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Alois Schöpf
Das Böse existiert!
Unter dem Vorwand, die Würde der Opfer zu wahren, wird der Genuss der Voyeure geschützt.
Essay

Da wurde ordentlich die Ethikkeule ausgepackt! Bevorzugt von jenen, die sich selbst als seriös bezeichnen, wahrscheinlich aber nur neidisch sind, dass andere erfolgreicher und schneller agierten. Der Sender oe24.tv mit Papa und Sohnemann Fellner, der es im Zuge der Berichterstattung über den Terroranschlag in Wien angeblich auf 600.000 Zuseher brachte, war dabei Gegenstand besonders heftiger Kritik. Er ist ja nicht nur dem ORF mit seinen überbezahlten Hofmoderatoren ein Dorn im Auge, tritt er doch immer wieder den Beweis an, dass guter politischer Journalismus nicht, wie ein gewisser Herr Wolf das meint, aus Inquisitionsritualen besteht, sondern dass man auch unter Wahrung von Gastlichkeit und Höflichkeit von den Interviewten herausbekommt, was man erfahren möchte. Und dass sich das Publikum über einen Politiker, den man nur ausreden lassen muss, schon selbst ein Urteil bilden und daher darauf verzichten kann, die Schlachtschüssel speisefertig präsentiert zu bekommen. Gerade in der eine Staatskrise verursachenden sogenannten Ibiza-Affäre kommt den Fellners darüber hinaus das Verdienst zu, nicht nur über die Unsäglichkeiten der vermutlich mit Drogen vollgeknallten Herrn Strache und Gudenus berichtet zu haben, sondern auch über eine kriminelle Vorgeschichte, von der Journalistenkollegen aus sogenannten Qualitätsmedien massiv profitierten und sich für ihre Skandalgeilheit auch noch Preise umhängen ließen.

Die Fellners ärgern naturgemäß auch eine alte Tante wie das „Profil“, das bei sinkenden Auflagenzahlen seine Felle als Chefgouvernante der Republik davonschwimmen sieht und sich in einem Artikel des erleuchteten Herrn Paterno zur Empörung aufschwingt, oe24.tv bekomme vom Staat über die Privatrundfunkförderung 2,8 Millionen und darüber hinaus Inseraten-Aufträge, deren Verteilung und Höhe tatsächlich diskussionswürdig sind. Wenn man allerdings bedenkt, dass ein ORF, der am Abend des Terroranschlags in Wien stundenlang ein wesentlich langweiligeres Programm vorlegte als oe24.tv, durch Zwangsgebühren ca. 630 Millionen Euro und durch seine mit staatlicher Unterstützung ausgebaute Monopolstellung über ein Budget von etwas mehr als 1 Milliarde € verfügt, kann Paternos Vorwurf nur noch in die Gefilde kleinlicher Missgunst verwiesen werden.

Was aber wird oe24.tv eigentlich vorgeworfen und was führte zu angeblich mehr als 700 Beschwerden beim Presserat? Die Verfehlung des Senders bestand offenbar darin, dass er Handyvideos, die ihm von den Schauplätzen des Attentats zugespielt wurden, bzw. Material aus Überwachungskameras, das angeblich auch international verbreitet worden war, in seine Berichterstattung übernahm und dort mehrfach wiederholte. So sollen sich darunter, ich selbst kann es nicht bestätigen, obgleich ich den ganzen Abend lang zwischen staatlichem Rundfunk und oe24.tv hin und her wechselte, auch Sequenzen befunden haben, in denen der Attentäter Opfer niederschießt, was der Verein Medienjournalismus Österreich laut Profil wie folgt kommentierte: „Diese Form von Journalismus ist unverantwortlich und degoutant und gibt den Tätern auch noch eine Bühne. Solche Veröffentlichungen widersprechen nicht nur dem Ehrenkodex der Presse, sondern können auch juristische Folgen nach sich ziehen, weil die Verbreitung von Aufnahmen, auf denen Opfer eines solchen Anschlags zu erkennen sind, medienrechtlich unzulässig ist.“

Dass in Anbetracht solcher Empörung selbst der Hohepriester des erhabenen Denkens Hans Rauscher vom Standard leichtes Bauchgrimmen bekommt, spricht für seine analytische Intelligenz. Rauscher schreibt: „Wie weit soll man das Böse zeigen? Es ist ein schmaler Grat…Der STANDARD und die meisten seriösen Medien zeigten daher auch nicht das Foto, das der Wiener Attentäter von sich selbst mit seinem Waffenarsenal aufgenommen hat. Schon gar nicht zeigten wir das Video, bei dem die Ermordung eines Opfers zu sehen ist. Da geht es um Menschenwürde. Das Fellner-Medium „Oe24“ und die „Krone“ brachten es ursprünglich, nahmen es dann aber von der Website…Es gibt allerdings auch die Meinung, dass man eine solche Szene auch nicht beschreiben soll. Ich glaube dennoch, das ist zulässig, weil es um den unbedingten Vernichtungswillen des Attentäters geht. Manchmal muss man daran erinnert werden: Das Böse existiert.“

Das ist aber schon nett, Herr Rauscher, dass sie erlauben, das Böse zu beschreiben. So in der Art von Homers Ilias oder der Bhagavad Gita oder eher, weil doch Journalismus, in der Art von Caesars De bello Gallico? Würde das ihren Niveauvorstellungen und den Niveauvorstellungen ihres Qualitätsmediums entsprechen? Haben Sie eigentlich, geschätzter Kollege, der sie ein paar Jährchen älter sind als ich, ganz vergessen, dass es vor allem zwei, die Damen und Herren des Vereins Medienjournalismus Österreich würden sagen, degoutante Bilder waren, die als Ikonen den Vietnamkrieg beendeten, weil sie den Zuhause in den USA bequem in ihren Fernsehsesseln lümmelnden und Chips fressenden Bürgerinnen und Bürgern vor Augen führten, welch abgrundtief absurdes und brutales und inakzeptables Theaterstück da ihre Söhne aufführen mussten? Das Bild des nackten Mädchens, das um sein Leben rennt (Bildunterschrift: 8. Juni 1972. Von Napalm getroffen, rennt Kim Phuc aus ihrem brennenden Dorf in Vietnam und „Nick“ Ut drückt auf den Auslöser seiner Kamera. Foto: Nick Ut/AP.) Und das Bild jenes Polizisten, der einem Mann gerade einen Kopfschuss verpasst (Bildunterschrift: Der Polizeichef von Saigon tötet einen Mann in Zivil per Kopfschuss. Dieses berühmte Kriegsfoto von vor genau 50 Jahren wurde zu einem Wendepunkt im Vietnamkrieg – es zeugt von der Macht der Bilder!). Glauben Sie wirklich, Herr Rauscher, dass ein ähnlicher Effekt auch nur annähernd durch die zitierten, immerhin ziemlich präzisen Bildunterschriften bewirkt worden wäre?

Mit Sicherheit kann davon ausgegangen werden, dass Papa und Sohnemann Fellner sich nicht aus solch medientheoretischen Überlegungen heraus – nach langem Ringen, müsste man ironisch hinzufügen – dafür entschieden, die inkriminierten Sequenzen in ihr Programm aufzunehmen. Nein, sie taten es naturgemäß aus kommerziellem Interesse, um möglichst hohe Einschaltziffern zu lukrieren, was ihnen ja auch gelungen ist. Und sie taten es aus einer simplen Skandalgeilheit heraus, die bei ihren Kolleginnen und Kollegen des ORF mitnichten weniger stark hochkochte, sich jedoch aufgrund josephinischer Selbstzensur nicht in dieser Art ausleben ließ. Dies hatte denn auch zur Folge, dass der ganze Abend im ORF mehr einem absurden Theater von Eugène Ionesco glich, da stundenlang über etwas berichtet wurde, worüber niemand etwas genau wusste, worüber nichts gezeigt werden durfte und worüber daher niemand etwas genaueres zu sagen vermochte.

Den Fellners mediale Selbstreflexion und ein daraus abgeleitetes, bewusst dem Mainstream widersprechendes ethisches Verhalten zu unterstellen, wäre also zu viel der Ehre. Vater und Sohn passen wie die meisten anderen, die sich über sie empörten, zu einer Elite, die, wie etwa bei Hans Rauscher, nur kleinste Blitzlichter der Selbstkritik zulässt, um ja nicht ein in den oberen Etagen der Medienkonzerne immer noch exzellentes, inzwischen durch die sozialen Medien und das Internet massiv bedrohtes Einkommen zu gefährden. Vor diesem Hintergrund erweist sich das Geschwätz über die Würde der Opfer, über degoutante Bilder und den journalistischen Ehrenkodex lediglich als verbale Nebelmaschine, deren Aufgabe darin besteht, das wahre Geschäftsinteresse zu verschleiern: Den Konsumenten, den Fernsehzuschauer, den Rundfunkhörer und, zwangsweise in die gedruckte Distanz gezwungen, auch den Zeitungsleser davor zu bewahren, sich durch die unmittelbare und unleugbare und nicht wegzappbare Präsenz der Katastrophe, des Unheils, des Bösen in seinem Genuss gestört zu fühlen.

Aus der ursprünglichen Selbstbeauftragung des Journalismus, die Bürgerinnen und Bürger eines Landes über alle relevanten politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Belange zu informieren, sie also aufzuklären, um ihnen dadurch die Möglichkeit zu geben, ihren eigenen Verstand zu gebrauchen, besteht die Selbstbeauftragung der Vierten Macht im Staate inzwischen vor allem darin, im hysterischen Dienst für höhere Einschaltziffern und Auflagen Information in Infotainment, damit Aufklärung in Genuss und vernunftbegabte Bürger in am Geschehen unbeteiligte nachrichtengeile Voyeure zu verwandeln.

Fortsetzung Freitag 20. 11. 2020

Alois Schöpf

Alois Schöpf, Autor und Journalist, lebt bei Innsbruck. Alois Schöpf schreibt seit 35 Jahren in Zeitungen und Zeitschriften, zuletzt seit 28 Jahren in der Tiroler Tageszeitung, pointierte und viel gelesene Kolumnen. Er ist einer der dienstältesten Kolumnisten Österreichs. Zahlreiche Veröffentlichungen, bei Limbus: Vom Sinn des Mittelmaßes (2006), Heimatzauber (2007), Die Sennenpuppe (2008), Platzkonzert (2009), Die Hochzeit (2010), Glücklich durch Gehen (2012), Wenn Dichter nehmen (2014), Kultiviert sterben (2015) und Tirol für Fortgeschrittene (2017). Gründer und fünfundzwanzig Jahre lang künstlerischer Leiter der Innsbrucker Promenadenkonzerte.

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Elias Schneitter

    lieber alois,
    da führst du eine saftige breitseite, die ich ehrlich gesagt erst mal verdauen muss, um mehr und detaillierter mit dir darüber zu diskutieren. Aber im ersten moment hinterlassen mir teile deiner zeilen doch ein mulmiges gefühl.
    „voyeure schützen“??? – das versteh ich nicht.
    infotainment des orf – was macht der fellner?
    (in tirol hab ich kein oe24 – in wien schon, aber ich bin kein besonderer fan.)
    wozu der ewige neid gegen die orf-journalisten, ich finde es gut, wenn leute gut bezahlt werden.
    ich verteidige auch die öffentlich-rechtlichen und wenn einem die gebühren (ca 15 euro für ein gutes breites programm) zu teuer sind, der kann sich ja abmelden.
    das böse zeigen, okay. mich stört das nicht besonders, weil ich mir es nicht anschaue.
    vielleicht wären die köpfereien im fernsehen mit machete der beste schutz gegen den is.
    opfer schützen ist einfach in ordnung.
    und kriminellen keine bühne bieten ist wichtig.
    da denk ich an die raf-arschlöcher.
    die werden in den öffis jetzt schon beinahe hofiert und zu märtyrern stilisiert. für mich sind das nichts weiter als kaltblütige mörder und dass sie sich aufgehängt haben war das einzig vernünftige, das sie je getan haben.
    ich kann mit der romantisierung, die da zuweilen platz greift (klammheimlich) nichts, aber schon überhaupt nichts anfangen.
    das wollte ich dir auf die schnelle antworten.
    muss da mehr in ruhe nachdenken und dann mit dir diskutieren.
    ich kenne deinen kampf als bedingungsloser aufklärer – wie heißt es bei den jesuiten: mit feuer und schwert! Schätze sehr häufig deine positionen, weil sie meine gedanken in meinem geschützten kopf-pensionisten-hafen durchwirbeln und frischluft bringen.
    nun, mein alter hitzkopf, ich bin auf den zweiten teil gespannt und auf unser nächstes und hoffentlich baldiges glas wein, da haben wir viel zu streiten, denn mit deinem oe24 hast du dich meiner meinung nach vergallopiert.
    aber ich bin gespannt auf den nächsten teil.

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