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Editorial Die Debattenkultur ist tot: Achtung Verletzungsgefahr!

Österliche Familientreffen sind aus Gründen der Infektionsgefahr heuer entfallen. Einerseits schade, andererseits kräftesparend. Denn was ist anstrengender als inhaltsleerer Smalltalk und das konzentrierte Bemühen, nur ja keinem aus dem einerseits geliebten und geschätzten, andererseits in seinen Vorurteilen immer mehr verblödenden Verwandten- oder Freundeskreis näherzutreten. Denn längst ist es ein Gebot der Klugheit, sich bei festlichen gesellschaftlichen Anlässen eigene Listen über Themen anzulegen, über die besser nicht gesprochen wird, um die genussreiche Harmonie des Zusammenseins nicht zu stören. Dies gilt natürlich nicht nur – gerade zu Ostern – für Personen, die, theologisch noch so uminterpretiert, an die leibliche Auferstehung Christi inklusive ihrer eigenen honetten Person glauben und zugleich den Anspruch erheben, als vernunftbegabte Zeitgenossen behandelt werden zu wollen. Das „Feine Schweigen“*  hinsichtlich der Behauptung, der Glaube sei in gleicher Weise eine Annäherung an die Wahrheit wie die wissenschaftliche Erkenntnis, symbolisiert lediglich den Kern des Problems. Ob es um die Sinnhaftigkeit der sogenannten Willkommenskultur, die angebliche Friedfertigkeit des Islam, die Verruchtheit des Kapitalismus, „bad governance“ in Afrika, die Wirksamkeit von Globuli oder Bachblüten, der Verzehr von Schweinefleisch, die Message Control des Bundeskanzlers, den unmittelbar bevorstehenden Rechtsputsch oder die Berechtigung der Metoo Bewegung unter besonderer Berücksichtigung von Gustav Kuhn geht! Es gibt kaum noch ein Thema, über das zu sprechen sich nicht längst als ein Minenfeld militanter Abgrenzungen erweist. Durch narzisstische Selbsterhöhung und Distinktionsgewinn, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen, wird die als inakzeptabel erahnte Bedeutungslosigkeit der eigenen Person verdrängt, die servile Verneigung des sozialen Umfelds vor den je eigenen ideologischen Befestigungsanlagen als Zahlungsmittel der Zuneigung anerkannt und fälschlicherweise als Toleranz interpretiert.

Dieser jeden Erkenntnisfortschritt verhindernde Hang zur geistigen Selbstbefriedigung ist aber nicht nur auf das sogenannte gemeine Volk beschränkt, wie es sich bei österlichen Verwandtschaftstreffen zu versammeln pflegt. Auch hochkarätige Veranstaltungen wie etwa der Europäische Mediengipfel Lech, zu dem ich dankenswerterweise schon mehrfach als journalistische Provinzpomeranze eingeladen wurde und den amtierende, abgehalfterte und ihrer Ernennung harrende ChefredakteurInnen führender Gazetten zu bevölkern pflegen, erwies sich in diesem Zusammenhang als deprimierendes, aber auch höchst belustigendes Fallbeispiel.

So hielt ein gewisser Heribert Prantl, ab 2011 Mitglied der Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung, in den Jahren 2018 und 2019 Leiter des Meinungsressorts dortselbst und, wie ich nach einem Besuch der Buchhandlung Hugendubel am Münchener Marienplatz angesichts meiner Unkenntnis beschämt feststellen musste, einer der großen und erfolgreichen säkularen Bußprediger Bayerns, vor zwei Jahren den Eröffnungsvortrag. In der Moll-Tonart moralistischer Selbstberauschung und mit dem typisch entspannten Gesichtstonus und der tiefen Stimmlage des von seiner Heilsbotschaft Überzeugten erging Prantl sich im Vortragssaal des sonst von der niederländischen Königsfamilie besuchten Fünfsternehotels Post in umfassendem Weltenjammer. Als ehemaligem Jesuitenschüler ist mir diese Art der Frömmelei bereits seit meinem zehnten Lebensjahr bekannt, wobei ich sie im konkreten Fall als noch abstoßender empfand als in meiner Jugend. Denn wo vor einem halben Jahrhundert immerhin noch ein durch die Hürden einer langen Ausbildung und Gehirnwäsche formatierter Jesuit vor den barocken Kulissen einer großen katholischen Kirche predigte, betete hier in priesterlichem Mimikry ein eitler Journalist im Dienste seiner selbst und natürlich seines um Auflagen kämpfenden Blattes die Litanei des bevorstehenden Weltuntergangs herunter. Die Punkte, die er dabei zur Sprache brachte, stimmten im Übrigen mit der Liste jener Themen überein, bei denen auch bei Verwandtschafts- und Freundschaftstreffen Widerspruch unerwünscht ist. Mit dem einen Unterschied allerdings, dass bei aller Zeitnot und bei allem Stress von einem Journalisten und Mitglied der Chefredaktion doch erwartet werden kann, international beachtete Grundlagenwerke wie etwa Stephen Pinkers „Aufklärung jetzt“ oder Angus Deatons „Der große Ausbruch“ präsent zu haben. Die beiden Werke, in denen auf Basis zahlreicher Statistiken der Beweis geführt wird, dass die Menschen heute gesünder, wohlhabender und länger leben als früher, hätten nämlich, sofern sie auch nur im Ansatz der Runde hoher Geister in Lech bekannt gewesen wären, dem Gejammer des Herrn Prantl, dass es in der Welt immer schlechter zugehe, den Garaus gemacht. Unbelästigt von solch aktueller Fortbildung konnte nicht nur der Redner vor sich hin salbadern, auch die versammelte Zuhörerschaft genoss im Bewusstsein, zur medialen Elite zu gehören, ihre zu diesem Anlass besonders aufgeputzte edle Gesinnung.

Erheiternd wurde das Eröffnungsritual zuletzt dadurch, dass mich die sakrale Ignoranz des Vortragenden dermaßen in Rage versetzte, dass ich im Gegensatz zu meinem fest gefassten Entschluss, die nächsten Tage nicht den Mund aufzumachen, sondern die Wallungen des Zeitgeists aus anthropologischer Sicht nur zu beobachten, den zustimmenden Applaus am Ende des Vortrags durch lautes Buhrufen zu entweihen versuchte. Da mir dies beim ersten Mal nicht zu gelingen schien und sich weder jemand empört zu mir umdrehte, noch, was ohnehin ein Wunder gewesen wäre, mit mir in den Protest einstimmte, setzte ich noch einmal lautstark nach. Mit demselben Ergebnis. Man ignorierte mich. Und zwar nicht, weil man mich nicht gehört hatte, das war schlicht unmöglich, sondern weil mein Protest offenbar als äußerst peinlich, als Infektion des sauberen Denkens durch geistigen Schmutz interpretiert wurde, durch den man sich mitnichten den Abend verderben lassen wollte. Da flüsterte man sich schon lieber zu später Stunde die neuesten Gerüchte zum Sexualleben des aufgrund seiner Jugend und seines Erfolgs beim Wahlvolk von vielen oft geradezu bestialisch gehassten neuen Bundeskanzlers zu.

Ob österliches Verwandtschaftstreffen oder elitärer Haubenmenü-Kongress von Medienleuten; ob gemeines Volk der Lesenden, Schauenden und vor allem Abonnierenden oder die Meinungsmacht der Schreibenden, Kommentierenden und von ihren Äußerungen Lebenden: um die Debatten-Kultur der Gegenwart ist es schlecht bestellt. Die weltbürgerliche Liberalität ist im Zeitalter kleinbürgerlicher Karrieregeilheit nahezu ausgestorben. Unmissverständliche Interventionen sind daher, auch wenn sie vorerst von kaum jemandem zur Kenntnis genommen werden sollten, unabdingbar. Dadurch dass sie einfach da sind, erfüllen sie – zumindest theoretisch – die Aufgabe, das Publikum wieder an die Schärfe von Argumenten zu gewöhnen und den Schreibenden an ihren durch den Kampf um Aufmerksamkeit stickigen Arbeitsplätzen Luft nach oben in die Gefilde des freien Denkens zu verschaffen. Gleichsam als Verfassung dieses Bestrebens können dabei die Gedanken des großen Liberalen John Stuart Mill über den Sinn und Nutzen der Meinungsfreiheit aus „Über die Freiheit“ gelten.

„Wir haben nun also erkannt, dass für das geistige Wohlbefinden der Menschheit (wovon alle andere Wohlfahrt abhängt) die Freiheit der Meinung und die Freiheit, diese auch auszudrücken, notwendig ist, und zwar aus vier Gründen, die wir kurz wiederholen wollen.

  1. Wenn man eine Meinung zum Schweigen zwingt, so kann sie doch, soweit wir wissen können, richtig sein. Das leugnen, hieße unsere eigene Unfehlbarkeit beanspruchen.
  2. Mag auch die zum Schweigen gebrachte Meinung irrig sein, so kann sie doch – was häufig genug vorkommt – ein Körnchen Wahrheit enthalten. Und da die allgemeine oder die vorwiegende Meinung über eine Sache selten oder niemals die ganze Wahrheit enthält, hat der übrigbleibende Teil nur durch Zusammenprallen entgegengesetzter Meinungen Gelegenheit, unterstützt zu werden.
  3. Selbst wenn die überlieferte Meinung nicht nur die Wahrheit, sondern sogar die ganze Wahrheit enthielte, so würden die meisten derer, die sie teilen, sie nur als eine Art Vorurteil annehmen, mit wenig Verständnis oder Sinn für ihre verstandesmäßige Begründung, wenn man nicht zulässt, ja sogar darauf besteht, sie in vollem Ernst zu bekämpfen. Und nicht nur dies, sondern
  4. auch der Sinn der Lehre selbst wird in Gefahr sein, verloren zu gehen oder geschwächt und seines lebendigen Einflusses auf den Charakter und die Handlungsweise beraubt zu werden. Das Dogma wird ein rein formales Bekenntnis, wirkungslos für das Gute, doch wird es den Grund überdecken und dadurch das Wachstum einer wirklichen, von Herzen gefühlten Überzeugung aus Vernunft oder Erfahrung verhindern.“

(John Stuart Mill, Über die Freiheit, Reclam 3491)

  • Fritz Stern, Das feine Schweigen, Historische Essays, C.H.Beck 1999
  • Steven Pinker, Aufklärung Jetzt, Für Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt, S. Fischer 2018
  • Agnus Deaton, Der große Ausbruch, Von Armut und Wohlstand der Nationen, Klett-Cotta 2017
  • John Stuart Mill, Über die Freiheit, Reclam 3491

PS:

Dieser Text wurde ursprünglich als Editorial für die auf meine Initiative hin wiederbelebte Diskursplattform „Alpenfeuilleton“ verfasst. Zu meinem großen Bedauern erwies sich jedoch die Professionalität meiner beiden jungen Partner, die diese Plattform ursprünglich gegründet hatten und denen ich einige renommierte Autoren für ihre Wiederauflage vermitteln konnte, mit meinen Vorstellungen von Präsentation, Redaktion und Journalismus unvereinbar. Aus diesem Grund entschied ich mich, auch nach vielen Gesprächen mit diesbezüglich erfahrenen Fachleuten, das Wagnis einzugehen, einen eigenen Blog zu gründen.

Dieses Wagnis besteht dabei weniger im Finanziellen, als vielmehr darin, neben unendlich vielen anderen Bloggern als überdrehter Narziss in inflationären Textmassen unterzugehen. Dass sich Qualität und Substanz durchsetzen, eine Überzeugung, die mir von meinen idealistisch gesinnten Lehrern in der Jugend mitgegeben wurde und an deren Richtigkeit ich während eines nicht mehr ganz kurzen Lebens sehr oft massive Zweifel hegen musste, wird hier also noch einmal der experimentellen Prüfung unterzogen.

schoepfblog wird einmal die Woche, idealerweise jeweils am Mittwoch, erscheinen. Sollte mir bei einer über den statistischen Graubereich hinausgehenden Wahrnehmung seitens der Leserschaft die Einsamkeit, alles alleine zu schreiben, auf die Nerven gehen, werde ich mir erlauben, auch Gäste einzuladen.
Alois Schöpf  Juni 2020 

Dieser Beitrag hat 4 Kommentare

  1. Zu Deinem oben stehenden Artikel und dem Hinweis auf Autoren, die Deine Ansicht vertreten, es gehe sehr wohl besser mit der Menschheit als üblich von den Medien behauptet wird:
    siehe auch das Buch von Hans Rosling, das ich Dir geschenkt habe.
    Liebe Grüße
    Erich

    1. Alois Schöpf

      Hallo Erich!
      Dein Einwand ist vollkommen richtig.
      Das von dir empfohlene und absolut lesenswerte Buch heißt genau:
      Hans Rosling, Factfulness, Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist. Ullstein Taschenbuch 2019.
      Alois

  2. Peter

    Das ‚Selbstmord‘-Thema hat mich auf deine Fährte gebracht – außerdem:
    ich wünschte, dein Titel ‚Achtung, Verletzungsgefahr‘ wäre mir eingefallen…

  3. Schade um den Narziss, sagte der See zum Baum, im Spiegel seiner Augen sah ich immer meine eigene Schönheit. (Oscar Wilde)
    Die Narzissten der Zeitungsbranche haben sich in den letzten zehn Jahren etwa die Hälfte der Leser weggeschrieben. Dass sie das nicht bemerken lässt, sich nur durch Peters Paradoxon erklären. Dein Blog wird die Wahrnehmungsschwelle sicher überschreiten, dann habe ich neben dem Unterberger noch etwas, was ich lesen will.

    Viel Glück,
    Reinhard

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