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Der eigene Klang
Haben Flügelhörner und Bassflügelhörner noch einen Platz in der Standardbesetzung leistungsstarker Blasorchester?

Die Beobachtungen könnten gegensätzlicher nicht sein. In farbenprächtiger Schönheit marschiert eine Trachtenkapelle durch das Dorf zum Musikpavillon. So bezwingend die Optik der aus barockem Design abgeleiteten Gewandung der Musikerinnen und Musiker auch sein mag, die in der ersten und zweiten Reihe auftrumpfenden Flügelhörner „stimmen“ weder jetzt beim Marschieren, noch später beim Konzert – ein Problem, von dem die etwas leichter beherrschbaren Bassflügelhörner weniger gequält werden. Dafür lassen sie mit ihren meist viel zu groß geratenen Blechkübeln das übrige Orchester im mulmigen Klangbrei versinken. Bittere Bilanz: Klassische mitteleuropäische Trachtenkapellen, die sich der klanglichen Probleme ihrer weitmensurierten Blechbesetzung nicht bewusst sind, verbauen sich schon allein deshalb den Weg zur Spitze.

Andererseits: Irgendwann gehen einem auch die noch so exzellent und präzise spielenden Horden von schwarzgekleideten Musikerpinguinen auf die Nerven und man sehnt sich vor allem als Alpenländer nach jenem warmen, sinnlichen und weichen Ton, der den meist auf Präzision und Transparenz getrimmten internationalen Blasorchestern schmerzlich fehlt. Und man stellt darüber hinaus die berechtigte Frage, ob es wirklich sinnvoll ist, wenn die Entwicklung der Bläsermusik nicht divergierende klangliche Idiome zulässt und fördert, statt sich unter dem Diktat von Jurys und Verlagen auf einen international austauschbaren Sound hin zu entwickeln?

Die Antwort auf so gegensätzliche Beobachtungen ist nicht schwer zu erraten: Ja! In gleicher Weise, in der zum Beispiel jeder Österreicher stolz auf den spezifischen Klang seiner Wiener Philharmoniker, aber auch seiner klassischen Volksmusik sein darf, sollten auch die besten unserer der alpenländischen Lebenskultur verpflichteten Blasorchester niemals ihren unverwechselbaren Klang einer größenwahnsinnig unter dem Titel „Bläserphilharmonie“ auftrumpfenden, globalisierten Austauschbarkeit opfern. Zugleich darf dieses Bekenntnis zur musikalischen Identität jedoch nie und nimmer mit einem Verzicht auf Transparenz, Klangkultur, Stimmung und technische Perfektion einhergehen.

Dieses allgemein formulierte Ziel kann nur durch ganz konkrete Maßnahmen verwirklicht werden, die allerdings in ihrer Härte für viele Amateurvereine kaum realisierbar sind, als langfristige strategische Perspektive aber nicht aus dem Auge verloren werden sollten.

1. So ist festzuhalten, dass von den Musikschulen in der Regel im Hinblick auf die Besetzung von Blasorchestern bei der Zuteilung von Planstellen, Lehrern und Schülern zu bestimmten Instrumentengruppen keinerlei Rücksicht genommen wird. Der Tatsache, dass moderne Blasorchester heute zu mehr als der Hälfte wenn nicht zu zwei Dritteln aus Holzblasinstrumenten bestehen, widerspricht grotesk eine Realität, die immer mehr Blechbläser produziert, deren Ehrgeiz zwar zunehmend durch die auch in Mitteleuropa florierende Brassband-Szene aufgefangen wird, die andererseits jedoch, statt die Probleme im Blasorchester zu lösen, sie nur noch verschlimmern.

2. Wenn nämlich auf den spezifischen Klang weitmensurierter Instrumente nicht verzichtet werden soll, so ist gleichzeitig zu bedenken, dass deren technische Kapazität mit der Flexibilität einer Geige oder einer Klarinette nicht zu vergleichen ist. Dies bedeutet im Umkehrschluss, dass Flügelhornisten und Tenoristen, wenn sie denn schon eingesetzt werden sollen, hervorragende Musiker sein müssen, die zudem auf hochwertigen, einem schlanken Ton verpflichteten Instrumenten mit zueinander passenden Mundstücken zu spielen haben. Und da von solchen Meistern am Instrument in einem Orchester erfahrungsgemäß selten allzu viele anzutreffen sind, sollte das Flügelhornregister mit höchstens drei Musikern, Tenorhorn und Bariton jedoch überhaupt mit nur jeweils einem Musiker besetzt werden. Die Realität in den meisten unserer Amateur- oder Trachtenkapellen sieht leider ganz anders aus. Dort bestehen Flügelhorn- und Tenorregister nicht selten aus sechs, wenn nicht mehr Musikerinnen und Musikern, die in Instrumente blasen, deren Ziel offenbar darin besteht, bei minimal vorhandenem Ansatz möglichst viel Lärm zu entwickeln.

3. Gerade in ländlichen Gebieten gelten die Register Flügelhorn und Bassflügelhorn als besonders prestigeträchtig, was zur Folge hat, dass alte und verdiente Musikanten zum Schaden des restlichen Orchesters oft nicht zu weichen bereit sind, dies aber auch schwer können, da ihre Instrumente nicht wie etwa im Klarinettenregister Platz für verschiedene Qualitätsabstufungen bieten. Die für den Orchesterklang durchaus attraktive Möglichkeit, schwächere Musikerinnen und Musiker mit einem aus der Brassband Bewegung bekannten Alt-Horn mit seinem weichen Ton für die Begleitung einzusetzen, wird zudem von vielen Amateuren als Erniedrigung empfunden, obgleich es im Gegenteil ein sehr wichtiger Dienst an der Gemeinschaft wäre und den technischen Fähigkeiten der Betroffenen oftmals ideal entgegen käme.

4. Zuletzt darf in diesem Zusammenhang die durchaus süffisant gemeinte Feststellung nicht fehlen, dass in der Dirigentenausbildung der fragwürdige Zauber mit dem Dirigentenstab eine viel zu große Rolle spielt. Viel wichtiger wäre es, die Dirigenten, sofern ihr Orchester nicht überhaupt über einen eigenen Arrangeur verfügt, dazu zu verpflichten, die jeweiligen Stücke auf das genau formulierte Klangziel des Orchesters hin einzurichten. Aber auch den Musikerinnen und Musikern wäre begreiflich zu machen, dass eine spezifische Instrumentation, welche Besetzungsprobleme im Orchester auszugleichen hat, nicht durch heimlichen Notentausch unterlaufen werden sollte, was leider sehr oft geschieht, wenn sich Musiker durch den geringen Schwierigkeitsgrad ihrer Stimme in ihrem Selbstwertgefühl unterschätzt fühlen.

Bleibt zusammenfassend die Erkenntnis, dass Flügelhörner und Bassflügelhörner in einem modernen Blasorchester lediglich für die Färbungen des Klangs verantwortlich sein können, nicht mehr jedoch, wie es in den guten alten Zeiten der marschierenden Militärmusikkapellen noch gewesen sein mag, für den Haupttransport des musikalischen Inhalts. Sie haben als blechbläserische Variante des aus dem Sinfonieorchester abgeleiteten klassischen Streichquartetts ausgedient. Diese Funktion hat inzwischen der aus der großen Harmoniemusik entwickelte, durch das Saxophonregister angereicherte Holzsatz wesentlich überzeugender übernommen. Und nur wer diesen Entwicklungsschritt zur Kenntnis nimmt, wird Erfolg dabei haben, den Klang der weitmensurierten Flügelhornfamilie doch noch für die Gegenwart zu retten.

Dieser Beitrag hat 3 Kommentare

  1. Thomas Ramsl

    Sehr guter Blog!!! Und großartig zusammengefasst!!

  2. Gernot Mang

    Interessante Ansichten Herr Schöpf!
    Was diese Problematik betrifft, scheiden sich die Geister. Flügelhörner und Tenöre einfach zu besetzen, kann auch nicht zweckmäßig sein, ergibt doch erst der Zusammenklang mehrerer Instrumente der gleichen Familie das warme und obertonreiche Klanggefüge, das die österreichische Klangtradition auszeichnet.
    Dass man hier mit entsprechend hochqualitativen Instrumenten, speziell auf Instrument und Musiker abgestimmten Mundstücken und der Hoffnung, dass der oder diejenige auch übt, nachhelfen MUSS, ist kein Geheimnis mehr. Auch die meisten Kapellmeister sind bereits zu dieser Erkenntnis durchgedrungen und sind bemüht, hier Abhilfe zu schaffen, jedoch sind dies meist Projekte, welche sich über Jahrzehnte erstrecken können, denn letztlich ist auch der finanzielle Aspekt nicht zu unterschätzen!
    Um die klangliche Vielfalt eines modernen Blasorchesters auch im Amateurbereich mehr fördern zu können, sollte man auch MEHR versuchen, dass Blasorchester „partiturgetreu“ zu besetzen und hier mit Cornetten oder auch Euphonien Abhilfe zu schaffen. Ich persönlich halte wenig davon, wenn man große Werke der originalen, österreichischen Blasmusikliteratur, wie z.B. Tanzer’s „Tirol 1809“ modernisieren will und Flügel-bzw. Tenorhorn einfach ausradiert und entsprechende Stimmen ins Holz bzw. in andere Blechgruppen transferiert. Denn eine Bemerkung sei mir gestattet – NUR Fortschritt um des Fortschritts wegen, ist ebenso der falsche Weg, genauso wie nur stur auf den „alten“ Klangvorstellungen zu beharren.
    Wer immer nur das tut, was er schon kann, wird immer nur das sein, was er schon ist – Zitat: Henry Ford

    Liebe Grüße,
    Gernot Mang
    Kapellmeister Stadtkapelle Murau

  3. Mary Lugna

    Sehr geehrter Herr Schöpf!

    Auch ich dachte schon Jahrzehnte über die Zustände in der Blasmusik nach. Immer wieder hörte man nur groß: Quaqua! Noch dazu haben da ahnungslose Leute mitgeredet. Ist denn die Musik mit der Politik verwandt? Man sagt noch immer „Musikland Österreich“. Aber was ist daraus geworden? Wie viele österreichische Musikkapellen können oder wollen unsere traditionelle Musik gar nicht mehr spielen. Da kommen großteils nur noch trockene Noten. Der Wiener Klangstil ist schon ziemlich ruiniert, da immer wieder ausländisches Zeug nachgeahmt wird, das oft auch nicht gelingt, worüber nicht nur Österreicher schon gelacht und sogar geschimpft haben, sondern auch Ausländer. Und das waren Leute aus verschiedenen Altersgruppen. Wie kann da gesagt werden, dass das Publikum so etwas will?

    Wo ist da die Weiterentwicklung des Wiener Klangstils? Was wird im Ausland von lebenden Komponisten aus Österreich gespielt? Natürlich muß man nicht nur die tradionellen Sachen spielen, aber bitte nur Kompositionen, die machbar sind. Nicht jedes Werk, das für Konzert- bzw. Sinfonieorchester komponiert wurde, ist transkribierbar, oft lohnt es sich auch nicht. In der 2. Hälte des 19. Jh. wollte man mit dem Blasorchester das Sinfonieorchester nachahmen. Das war leichter gesagt als getan. Mit dem Unterschied, dass das Publikum damals nicht die Vergleichsmöglichkeiten von heute hatte. Nach 1970 wurden die Blasorchester als zu blechern bezeichnet. Aufgrund der hohen Stimmung konnten gewisse Instrumente nicht besetzt werden, was bei Normalstimmung möglich ist. Hier ist auch die Transkription leichter möglich. Leider wollen manche die Big-Band nachahmen. Das führt dazu, dass die traditionelle Musik nicht mehr das ist, was sie war, und die andere Art, mit der man wahrscheinlich bluffen will, klappt meist auch nicht. Es wurde früher sogar von namhaften Leuten gesagt: Blasmusik Kasmusik!

    Viele aus der Bevölkerung wissen gar nicht, was die Blasmusik wirklich ist und glauben, das ist nur Tschinbum udgl. Die komplette Besetzung haben nicht einmal alle Militärmusiken, am ehesten manches Bezirks- od. Landesblasorchester und da gibt es oft Probleme mit den Probeterminen. Mit einer Besetzung, wie die Verlage sie vorschreiben, wären auch viel mehr Klangmöglichkeiten vorhanden, aber durch die allzuvielen Verdopplungen ruiniert oft ein Register das andere, besonders bei leisen Stellen. Ein geschickter Kapellmeister muss hier Kompromisse machen. Die Verleger und auch so mancher Komponist meinen, dass alles mit jeder Besetzung spielbar ist. Ein Stück, bei dem etwa mindestens 40 Musiker erforderlich sind, kann man doch nicht mit einer Egerländer- oder gar mit einer Oberkrainerbesetzung spielen.

    Die Ansichten der Kapellmeister sind auch verschieden, manche wollen keine Saxophone. Ist irgendwie verständlich, wenn schlechte Bandmusiker darunter sind. Aber ein guter klassischer Saxophonsatz ist wertvoll. Natürlich, die Verdopplung etwa Altsax. mit Tenorh. sowie Tenorsax. mit Eufon. ist außer in den Tuttistellen weniger gut. Sonst mischen sich Th./Euf. mit den tiefen Klarinetten gut, ebenso die Saxophone. So wäre zu empfehlen, gewisse Stellen zuerst mit Sax. Und mit den tiefen Klarinetten und bei der Wiederholung mit Th./Euf.+ Klar. zu spielen, oder umgekehrt. Flügelhornisten, sowie Tenor- u. Euphonisten sind froh, wenn sie einige Takte Pause haben. Das wäre bei leiser bis mittelmäßiger Dynamik mit dem gesamten Holzsatz möglich. Natürlich, bei der Marschmusik, überhaupt im Freien, braucht man das weitmensurierte Blech, das doch seit jeher zu den Hauptinstrumenten gehörte.

    Mary Lugna

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