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Andreas Braun
So soSpazieren, Innehalten, Sprechen lernen.
( ...im zweiten Lockdown behördlich gestattet/empfohlen...)

Wo immer auf der Welt, spaziere ich entlang den Meeresufern: Um den Blick und die Seele zu weiten. Um zu staunen über das Mysterium des Lebens, das in Urzeiten aus dem großen Wasser das feste Land eroberte. Um ein Sandkorn zwischen den Fingern zu spüren und an die Worte von Isaac Newton zu denken: Unser Wissen über die Welt gleicht jenem kleinen Partikel vor dem Hintergrund eines ganzen Sandstrandes voller Unwissenheit. Und immer mehr: Um über die weltweit gleichen Devotionalien unseres zivilisatorischen Narzissmus zu stolpern: Skulpturen aus Plastik, „ready-mades“ aus Styropor, Schüttbilder aus Öl, mit vollen Mägen an menschlichem Müll verhungerte Fische, als sichtbare Indizien eines unsichtbaren Kosmos all der giftigen Chemikalien, Phosphate und Mikroteilchen.

Ausgeträumt: Die Illusion von der unendlichen Regenerationsfähigkeit unserer Weltmeere verfliegt angesichts dieser Bilder meines Strandspazierganges. Doch mit dem Diktum „wo Gefahr droht, wächst das Rettende auch“ suche ich Trost bei Friedrich Hölderlin und rufe mir die vielversprechenden technologischen Therapien des Recyclings und der Prävention ins Gedächtnis. Die düstere Prognose, wonach sich die Menschheit im „Anthropozän“ den Ast, auf dem sie sitzt, selbst absägt, darf nicht zutreffen. Wir werden – frei nach Newton – neue Sandkörner des Wissens sammeln und das Überleben der Menschheit der Verschmutzung der Meere, der Bedrohung durch den Klimawandel und jener durch die Atombomben zum Trotz weiterhin absichern. Wir werden schon nicht stranden, denke ich, während der Sand meine Fußsohlen durchwärmt.

Solchermaßen sinnlich geerdet blicke ich in die Ferne und bestaune die Verschmelzung des Meeres mit dem Himmel unter der Regie eines unsichtbaren Lichtgottes. Sentimental gestimmt horche ich in die Wellen hinein und memoriere ein Gedicht August von Platens: “ Nächtlich am Busento lispeln bei Cosenza, dumpfe Lieder, aus den Wassern schallt es Antwort, in den Wirbeln klingt es wieder…“.

Tatsächlich gibt mir das Wasser Antwort und ich fühle mich in einer absoluten Gegenwart, in einem vollen Sein, mit der Natur und dem Leben innerlich aufs engste verbunden. In mir festigt sich spontan die Erkenntnis, dass es – komplementär zu aller technokratischen Intelligenz – dieses tiefen Gefühls der individuellen Weltverbundenheit bedarf, um die Weltmeere zu säubern und die Atmosphäre zu reinigen.

„First person ecology“ vom Feinsten, wie sie der Biologe und Philosoph Andreas Weber in seinem wunderbaren Büchlein „Minima Animalia – ein Stundenbuch der Natur“ nennt. Diese Naturgeschichte der ersten Person, diese „Biologie von innen“ verwirklicht sich weniger in einem Laborprotokoll als in einem Gedicht. Weil wir als Erforscher des Lebens immer selbst Teil dieses Lebens sind, betreiben wir Wissenschaft immer schon von innen, subjektive oder „orphische“ Wissenschaft.

Eine Biologie in der ersten Person verfolgt keine empirische sondern eine poetische Objektivität. Diese Haltung Andreas Webers findet ihre Bestätigung in einer Vielzahl von Publikationen: Der Ökopsychologe Paul Shepard meint, dass sich unsere eigene Psyche nicht auf unseren seelischen Innenraum beschränkt, sondern sich sicht-, riech-, schmeck- und tastbar im belebtem Raum der Natur fortsetzt. Der Neurobiologe Joachim Bauer wiederum erforschte das Phänomen der Spiegelneuronen. Warum ich fühle, was Du fühlst? Er fand heraus, dass das menschliche Sprachzentrum mit Spiegelneuronen durchzogen ist. Sprache als existentielle Symbolik, die einen Raum der Lebendigkeit eröffnet. Ludwig Wittgenstein: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt!“

In unseren Zeiten, da sich Lyrik angesichts ökonomischer Irrelevanz aus der Unterrichtspraxis immer mehr verabschiedet und die sogenannten „sozialen Medien “ eine differenzierte Sprachkunst nicht gerade begünstigen, sollten wir über die Dimension unserer fortschreitenden Sprachlosigkeit nachdenken. Wie sollen wir uns denn mit den Weltmeeren aussöhnen, wenn wir in Dreck schleudernden Luxusdampfern auf unsere Handys starren statt am Meeresstrand zu sitzen, eine Taucherbrille aufzusetzen, die Wunder der Wasserwelt zu bestaunen und, wieder getrocknet, zur Feder zu greifen und das Lächeln einer Muräne, das metallische Glitzern des Schuppenpanzers einer Streifenbrasse oder die Schönheit einer gelb-violetten Groppe in Worte, Bilder oder Töne zu fassen!

Nur durch elementares “ spiegelneuronales“ Eintauchen in die mystische Erhabenheit der Natur und der poetischen Ergriffenheit ob dieser unmittelbaren Erfahrung können wir unsere Welt vor universellem Missbrauch und energetischem Vampirismus retten!

“ Wenn ihr’s nicht erfühlt, ihr werdet’s nie erjagen“ (J.W. v. Goethe!)

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. entlang den Meeresufern…

    Ich erinnere mich an einen Incentive-Aufenthalt in Kreta. Ein schönes Hotel, keiner der öden rechteckigen Adria-Kubaturspender, blendend weißer Sandstrand, dahinter azurblaues klares Meer. Einige Schritte vom Strand weg ein Swimmingpool, dessen Sinn sich mir bei der Ankunft nicht erschloss. Am nächsten Tag verstand ich. Einige aus der Reisegruppe saßen dort von der Ankunft bis zur Abreise an einem Tisch und spielten Karten. Das Meer vor ihren Augen haben sie nie gesehen.

    Manchmal wäre es einfacher, den Avatar hinzubeamen und selbst zu Hause zu bleiben.

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