich im Voraus bezahlen und bekam die Ware prompt. Beim zweiten Kauf ging meine Bestellung verloren. Beim dritten Kauf hörte ich wochenlang nichts, weil das Geschäft angeblich zugesperrt hatte. Und auf die vierte Bestellung warte ich seit mehr als einer Woche, ohne informiert worden zu sein, warum.

Wer bei Amazon kauft, hat ein riesiges, ideologiefreies Warenangebot, was besonders für einen Schriftsteller wichtig ist, dessen Werke ein Leben lang lieblos behandelt, wenn nicht überhaupt boykottiert wurden, weil er vor 40 Jahren zu wenig katholisch und die letzten 15 Jahre zu wenig links war. Amazon schickt auch umgehend eine Kaufbestätigung, der Kunde wird benachrichtigt, wenn die Bestellung an die Post geht, bezahlt wird erst im Nachhinein, und das ohne Innenstadt-Parkgebühren. Bei eventuellen Reklamationen und einer Rückgabe gibt es keine Probleme.

Was ist daraus zu folgern? Nur eines: Entweder die heimischen Betriebe werden gleich gut oder besser wie Amazon! Oder Jeff Bezos bleibt der reichste Mann der Welt.

Es lebe der Kapitalismus!

Alois Schöpf

Alois Schöpf

Alois Schöpf, Autor und Journalist, lebt bei Innsbruck. Alois Schöpf schreibt seit 37 Jahren in Zeitungen und Zeitschriften, zuletzt seit 28 Jahren in der Tiroler Tageszeitung, pointierte und viel gelesene Kolumnen. Er ist einer der dienstältesten Kolumnisten Österreichs. Zahlreiche Veröffentlichungen, bei Limbus: Vom Sinn des Mittelmaßes (2006), Heimatzauber (2007), Die Sennenpuppe (2008), Platzkonzert (2009), Die Hochzeit (2010), Glücklich durch Gehen (2012), Wenn Dichter nehmen (2014), Kultiviert sterben (2015) und Tirol für Fortgeschrittene (2017). Zuletzt erschien in der Edition Raetia Bozen gemeinsam mit dem Fotografen und Regisseur Erich Hörtnagl "Sehnsucht Meer, Vom Glück in Jesolo", die italienische Übersetzung wurde zeitgleich präsentiert. Und es erschien, wieder bei Limbus, "Der Traum vom Glück, Ausgewählte Alpensagen". Schöpf ist auch Gründer der Innsbrucker Promenadenkonzerte und leitete das erfolgreiche Bläserfestival fünfundzwanzig Jahre lang bis 2019.

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Nach Beginn der ersten Quarantäne hatte ich im Garten Ausgleich. Argwöhnisch bei heimischen Onlineshops rief ich vor der Bestellung an. Eine große Gärtnerei ließ sofort ein Tonband vom Stapel über deren Bio-Hintergrund, bis es mittendrin abbrach – fertig. Eine andere große hatte das Telefon unbesetzt – ebenfalls unbrauchbar.
    Bei Baumärkten nichts anderes, selbstverliebte Programmierer, beauftragt von abgehobenen Marketingabteillungen, stellen unbrauchbare und unübersichtliche Online-‚Angebote‘ bereit. Telefon? Natürlich tot. Klick und weg.
    Die Beispiele ließen sich fortsetzen, aber wozu? In Zeiten von Arbeitsverboten (was anderes ist es nicht) sind Betriebe nicht in der Lage, einige kommunikationsfreudige Mitarbeiter(innen) auszuwählen und an Telefone zu setzen, um ein Geschäft zu machen, das man anfragt, bei einem Akquisitionsaufwand von null.

  2. Hubert Steixner

    Sehr geehrter Hr. Alois Schöpf!
    Das Bekenntnis zum lokalen Handel und zu klein- und mittelständischen Unternehmen darf kein Lippenbekenntnis bleiben! Der zweite Lockdown ist für uns kleine Gewerbetreibenden eine große Herausforderung und auch für viele eine Existenzfrage
    In dieser schweren Zeit profitiert der Onlinehandel von der veränderten Marktsituation.
    Wie aus umfangreichen Studien bekannt ist, ist das Steueraufkommen der global agierenden Onlinehändler und Handelsplattformen nur sehr gering.
    Aus diesem Grund ist die Umsetzung eines gerechten Steuersystems, das zur Überwindung der finanziellen Folgen der Coronakrise beitragen muss, zu einem maßgeblichen Teil von den Coronagewinnern mitzutragen. Die gerechte Besteuerung von Großkonzernen ist gesellschaftspolitisch unumgänglich und eine große Herausforderung.
    Die Coronakrise sollte dazu genutzt werden, die Großkonzerne in die Verantwortung zu nehmen und das Steuersystem gerechter zu machen. Ich bitte sie daher, falls irgend möglich, dieses Thema aufzugreifen. Die Coronakrise könnte dafür eventuell ein guter Zeitpunkt sein.

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