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Egyd Gstättner
Könige auf Stelzen oder: Alles über Literaturpreise
Essay

Kaum ein Tag, an dem nicht irgendein Literaturpreis vergeben wird: Schon längst sind Literaturpreise wichtiger als Literatur. Einige davon habe ich im Lauf meiner Karriere im Inland und im Ausland auch verliehen bekommen – je nachdem, wer eben in der Jury gesessen ist: Viel Freund, viel Ehr; viel Feind, viel G`scher – aber insgesamt zum Glück so viele, dass ich das Thema anschneiden kann, ohne als Neider zu gelten. Ich bin übrigens schon so alt, dass ich niemals auf einer „Long“- oder „Shortlist“ gestanden bin. Jedenfalls sind die früher geheim gehalten worden. Ich habe nichts davon erfahren. Man wird in meiner Vita weder „Awards“ noch „Nominierungen“ finden. Ich bin immer gleich vom Preis verständigt worden. Die Verleihungen habe ich oft geschwänzt.

Den Literaturnobelpreis 2020 erhielt keine(r) der auf der Quotenliste der Buchmacher & Kulturredakteure stehenden Kandidaten, sondern die US-Lyrikerin Louise Glück – who else? Natürlich gab es unmittelbar nach der Bekanntgabe wieder jede Menge Experten, die sich wie folgt vernehmen ließen: „Eine gute Wahl!“ Louise Glück hat sich den Nobelpreis für Literatur redlich verdient, weil sie eine „unverkennbare poetische Stimme“ hat, mit der sie „mit strenger Schönheit die individuelle Existenz universell macht“. Aber Jamaica Kincaid, Annie Ernaux, Nurruddin Farah, Ngugi wa Thiong`o, Ko Un oder Can Xue wären auch eine gute Wahl gewesen. Dagegen wären Michel Houellebecq oder Julian Barnes selbstverständlich No-Gos, aus denen wird nix, wie schon aus Philipp Roth, Thomas Bernhard oder Tolstoi nix geworden ist. Man muss nicht Glück heißen, um Glück zu haben. Aber man muss Glück haben, um etwas zu heißen…; Heuer Glück, letztes Jahr Unglück, noch dazu wunschloses. Einmal der Gigl, einmal der Gogl.

Meine liebe Frau – sie ist vom Fach! – sagt völlig zu Recht, du hast doch auch eine unverkennbare poetische Stimme! Mach doch du einfach auch mit strenger Schönheit die individuelle Existenz universell… Stimmt! Dass mir das nicht gleich eingefallen ist! Es war in den letzten Jahren und Jahrzehnten einfach so viel zu tun… (so)dass ich einfach nicht zum Universellmachen der individuellen Existenz und zu den damit verbundenen 950.000 Euro gekommen bin. Aber jetzt setz ich mich sofort hin und mach`s!

Preise sind genial. Preise sind ein geniales Steuerungsinstrument, ein geniales Machtinstrument des Marktes. Es gibt Preise, um die man sich bewerben kann (das Hauptgebiet meiner Triumphe!) und solche, die einfach von einer handverlesenen Gruppe aus dem Establishment der Branche vergeben werden – als Initiationsritual, Auszeichnung, sozusagen: Auspreisung… Am Beginn jeder Buchmesse wird stolz der diesjährige Buchpreisträger verkündet, und am Ende der Messe, vier Tage später, wird verschämt in einem Nebensatz die Zusatzverkündigung nachgereicht, dass man im Vergleichszeitraum mit dem letzten Jahr wieder sechs Millionen Leser verloren habe, die sich aus Zeitmangel von Lektüre und Literatur verabschiedet und sich den neuen, sogenannten sozialen Medien wie Facebook, Twitter oder Instagram zugewandt haben, wo man Preisträger und Preise schnell,  kurz und schmerzlos erfährt. Wenige machen wenige, und viele müssen sich das gefallen lassen, damit sie keine schlechten Verlierer sind, und damit man nicht merkt, dass alle verlieren.

Und dann die bange Frage: „Ist die Branche in der Krise?“ (Ist Kultur eine Branche?) Und was kann man gegen die Krise tun? Noch mehr Events! Noch intensivere Eventisierung! Dann hat man die Kuh, die heilige Kuh Literatur bald endgültig geschlachtet und tranchiert, und sie ist ein für allemal tot. Jedes Jahr ein neuer König ohne Land, bis gar kein Land mehr da ist, nur noch Könige auf Stelzen.

Von der Kunst zum Eiskunstlauf zum Sport: Man stelle sich vor, der Wimbledon-Sieger würde nicht mehr in Form von Tennis-Matches auf einem Raster im k.o.-System ge“kürt“ und müsste sich nicht Ballwechsel für Ballwechsel zum Matchball hinarbeiten, sondern ein paar Tennisfunktionäre beschlössen ihn in einer nicht öffentlichen Sitzung (noch dazu, ohne dass die Teilnehmer vorher einer verbindlichen Qualifikation ausgesetzt worden wären; auch die Teilnehmer werden geheim bestellt…). Man weiß eigentlich nur, dass irgendwelche Teilnehmer irgendwo irgendwelche Tennisbälle gegen irgendwelche Tenniswände klopfen. Schließlich werden auf einer Pressekonferenz die sechszehn Achtelfinalisten medienwirksam (und verkaufswirksam) bekanntgegeben: Für die Presse ein gefundenes Fressen, weil sie einfach die Meldung übernehmen, abschreiben, publizieren muss, anstatt sich all die elendslangen, im Grund stereotypen Spiele ansehen zu müssen – ein Hundertstel Arbeitsaufwand, neunundneunzigmal mehr Freizeit fürs selbe Gehalt – auch wenn kein Medium den Mechanismus je zugeben und bestätigen würde.

Auf Experten muss und kann man sich vom Volksvertreter abwärts eben verlassen, alles andere wäre Neid, Missgunst, Querulantentum. Und für den „Leser“ gilt dasselbe: Man assoziiert einfach zum jeweiligen Preisträger den Preis, das dauert eine Sekunde, während die Lektüre vielleicht ein Monat dauert und zu einem unsicheren Ergebnis mit dem Codewort Subjektivität führte. Während man durch die richtige Antwort (Name des Preises) automatisch bei den Gebildeten und Gerechten ist, bei den Guten, Wahren und Schönen!

Und ein Monat später wird nach einer weiteren geheimen Sitzung zum selben Thema auf einer weiteren, noch aufsehenerregenderen Pressekonferenz schließlich noch medienwirksamer und noch verkaufswirksamer der heurige Wimbledonsieger bekanntgegeben: And the winner is… Trommelwirbel, noch mehr Trommelwirbel… noch besser kann man es gar nicht machen, noch spannender gar nicht inszenieren, ein „Krimi“ (jetzt also wieder: Kunst!) und noch dazu: Die Ökonomie in jeder Hinsicht! Alora, eine win-win-Situation! The losers standing small, aber die können es sich nicht aussuchen: Die Verlierer verlieren, ohne verloren zu haben: Dunkelheit, Versenkung. Egal.

Ja, sagen die „Experten“ naserümpfend, sofern komplettes Ignorieren nicht mehr möglich ist, Kunst ist Kunst und Sport ist Sport, aber Kunst sei kein Sport, Kunst und Sport könne man nicht vergleichen: Doch, natürlich kann man sie vergleichen: Man kann alles miteinander vergleichen, was zu einem Teil unterschiedlich, zum anderen Teil gleich ist: Und die professionelle Kunst hat mit dem professionellen Sport gemeinsam, dass sie als Wettbewerb betrieben wird, als beinharter, brutaler Wettbewerb und Ausscheidungskampf – mit dem Unterschied, dass künstlerische Leistung, künstlerische Qualität nicht messbar, sondern ermessbar ist, dass Messbarkeit Sache der Messgeräte, Uhren, Resultate, Regeln, Reglements ist, unterwanderbar nur nuancell durch Schiedsrichterei; Ermessbarkeit dagegen beliebige, willkürliche Sache der Ermesser und ihrem Intrigenspiel und Lobbying, regellos, reglementlos, gesetzlos, Geschmacksfrage, der Schiedsrichter ist gleichzeitig Spielmacher, es gilt das Diktat des Schiedsrichtergeschmacks.

Steigend auf so wie Gestirne geh`n sie wie Gestirne nieder… Wie bei allen Wettbewerben verschwinden ihre Inhalte nach der Entscheidung in der Versenkung – und die wahren Experten sind die wenigen, die sich für ein Werk begeistern, auch wenn sein preisgekrönter (oder ungekrönter) Schöpfer aus den Schlagzeilen verschwunden ist. Wer schaut sich aus ästhetischen Gründen ein fünfstündiges Wimbledon-Finale eines vergangenen Jahres an, dessen Ergebnis er schon kennt? In beiden Wettbewerben, Sport und Kunst, geht es um Erfolg und Ruhm. Aber im Sport führt der Erfolg zum Ruhm. In der Kunst der Ruhm zum Erfolg. Kunst ist – wortwörtlich – pervers.

Die niedrigsten Literaturpreise sind mit etwa 500 Euro dotiert; die renommierteren deutschsprachigen, sozusagen die Formel I mit 25.000 bis 40.000 Euro, der Nobelpreis (der ist der Welt-Jackpot) mit circa 950.000 Euro. Die Preisträger müssen natürlich keine Bücher verkaufen: Die leben bis an ihr seliges Ende von ihren Preisgeldern. Die Preise befreien die Preisträger von ihrem eigenen Markt und Geschäft. So gesehen sind Literaturpreise nicht nur Anerkennung von Experten (und „Experten“), sondern vor allem Ersatz für Erfolg bei Leserinnen und Lesern. (Und – nota bene – ich spreche hier keinesfalls von dem, was unter „Trivial-„ oder Unterhaltungsliteratur fällt.) Wie bei allen Heiligsprechungen gilt: Ab sofort ist man sakrosankt. Aber gleichzeitig erledigt. Vortot.

Einen Preis aber gibt es hierzulande nicht, nur in der Grande Nation, la France, und deswegen schlage ich ihn, der anders ist als alle anderen, hier als dringende literaturgesellschaftliche Maßnahme vor: Den Prix Goncourt d`Allmagne et d`Autriche! Genauso wie der originale Prix Goncourt, der wichtigste und begehrteste französische Literaturpreis, sollte er mit exakt 10 (in Worten: zehn) Euro dotiert sein (damit könnte sich der stolze Preisträger gerade eine Tasse Kaffee und ein Stück Maroni-Torte leisten…), aber genau wie sein französisches Vorbild die realistische Aussicht auf jede Menge Buchverkäufe gewährleisten. Diese symbolischen zehn Euro bedeuteten nämlich, dass man nicht von einer kleinen Lobby bis zum Nimmerleinstag künstlich gestützt werden muss, sondern in der Öffentlichkeit und bei den Menschen angekommen und ein wirklicher Faktor in der literarisch interessierten und versierten Gesellschaft geworden ist.

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