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Alois Schöpf
Zur Anthropologie des Landlebens
Lärm und Testosteron

Es ist wieder soweit. Sie rücken ein letztes Mal aus, um das Bauspar-Versailles auf nachsommerlichen Hochglanz zu bringen. Zu solch hohem Zweck hat sich einer meiner Nachbarn im Ausverkauf eine neue Motorsense angeschafft. Der Lärm, den sie macht, kommt an jenen eines mittleren Kompressors oder eines auffrisierten Mopeds heran. Aber auch der allen technischen Neuentwicklungen gegenüber höchst aufgeschlossene Bauernstand ruht nicht und mäht ein letztes Mal das Gras, um es gegen Abend mit brausendem Getöse Richtung Straße zu blasen. Fehlt nur noch, dass der Nachbar rechts oberhalb mit seiner Kreissäge das Holz für den Winter vorbereitet und in der Wohnsiedlung weiter oben der Hausmeister ausrückt und mit seinem Rasenmäher, der aus russischer Produktion stammen muss, in Aktion tritt.

Damit ist das Landleben perfekt!

Und es ist an dieser Stelle wahrlich müßig, die Frage zu stellen, weshalb in unserem Staat, der alles und jedes zum Wohle seiner Bevölkerung regelt , indem er etwa Fahrverbote für laute Motorräder erlässt, ausgerechnet all jene Maschinen, die im Wohngebiet zur Pflege des Gartens und privater Vorratsbewirtschaftung eingesetzt werden, einen Lärm machen dürfen, wie er in jeder Industriehalle strengstens verboten wäre. Wobei ich als alter Liberaler eigentlich auf die Vernunft bzw. die Empathie bzw. die Rücksichtnahme jedes einzelnen vertrauen sollte. Das scheint im konkreten Fall jedoch nicht möglich zu sein. Der Lärm, von dem hier die Rede ist, hat nämlich nichts mit Vernunft, nichts mit Empathie und schon gar nichts mit Rücksichtnahme zu tun. Er kann – ich muss es gestehen, obgleich ich eigentlich kein Freund des militanten Feminismus bin – nur eine Folge des männlichen Hormons Testosteron sein, das verhaltensbiologisch zu überdurchschnittlichem Imponiergehabe, Kampfverhalten, Balz und Begattungsdrang führt.

Wenn man nämlich all die freundlichen Zeitgenossen, die einem mit ihren Maschinen die schönsten Stunden der letzten Sommertage vergällen, Revue passieren lässt, fällt eines auf: Es handelt sich nie um Frauen. Es agieren durchwegs Männer, und zwar meist eher voluminöse, gorillaartige Exemplare, bei denen der Verdacht besteht, dass ihre Geltung in der Welt aufgrund von Pensionierung auf Limes gegen Null zusammen geschrumpft ist. Im Aufbegehren gegen diesen betrüblichen Zustand stehen sie nun wütend in ihren Gärten und möchten jene Anerkennung genießen, die sie sich früher erzwungen haben und die ihnen jetzt verwehrt wird, weil sie mit ihrer ganzen langweiligen Existenz allen im Umkreis gleichgültig sind, wenn nicht gar auf die Nerven gehen.

Das sommerliche Lärmen ist also mitnichten, wie es auf den ersten oberflächlichen Blick hin scheinen mag, die gleichsam gedankenlose Produktion von Radau. Es ist vielmehr als die hormonell unterfütterte Notwendigkeit zu betrachten, sich als abdankender Macho in einem letzten verzweifelten Aufschrei unter maschinellem Einsatz mit der Faust auf die Brust zu trommeln und allen im Umkreis ins Ohr zu brüllen, dass da noch jemand ist, der von sich behauptet, einmal etwas gewesen und noch immer etwas zu sein.

Der Mensch ist also nicht, wie es im uralten Schlager heißt, a Sau (daran siehst es genau!), sondern eher ein hündisches Wesen, das sich bemüht, das Revier seiner Existenz nicht mehr mit urologischen, sondern gleichsam mit zivilisatorisch-kulturellen Botenstoffen zu markieren. Sofern Intelligenz und Bildung fehlen, geschieht dies eben nicht über Bücher, Filme, Bilder, teure Kleider, Geld, Autos, im fortgeschritten Alter auch nicht mehr über Sport oder eine tolle Figur, sondern über Rasenmäher, Motorsensen, Kreissägen und Hochdruckreiniger. Oder auch, wenn dann der Winter kommt und der Schnee all die Aktivitäten unmöglich macht, über noch grünes Holz, das in die Heizanlage geschoben wird, worauf sich stinkender Rauch über das halbe Dorf senkt und alle mitbekommen: Aha, der Herr Meier, Huber, Hofer, Schmid, Müller etc. ist wieder da!

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Ich bin eben, ziemlich als letzter von meinen Freunden und Bekannten, die sind schon vorher gegangen, dem Verdichtungswahn und den wuchernden Zwangsbeglückungen der Stadtpolitikerinnen entronnen und aufs Land gezogen. Einige städtische Nachbarinnen, weiblich, fehlen mir mit ihren rasenmähenden Höllenmaschinen gar nicht. In meiner ehemaligen Gegend konnten sich Familien längst keine Wohnung mehr leisten, daher lauter Student*Innen-WGs. Eine davon feiert immer, also sind nachts die Fenster zu. Das Feuermachen würde ich allerdings an eine Prüfung binden, denn viele können es nicht. Ein Feuer, das heiß ist und freudig lodert, raucht nicht oder fast nicht. Den Grünschnitt kann man in der Entsorgungsanlage der Gemeinde abgeben, kostenlos.

  2. Gertrud Webhofer

    Ja sehr nervig auch in der Stadt… Was bei uns im Stadtteil Allerheiligen noch dazu kommt, dass es grüne Mode geworden ist, sich Hühner inkl. HAHN zu halten. Und dieser kräht dann ab 6 Uhr unaufhaltsam durch die Gegend.

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