Print Friendly, PDF & Email

Bettina Maria König
Eines Nachts im Mondschein
Short Story

Nach Pepes Abgang folgte wieder eine längere männerfreie Phase, was recht langweilig war, zumal die Pralinen, die er mir in seinem Liebestaumel überreicht hatte, nicht ewig ausreichten. Um der Wahrheit Genüge zu tun: Sie gingen an einem einzigen Abend drauf, in dem ich in Selbstmitleid und Weltschmerz versank. Denn der dunkle Traummann Julian spukte nach wie vor in meinem Kopf herum, und das nicht wenig. “Du brauchst Abwechslung”, stellte Bea fest. Bea war eine Frau, die wusste, was sie wollte. Und sie wusste meist auch, was ich wollte. Oder sagen wir mal: Was ich wollen sollte. Jetzt also Abwechslung! Bea schlug einen Tenniskurs vor. Also schrieb ich mich gehorsam in einen Anfängerkurs am Sportinstitut der Universität ein, versorgte mich mit der passenden Ausrüstung und erschien pünktlich zur ersten Stunde.

Meine Erwartungen waren alles andere als hoch. Denn sonst hätte ich Franz gar nicht angesehen. Allerdings war es fast unmöglich, ihn nicht anzusehen. Ich habe noch nie einen Mann getroffen, der mich so angehimmelt hat wie Franz. Seine Blicke verzehrten mich förmlich. Und nach der Erfahrung mit Pepe war ich nun sogar imstande, das zu bemerken und auch richtig einzuordnen. Wenn ich ehrlich bin, habe ich durch Franz erst entdeckt, dass ich gar nicht so unansehnlich bin. Was ich ihm immer noch sehr zugutehalte. Naja, manche mögen mich direkt für hübsch halten. Nur damals hielt das leider stets nur solange an, bis mich der anfangs interessierte Mann ansprach. Dann nämlich entdeckte er, dass ich unheilbar schüchtern und trotz der Viktor-Episode immer noch viel zu romantisch veranlagt war. Und Männer mögen nun einmal keine schüchternen und romantischen Frauen. Da schrillt bei ihnen der Kletten-Alarm. Sie sind ihnen zu anstrengend. Männer mögen Frauen wie Bea, die vor Selbstbewusstsein nur so strotzen.

Obwohl, ganz stimmt das auch wieder nicht. Denn Franz mochte mich. Er ließ mich von Anfang an keine Sekunde aus den Augen, sammelte für mich die in alle Ecken verschlagenen Bälle ein und erklärte mir synchron mit dem Tennislehrer, wie Vorhand und Rückhand funktioniere (was Letzterer übrigens nicht so goutierte). Denn Franz war ein Tennisprofi. Naja, fast halt. Dass er mich sehr in sein Herz geschlossen hatte, zeigte sich auch dadurch, dass er unerschütterlich als mein Trainingspartner zur Verfügung stand, obwohl jeder Ball, den ich schlug, drei Felder weiter landete, und er sich eigentlich hätte unsäglich mit mir langweilen müssen. Die Unterhaltung zwischen uns war auch etwas schwierig. Denn Franz sprach nicht viel, außer es ging eben um Vorhand und Rückhand. Und wenn er es tat, verstand ich kaum etwas. Franz kam aus einem sehr engen Seitental in Südtirol, von ganz hinten oben, und sein Dialekt war dementsprechend streng. Sein Äußeres ließ in puncto Gepflegtheit ebenso zu wünschen übrig, was ihn weniger attraktiv erscheinen ließ, als er tatsächlich war. Dazu hatte er ein Glasauge – Folge einer Kindheitserkrankung. Nicht, dass mir Letzteres etwas ausgemacht hätte – alles andere aber leider schon.

Dennoch – seine Anhänglichkeit rührte mich sehr. Und er war eigentlich – abgesehen von Kleidung, Dialekt und Körperpflegegewohnheiten – doch ein recht hübscher Kerl, groß, schlank, dunkler Lockenkopf und ziemlich durchtrainiert. Und eigentlich ja auch sehr nett. Ich weiß schon, was Sie jetzt denken. Nett ist der kleine Bruder von… Aber irgendwie war es höchste Zeit, dass ich mir mal einen Freund zulegte; ich war ja schon Richtung alte Jungfer unterwegs mit meinen fast 19 Jahren. Meine sehr vorausschauende Mutter hatte mir längst Handtücher und Gläser für die Aussteuer besorgt, die langsam aus der Mode kamen. Und überhaupt – vielleicht war es überhaupt besser, überlegte ich, wenn der Mann verliebter war als ich selbst. Andersherrum hatte ich es ja schon ausprobiert, und das war ordentlich schiefgegangen. Bea bestätigte diese Meinung, als ich meine Gedanken mit ihr teilte: „Es ist sogar Grundvoraussetzung für eine Beziehung, dass der Mann dich mehr liebt, du Dummerchen! So behältst du deine Unabhängigkeit!“, sagte sie und legte gönnerhaft den Arm um mich. Na dann…

Irgendwann, eines Nachts im Mondschein, ließ ich mich also von Franz küssen. Auch wenn die Szene etwas skurril war. Wir waren nach der Tennisstunde noch eine schnelle Pizza essen gegangen und auf dem Weg zu unseren Autos, als er mich abrupt am Arm packte. „Alma!“, sagte er. Und dann kam lange nichts. Ich wollte weitergehen, denn ich war müde und wollte heim, aber seine Hand umklammerte immer noch meinen Arm. „Alma!“, nahm er einen zweiten Anlauf. „Ja?“, half ich ihm, „willst du mir die Vorhand noch einmal erklären?“. Er schüttelte ungeduldig den Kopf. Und wieder Stille. „I mog di“, brachte er schließlich heraus, dann riss er mich ohne Vorwarnung an sich und drückte seine Lippen heftig auf die meinen. Naja – ein sinnlicher Kuss war, aus heutiger Sicht jedenfalls, etwas diametral Anderes, aber es war dann doch irgendwie auch wieder süß. Und vor allem: Franz tat meinem Selbstbewusstsein einfach unheimlich gut – ich lechzte nach den Abfuhren durch Viktor und Julian geradezu nach Anerkennung und Bestätigung meines Frau-Seins. Und die gab er mir in Hülle und Fülle.

So ergab es sich, dass ich nun endlich einen Freund hatte. Allerdings war alles anders als in meiner Vorstellung. In meinen romantischen Kurzgeschichten, mit denen ich weiterhin spätnächtens meine Sarah-Kay-Schatulle füllte, kam Franz überhaupt nicht vor, muss ich gestehen. Denn mein Enthusiasmus über die Liebesbeziehung mit ihm hielt sich nach einem kurzen anfänglichen Hoch darüber, endlich liiert zu sein, leider deutlich mehr in Grenzen als seiner. Zum einen, weil mir seine körperliche Nähe nicht wirklich angenehm war. Weshalb ich seine reichlich tollpatschigen Versuche, etwas mehr Intimität zwischen uns aufkommen zu lassen als einen Gutenachtkuss, immer geschickt abwehrte. Und zum anderen, weil in meinem Hinterkopf und Herzen immer noch ein gewisser dunkelhaariger, „Spiegel“-lesender J. herumspukte, der sich leider als ungemein hartnäckig erwies. Aber das hätte ich nie zugegeben, nicht einmal vor mir selbst. Ich wollte doch immer einen in Liebe ergebenen Freund? Nun, jetzt hatte ich ihn endlich. Einen, um den mich gar einige Frauen beneideten, wie ich aus so manchem Blick beim Tenniskurs ablesen konnte. Was mich stets um ein paar Zentimeter wachsen ließ.

Aber bald begannen Franz´ tägliche Anrufe und Besuche mich total zu nerven. Umso mehr, je größer mein Selbstbewusstsein durch ihn wurde – ein fataler Kreislauf, den mein lieber Freund sozusagen selbst in Gang gesetzt hatte. Da kam es mir nur gelegen, dass ich nach Semesterschluss einen sommerlichen Studienaufenthalt in Florenz eingeplant hatte. Ich hatte nämlich von der Universität ein Stipendium an einer Sprachenschule zugestanden bekommen. Franz brachte mich zum Bahnhof, mit Tränen in den Augen. „Du wersch mir saggrisch fahln! I werd‘ dir jeden Tog schreibn, gonz sicher!“, schwor er. Mich schauderte. Aber Bea und Renate, die auch gekommen waren, um mich vor diesem italienischen Abenteuer noch mal fest zu drücken, sahen mich anerkennend von der Seite an. „Amüsier‘ dich gut, Süße! Lass es krachen!“, meinte Bea nach einer kleinen Pause mit Engelsmiene, und ich bin mir sicher, sie sagte das nur, um Franz zu provozieren und seine Gefühle für mich noch weiter zu schüren – ganz nach ihrer Theorie über Mann-Frau-Beziehungen.

Ich war ungemein erleichtert, als ich mich in meinen Sitz fallen lassen konnte und der Zug sich endlich in Bewegung setzte. Und ich hatte plötzlich das Gefühl, einem ganz neuen Leben entgegenzufahren. Wie recht ich damit haben sollte, wusste ich damals natürlich noch nicht.


Bettina Maria König

Bettina König wuchs als Tochter eines tüchtigen Apothekers im sehr fernen Außerfern auf, wo es ihr aber bald zu kalt und provinziell wurde. Sie flüchtete nach Innsbruck und mutierte via Studium zum Dr. phil., um postwendend in die Riege der „Tirol Werber“ aufgenommen zu werden. Als das Bedürfnis nach Wärme noch größer wurde, nahm sie eine Stelle als Presseverantwortliche in Bozen an – nicht ahnend, dass es dort mit der Provinzialität noch schlimmer bestellt ist als im heimatlichen Reutte. Dem Berufsbild des professionellen Schreiberlings treu bleibend, durchlief sie in Südtirol mehrere Positionen und war zwischendurch auch freiberuflich als PR-Fachkraft, Journalistin und Texterin tätig. Das Bedürfnis nach kreativem Schreiben befriedigte sie unter anderem durch die Herausgabe eines Kinderbuchs („Die Euro-Detektive“) für eine Südtiroler Bank. Derzeit zeichnet sie für die Unternehmens-Pressearbeit von IDM Südtirol verantwortlich, hat die kreative Schreiblust aber immer noch nicht gebändigt. Zwei erwachsene Kinder.

Schreibe einen Kommentar